Paderborn. Führen breit angelegte Programme zur Gewaltprävention und zur Stärkung von Familien zu messbaren Erfolgen - oder sind sie nur ein zahnloser Tiger? Auf diese Frage möchte Wolfgang Walter, Jugend- und Sozialdezernent der Stadt, in ein paar Jahren eine wissenschaftlich fundierte Antwort geben. Das bundesweit einmalige Projekt "Modellregion für Erziehung", das gestern im Rathaus gestartet wurde, soll den Beweis für die Wirksamkeit solcher Programme liefern.
Der Projektname lautet "Famos". Dahinter verbirgt sich der Anspruch "Familien optimal stärken". Die gesunde Entwicklung junger Menschen zu fördern und auffälliges und aggressives Verhalten in Familien, Kindertagesstätten und Schulen zu vermindern, sei das Ziel, sagte NRW-Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU). Dafür gelte es die Kompetenz von Eltern und Erziehern nachhaltig zu stärken. Die Ministerin: "Eltern soll das Knowhow vermittelt werden, damit sie die Chancen und Risiken in der Persönlichkeitsentwicklung ihres Kindes erkennen, um mit diesen angemessen umgehen zu können." Das anspruchsvolle Modellprojekt passe "perfekt" zur Philosophie "Vorbeugen statt strafen" der Landesregierung.
Dass die Justiz den Anstoß für das Projekt lieferte, begründete Müller-Piepenkötter mit Erfahrungen aus dem Jugendstrafvollzug. 80 Prozent der Inhaftierten verfügten nicht über einen Berufs-, 40 Prozent nicht einmal über einen Schulabschluss. Vier von zehn jungen Gefangenen hätten eine Drogenkarriere hinter sich, und jeder zehnte junge Gefangene sei psychisch krank. Jeder Jugendrichter wisse, dass kriminelle Karrieren oftmals "in der Kindheit vorgezeichnet" würden.
Eigentlich sollte Recklinghausen Modellstadt werden. Dort aber gab es organisatorische Probleme. Paderborn sprang ein. Bürgermeister Heinz Paus erwartet, dass dieses "mehr als spannende Projekt" vielen Paderborner Kindern und Jugendlichen wichtige Anstöße für ihren Lebensweg gibt und dass vor allem Familien, die bei auftretenden Erziehungsproblem oft hilflos seien, davon ,,nachhaltig" profitieren werden. Wenn es gelinge, dass es zunächst in Paderborn, dann aber auch in all den Städten, die auf die Paderborner Erfahrungen bauen wollen, einen Rückgang der Gewalt in Familien, weniger Kriminalität, weniger Suchtgefährdung und insgesamt mehr Chancen und mehr Lebenserfolg für junge Menschen gebe, habe sich die Mühe gelohnt.
Vielleicht macht sich das Projekt langfristig auch positiv im Haushalt der Stadt bemerkbar. Paderborn habe 2009 nicht weniger als 11,7 Millionen Euro für Erziehungshilfen aufwenden müssen, davon 5,9 Millionen für die Heimunterbringung von 150 Kindern, rechnete Jens Gnisa vom Deutschen Richterbund vor.
Professorin Dr. Nina Heinrichs von der Uni Bielefeld verwies auf eine Studie von 2008, wonach 47 Prozent der heutigen Eltern sich durch das Mutter- oder Vater-sein "unter Druck" gesetzt fühlen. Doch obwohl Erziehung schwieriger geworden ist - immerhin 86 Prozent der Eltern bekunden, dass diese Aufgabe ihnen "mehr Freude als Sorge" bringt.