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21.05.2010
PADERBORN
Der Müllofen-Spuk in Paderborn ist vorbei
Unternehmensgruppe Stratmann soll 3,18 Millionen Euro bekommen
VON HANS-HERMANN IGGES

Kundgebung | FOTO: REINHARD ROHLF

Paderborn. Unter solch einem Druck wurde lange keine Entscheidung mehr im Rat der Stadt Paderborn gefällt: Nach einer Bedenkzeit von gerade mal zwei Tagen hatte der Stadtrat für 3,18 Millionen Euro die Chance, seine Bürger von dem seit vier Jahren drohenden Damoklesschwert einer Müllverbrennungsanlage im Industriegebiet Mönkeloh zu erlösen. Er nutzte sie einstimmig.

So hoch bezifferte Bürgermeiser Heinz Paus im Verein mit den Rechtsanwälten Dr. Georg Hünnekens und Dr. Andreas Kersting die Summe, die an den verhinderten Müllofen-Investor, die Bestwiger Entsorgungsgruppe Stratmann, fließen soll, damit diese ihre Pläne für das Müllheizkraftwerk aufgibt. Das Geld soll über einen Nachtragshaushalt bereit gestellt werden. Auch von Spendensammlungen und einer Beteiligung des Kreises ist die Rede.

Die Summe beinhaltet auf der Grundlage von "Vertrauensschutz" für das Vorhaben eine Entschädigung für die "vergeblichen Aufwendungen", die Stratmann bis zum Zeitpunkt der Veränderungssperre hatte. Inklusive sind auch die Übergabe der Planungsunterlagen an die Stadt, die Verpflichtung der ganzen Unternehmensgruppe, auch nirgendwo anders im Kreis eine solche Anlage zu planen und der Eintrag einer sogenannten Dienstbarkeit im Grundbuch. Die soll garantieren, dass auch kein anderer Investor auf dem Grundstück eine MVA baut.

Es stand viel auf dem Spiel

Zwar hatte Paus Vertreter der Fraktionen über das Prozedere bereits am Dienstag unterrichtet. Dennoch zeigte sich Donnerstagabend noch erheblicher Klärungsbedarf quer durch alle Parteien. Die Sitzung des Rates wurde deshalb bis nach 21.30 Uhr unterbrochen. Nach internen Beratungen und vielen Nachfragen sei das Gefühl gewichen, man werde von der Firma Stratmann über den Tisch gezogen, hieß es anschließend.

Zu viel stand aber auch auf dem Spiel: Nach Auffassung der Rechtsanwälte der Stadt hätte man zwar beim OVG-Termin am kommenden Mittwoch - der nun nach Vertragsunterzeichnung überflüssig wird - gute Karten gehabt. Aber: "Damit wäre wieder mal nur eine Schlacht gewonnen, aber nicht der Krieg", formulierte Dr. Hünnekens. Die Müllofen-Planer könnten ihren Antrag so lange nachbessern, bis er tatsächlich nicht mehr abzulehnen sei. Würde die Stadt einen neuen Bebauungsplan unter Ausschließung einer MVA aufstellen, der dann womöglich aber durch eine Normenkontrollklage gekippt würde, drohten neben den jetzt ausgehandelten Entschädigungen für Stratmann auch noch Schadensersatzforderungen. Der Bürgermeister: "Dann könnte es richtig teuer werden. Der von mir vorgeschlagene Weg ist knallhart ausverhandelt." Von Vorteil sei auch, dass man im Industriegebiet Mönkeloh wieder freier agieren könne, weil die KMG dann nicht mehr darauf aus sei, Präzedenzfälle für eine eigene Ausnahmegenehmigung von der Veränderungssperre zu suchen.

Wie ebenfalls aus den Ausführungen seitens städtischer Vertreter hervorging, habe auch Stratmann bei seinen finanziellen Forderungen Abstriche machen müssen. Die Rede war sogar von 50 Prozent. Die Firma sei aber wohl grundsätzlich nach wie vor an einer eigenen Verbrennungsanlage interessiert gewesen, weil sie über große Mengen selbst eingesammelten Hausmülls verfüge. Mit ihrem Rückzug von den MVA-Plänen will sie diesen nun über nicht ausgelastete Verbrennungsanlagen außerhalb des Kreises verwerten.

Mehr zum Thema in nw-news.de

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Kommentare
Das ist ja mal eine völlig neue Geschäfts Idee. Ich plane in PB eine MVA, es komt Protest, klar, ich prozessiere eine Weile herum, und für 3 Mio. ziehe ich alles zurück und gehe woanders hin. Neues Spiel, neues Glück, armes Deutschland.

Müll produzieren, ihn aber nicht entsorgen wollen. Das ist doch mist. Es wären sicher nicht "nur" ein paar Arbeitsplätze geschaffen worden. Man bräuchte Ingenieure für die Planung, Bauarbeiter für die Ausführung, Kraftfahrer deren Job vielleicht erhalten bliebe, Wartungs und Instandhaltungspersonal, wenn man Strom erzeugte, bräuchte man Elektrotechniker und Elektriker, bei Fernwärme bräuchte man wieder Personal usw, usf. Da steckt immer viel mehr dahinter als man auf den ersten Blick vermuten mag. Nachträge sind bei einem Bauvorhaben gang und gäbe. Das ist völlig normal. Und wenn alle Leute wüssten, was in einigen Paderborner Betrieben so alles verbrannt wird um Energie zu gewinnen, wären einige sicherlich erschüttert (alte Reifen und gelbe Säcke zB). Die Elektrofilter und Aktivfilter die heute verbaut werden lassen weder eine Geruchs- noch eine merkbare Rauchentwicklung zu. Es ist schade, dass manche sich zwar wichtige und richtige Gedanken machen, aber manchmal nicht bis zu Ende denken.

Ich bin froh, dass der Spuk endlich vorbei ist. Arbeitsplätze um den Preis einer antiquierten und MVA braucht keiner. In Mönkelloh hat Lidl ein neues Zentrallager gebaut und Hartmann ein neues Logistikzentrum.
Platz für weitere Gewerbebauten ist noch da, fraglich ob sich irgendwer dann noch Niederlassen wollte, wenn er so eine Dreckschleuder direkt vor der Nase hat.

@Unbekannt: Welchen Arbeitsplatzfaktor hätte denn so eine MVA gehabt? Ein halbes oder ganzes Dutzend Müllofen-Heizer (super Job), 3-4 Disponenten, 2 Sekretärinnen und 2 Wachhunde? Welch ein Aufwschwung. Geschäftsführer und Experten wird ein Unternehmenr schnell von außerhalb mit reinbringen....

- - - - Billig haben wir uns diese Erlösung leider nicht erkauft, aber das war seit Langem mal ein positiver Kraftakt der Stadt. Um nun auch als Normalbürger stolz auf sich sein zu können, braucht jetzt nur jeder Erwachsene einmalig 10-20 EUR zu spenden und damit die Auswirkungen auf den Kommunal-Etat zu mildern.

Ich weiss nicht, warum das im vorhergehenden Beitrag dur (...) ersetzt wurde? Hier nochmal als Ganzes:

"Allein die 16 Anlagen in Nordrheinwestfalen haben nach Schätzungen des Umweltministeriums eine Überkapazität von bis zu einer Million Tonnen im Jahr."

Dieser Satz stammt aus einem Bericht des MDR mdr.de /fakt/141105.html

Ich denke unter diesem Gesichtspunkt stellt sich die Zahlung an Stratmann noch etwas anders da, oder?



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