Paderborn. Der Leiter des Jugendhauses Salesianum, Pater Konrad L., ist des sexuellen Missbrauchs beschuldigt worden. Die Ordensleitung der Oblaten des Franz von Sales (Wien) hat ihn daraufhin von seiner Aufgabe in Paderborn abberufen. Der Vorwurf bezieht sich auf ein Geschehen im Jahre 1977, das strafrechtlich verjährt ist.
"Der Pater führte mich in einen nüchtern eingerichteten Raum, in dem ein Bett stand. Er schloss hinter uns die Zimmertür und verriegelte sie mit dem Schlüssel", erinnert sich Christian B. (Name verändert) ganz genau an die Situation – und weiter: "Der Pater stieg auf das Bett, bedeutete mir, ihm meinen Rücken zuzuwenden und an die Bettkante zu treten. Dann sollte ich ihn auf meinem Rücken tragen. Ich tat wie mir geheißen und trug ihn mehrere Runden durch das Zimmer."
Es war kein harmloses Spiel, was der damals 16-Jährige erlebte. "Er schnaufte und ich merkte, dass er eine Erektion hatte. Ich war nicht besonders kräftig gebaut. Der Pater seinerseits war kein Leichtgewicht, so dass ich irgendwann entkräftet aufhören musste. Das schien ihn gestört zu haben, denn er kommentierte den Abbruch mit der Aussage, ich sei aber nicht besonders stark. – Ich war völlig verstört und wütend zugleich."
Zeitungsfoto bringt alles zurück
Christian B. hat dieses Geschehen Jahrzehnte lang in seinem Innern verschlossen. Ein paar Versuche, in der Folge die Mutter einzubeziehen, scheiterten. Hochgekommen sind die Erinnerungen erstmals, als im Jahre 2000 in der Neuen Westfälischen über den 70. Geburtstag des Salesianums berichtet wurde.
Das Foto in der Zeitung zeigte Pater Konrad L. als Jubiläumsgast des Jugendhauses. B. hat ihn wiedererkannt. Und danach zum ersten Mal seiner Frau darüber erzählt. Ihr fiel der ausgeschnittene Artikel nun wieder in die Hände, als mit den Fällen bei den Jesuiten in Berlin die Diskussionen über sexuellen Missbrauch öffentlicher wurde.
B. hat dann selbst recherchiert, die Umstände vor 33 Jahren ans Licht befördert. Den damaligen Messdiener hatten seine religiösen Eltern auf "Exerzitien oder Einkehrtage" in eine Einrichtung der Salesianer-Mönche in Holzbüttgen am Niederrhein geschickt. Er findet heraus, dass es dort ein Spätberufenenheim des Ordens gibt. Der Tag hat sich ihm im Gedächtnis festgebrannt, weil in der Zeitung das Foto mit der Leiche des ermordeten Hanns-Martin Schleyer stand. Einen weiteren Beweis entdeckt er auf der Internet-Seite der örtlichen Schützenbruderschaft. Pater Konrad L. war damals der Präses.
Warten auf eine Entschuldigung
1973 schon hatte der Pater in Paderborn den Verein Kim-Jugendcenter (heute selbstständig) zur Resozialisierung straffällig gewordener Jugendlicher gegründet. Später führte er ein Internat des Ordens, kehrte erst 2005 nach Paderborn zurück. Im Salesianum wohnen bis zu 22 Jugendliche im Alter zwischen 11 und 17 Jahren.
"Angesichts der Erfahrungen, die ich machen musste und meiner Vermutung, nicht der einzige Betroffene gewesen zu sein", sagt B., "ist dies für mich eine unerträgliche Vorstellung und eine wesentliche Triebfeder, mich mitzuteilen."
Wenn Christian B. heute Pater L. (67 Jahre) träfe, würde er ihn fragen, "wie er damit leben kann, dass er anderen so etwas angetan hat?" Ob er überhaupt "ein Bewusstsein dafür hat?" Auch ein Wort der Entschuldigung würde B. erwarten. Vor allem aber, dass der Orden den Fall aufarbeitet. B. persönlich bezeichnet sich als "minder schweren Fall" von sexuellem Missbrauch. Andere Heranwachsende könne der Pater möglicherweise mit größerer Gewalt missbraucht haben.
Ansprechpartner in der Kirche kommen für B. zur Aufarbeitung des Missbrauchs nicht in Frage. "Da ist kein Vertrauen mehr", sagt der frühere Messdiener in Erinnerung an das damalige Geschehen: "Danach war für mich die Kirche passé." Öffentlichkeit erscheint ihm heute das einzige noch zur Verfügung stehende Mittel. "Wenn Du Dich jetzt nicht meldest", hat B. sich gesagt, "hast Du vielleicht nicht verhindert, dass es zu weiteren Übergriffen kommt."
"Muss ihn von seinen Tätigkeiten entpflichten"
Im Salesianum kann die NW Pater L. nicht erreichen, konfrontiert ihn daher am Telefon mit den Anschuldigungen. Er fragt nach dem Namen des Betroffenen und will wissen, ob es sich um einen Minderjährigen handele. Der Pater wirkt ruhig, doch seine Stimme verrät Angst. Er verneint die Frage nach einer Homosexualität. Pater L. möchte zu den Vorwürfen seinen Orden in Wien anrufen. Der werde sich weiter äußern.
Von den Oblaten des heiligen Franz von Sales meldet sich am Telefon zunächst ein Ombudsmann. Der Pater und Psychotherapeuth ist vom Orden beauftragt, mit den möglichen Tätern und Opfern zu sprechen. Auskünfte darf nur Provinzial Thomas Vanek geben. "Es ist gut, dass sich der Betreffende gemeldet hat", so der höchste Sales-Oblate. Vanek muss nach den Vorschriften der deutschen Ordensoberen-Konferenz handeln und sagt: "Ich muss ihn von seinen Tätigkeiten entpflichten bis die Angelegenheit geklärt ist und einen provisorischen Leiter für das Salesianum suchen." Das hat er dem Beschuldigten bei dessen Anruf gleich mitgeteilt. Der sei "überrascht und fertig" gewesen. "Er kann sich an nichts erinnern", habe Pater L. gesagt. Der Provinzial ermutigt das Opfer, den Missbrauch zur Anzeige zu bringen. "Wenn nicht, werden wir es der Staatsanwaltschaft melden." (fin)