Paderborn. Die Schulzeit und die Ausbildung – für Peter Müller die "schlimmste Zeit meines Lebens". Seit der Bad Lippspringer das Sprechen gelernt hat, stottert er. In der Klasse war er früher Zielscheibe des Spotts, heute stottert er dank Therapien und Selbsthilfegruppe nur noch selten. Zum heutigen Welttag des Stotterns will er anderen Betroffenen Mut machen, trotz Handicap den Mund aufzumachen.
"Hol tief Luft und fang nochmal von vorne an": Als Kind hat Peter Müller diesen Satz beinahe täglich von seinen Eltern gehört. "Wie alle Eltern zur damaligen Zeit wussten sie nicht, was sie machen sollten", sagt der 49-Jährige. Logopäden habe es damals kaum gegeben.
Müller kämpfte sich erstmal als Stotterer durch die Schulzeit. Von den Mitschülern wurde er gehänselt, die Lehrer wussten nicht, warum er im Unterricht stotterte und in der Pause auf dem Schulhof nicht. "Stottern ist situationsabhängig", erklärt Müller. Während im Unterricht der Druck auf ihm lastete, vor den Augen aller einen geraden Satz heraus zu bekommen, gab es diesen Druck in der Pause nicht. "Ich habe das Sprechen in der Klasse wenn es ging vermieden und nur das Nötigste gesagt." Zu groß war die Angst, keinen Ton sagen zu können.
Sollte er als Kind einkaufen gehen, hat er beim Bäcker oder Metzger einfach den Einkaufszettel abgegeben. Als Müller 13 war, ging er dann für drei Monate in eine Sprachschule nach Hamm. "Das half einigermaßen, allerdings nur für ein gutes halbes Jahr."
Mit 16 fing der Bad Lippspringer eine Ausbildung zum Elektroinstallateur an. Die Angst vorm Sprechen blieb. "Für mich war es absoluter Stress, wenn ich anderen etwas erklären sollte." Als er dann regelmäßig zu einer Paderborner Logopädin ging, "fühlte ich mich zum ersten Mal richtig wohl", sagt er heute. "Eines musste ich erst verstehen: Wenn ich das Stottern mache, kann ich es auch verändern."
Das tat er denn auch, Schritt für Schritt. Jahrelang war er in einem Männerchor aktiv und "auch das hat mir geholfen". 1993 kam er zur Paderborner Stotterer-Selbsthilfegruppe – und legte sich in diesem Jahr auch endlich ein Telefon zu. "Teilweise bekam ich keinen Ton raus, wenn ich den Hörer abnahm." Der Anrufer kam sich veräppelt vor und legte auf. "Das hat mich maßlos geärgert."
Das gehört mittlerweile der Vergangenheit an. Beim Kongress für stotternde Menschen in Berlin hat er vor Kurzem sogar vor mehr als 200 Menschen gesprochen. "Man muss lernen, sich zu entspannen", sagt Peter Müller, der seit fast 30 Jahren bei einem großen Anbieter von IT-Lösungen arbeitet.
Seit seiner Kindheit und Jugend hat Müller kaum noch negative Erfahrungen mit Menschen aus seinem Umfeld gesammelt. "Die Leute sind verständnisvoll." Wer sich mit einem Stotterer unterhält, der solle darauf achten, ihn nicht unter Druck zu setzen und fragen, ob er Wörter vollenden darf, wenn diese nicht über die Lippen kommen wollen, rät Müller.
Er selbst zieht neues Selbstvertrauen aus einem Satz, den ihm ein Psychologe mal gesagt hat: "Stottern ist eine Fähigkeit, das können in Deutschland nur 800.000 Leute."