Paderborn. Asphalt statt grüner Wiese unter den Hufen, Häuserfassaden anstelle von freier Natur und dann noch die neugierigen Blicke von Passanten. Der Marsch durch eine Stadt ist mittlerweile für die rund 200 Schafe von Schäfermeister Anton Hense aus Herbram Alltagsgeschäft. Unmutsäußerungen blieben aus - die wollenen Zeitgenossen blökten kaum.
Um acht Uhr in der Früh’ war Hense zusammen mit seinem Berufskollegen Wolfgang Scholle aus Lichtenau vom Goldgrund aus über die Driburger Straße Richtung Paderborn aufgebrochen. Das Schäfer-Duo ist Teil des europäischen Hirtenzuges, der seit Anfang Juni von Berlin aus über 1.400 Kilometer und vier Länder nach Trier führt. Durchschnittlich legen Scholle und Hense mit den Schafen zwischen 12 und 14 Kilometer täglich zurück. "Sein Arbeitstag hat momentan 24 Stunden plus Pause" sagt Wolfgang Scholle und lacht. Der Hirtenzug mache total viel Spaß. Überall stoße man auf offene Ohren. Häufig werde bereits bei der Ankunft Wasser bereitgehalten, böten Bauern Kaffee und Kuchen und mal etwas Hochprozentiges an, erzählt er. Vor neun Tagen und 60 Kilometern haben die beiden bei Blomberg den Hirtenstab übernommen. Am 13. oder 14. August wollen sie ihn in der Nähe von Dortmund weitergeben.
Auf dem Paderborner Schützenplatz was es dann gestern mit der Schäferromantik, die Scholle und Hense so sehr lieben, erstmal ein bisschen vorbei. Denn bei einer rund dreistündigen Informationsveranstaltung ging es auch um aktuelle Probleme ihres Berufsstandes. Die Schäfer fordern Bürokratie- und Bürokratenabbau, fühlen sich bei Förderrichtlinien vergessen und fordern verlässliche Rahmenbedingungen.
Die seit Januar verpflichtende Einzeltierkennzeichnung bezeichnete Ulrich Klinke, Vorsitzender der Biologischen Station Kreis Paderborn-Senne, als unsinnig. Dafür werde noch mehr Personal benötigt, was dann bis zur Abschaffung der Schafe führen könnte. "Das wird auch nicht den Verbraucherschutz verbessern, und deshalb rufe ich zum zivilen Ungehorsam auf", so Klinke.
Friedrich Ostendorff, agrarpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion der Bündnisgrünen, unterstützt den Hirtenzug. "Das ist sicherlich effektiver als kurzzeitige Demos in Berlin", meinte er. Man wolle schließlich keine zu intensive Landwirtschaft und brauche die Bewirtschaftung der Fläche.
Schützenplatz und Schafe passt übrigens zusammen: Im Jahr 1869 wurden an drei Tagen rund 120.000 Schafe versteigert - das Schicksal blieb den Tieren mit der vielen Wolle gestern erspart.