Paderborn. Es sollte der schönste Tag in ihrem Leben werden. Stattdessen geriet die Trauung von Beate und Karl Holzweißig zu einer "Katastrophe". Weil vor dem Rathaus am Freitag ein Großfernseher das Deutschlandspiel übertrug, störten Jubelschreie die Zeremonie und blockierten Fußball-Fans die Treppe. Der traditionelle Sektempfang und Fotos mussten ausfallen.
"Das war eine absolute Unverschämtheit!" sagt die Mutter des Bräutigams, Bettina Holzweißig. Die Elsenerin ist "immer noch sauer" über das, was sich am Freitag Nachmittag ereignet hat. Schon als das Brautpaar und die Hochzeitsgäste um kurz nach 13 Uhr das Rathaus erreichten, hätten sie sich Sorgen gemacht. Ratskeller-Inhaber André Cramer hatte einen Fernseher mit Blickrichtung Rathaustreppe aufgestellt.
Pünktlich um 13.30 begann im ersten Stock die Trauung – und auf dem Fernseher wurde das Spiel Deutschland gegen Serbien angepfiffen. "Trotz geschlossener Fenster haben wir die Anfeuerungsschreie der Fans gehört", erinnert sich Bettina Holzweißig. Zwar habe sich die Standesbeamtin "wirklich alle Mühe gegeben", dennoch sei die Heirat "überhaupt nicht feierlich" gewesen.
200 Fans jubelten dem Brautpaar zu
Und das war noch lange nicht alles: Weil der komplette Eingangsbereich des Rathauses mit Fußballfans vollgestanden habe, mussten auch der feierliche erste Auftritt des Brautpaares und das traditionelle Foto auf den Rathausstufen ausfallen. "Da war überhaupt kein Durchkommen", erinnert sich Bettina Holzweißig. Doch auch im Rathaus habe man keine Fotos machen können, weil schon die nächste Hochzeitsgesellschaft hereindrängte. Schließlich hätten die Elsener das Gebäude durch den Hinterausgang verlassen, dort eilig ein Gläschen Sekt getrunken und die Fotos zu Hause machen müssen.
Besonders bitter: Karl und Beate Holzweißig wohnen in Stuttgart. "Sie haben sich extra wegen des schönen Rathauses in Paderborn trauen lassen", so Bettina Holzweißig. Sie ist wütend auf Ratskeller-Betreiber André Cramer und auf die Stadt. "Die hätten uns informieren oder den Eingang freihalten müssen", so Holzweißig.
Andrè Cramer vom Ratskeller zeigte sich auf Anfrage der NW keiner Schuld bewusst. Er wisse sogar von einer Hochzeit gegen Ende des Spiels, wo die knapp 200 Fans dem Brautpaar beim Verlassen des Rathauses zugejubelt hätten. Und überhaupt: "Der Fernseher stand auf meiner von der Stadt gepachteten Terrassenfläche", so Cramer. Für die Zuschauer auf der Treppe könne er doch nichts: "Soll ich die etwa wegjagen?"
Die Antwort darauf lautet tatsächlich "Ja". "Herr Cramer hätte dafür sorgen müssen, dass der Zugang zum Rathaus frei bleibt", erklärte Pressesprecher Jens Reinhard dieser Zeitung. Das sehe der Pachtvertrag so vor, was man dem Inhaber des Ratskellers gestern auch noch einmal gesagt habe.
Brief der Stadt folgt
Letztlich, so Reinhard, sei es an diesem Nachmittag mit einem knappen Dutzend Trauungen und dem Deutschland-Spiel einfach zu einer "Verkettung unglücklicher Umstände" gekommen. "Grundsätzlich tut es uns natürlich leid und wir bedauern diese Vorkommnisse sehr", sagt er. Eigentlich hätte an Ort und Stelle eingegriffen werden müssen. Eine Entschuldigung wolle die Stadt dem Ehepaar Holzweißig auch noch einmal in einem persönlichen Brief zuschicken.