Paderborn. Ein brodelnder Ton kommt aus dem Kaffeekocher auf dem Herd, mit einem Berliner in der Hand sitzen Tyler und Karen auf dem blauen Sofa in der Küche der Paderborner WG und quatschen – halb auf Deutsch, halb auf Englisch. Die beiden studieren an der Uni Paderborn, kennengelernt haben sich die Deutsche und der Amerikaner aber anders: "Durchs Couch-Surfing", erzählt Karen und beißt in ihren Berliner.
Couch-Surfing – das ist vereinfacht gesagt eine Möglichkeit, bei fremden Menschen kostenlos zu schlafen. Genauer genommen ist es die Variante zu Reisen, wie es vor allem viele jüngere Menschen gern tun. "Einheimische Leute kennenlernen, spezielle Orte sehen, die in keinem Reiseführer stehen, fremde Kulturen hautnah erleben", erklärt es Matthias Bölte mit seinen eigenen Worten.
Auf der Homepage
www.couchsurfing.org sind über eine Millionen Menschen angemeldet, die in über 69.000 Städten weltweit leben. Das Prinzip ist ganz einfach: Anmelden, Profilfoto hochladen, Urlaubs-Ziel suchen und einen "CSler" anschreiben, wie sich Couch-Surfer kurz nennen. "Die Bewertungen, Kommentare und Referenzen geben schon ziemlich viele Informationen über den Fremden", sagt Karen Ranke.
Kontakt über Skype und Facebook
Die 21-Jährige kommt aus dem süddeutschen Raum. Ihr Kumpel Tyler Faivre, mit dem sie gerade auf ihrem Sofa einen Kaffee trinkt, aus Amerika, "Chicago", wie Tyler erzählt. Kennengelernt haben sich die beiden aber in Paderborn – wo beide heute auch leben. "Tyler war gerade in Paderborn und hat ein Praktikum gemacht und ich war vor Studienbeginn ein paar Tage auf Wohnungssuche – da hat er mich beherbergt", erinnert sich das braunhaarige Mädchen. Das war letzten Sommer.
Heute studieren beide in Paderborn. "Ich wohne im Studentenwohnheim", sagt Tyler, Karen lebt in einer Wohngemeinschaft im Riemekeviertel. "Mit den meisten Leuten, die ich übers Couch-Surfing kennengelernt habe, bin ich noch befreundet", erzählt Karen. Übers Skypen oder Facebook halte sie Kontakt, "und dann besuche ich sie auch mal irgendwo."
Ein Bett auf Reisen
Geschichten, Erfahrungen und Lebensphilosophien tauschen die Couch-Surfer bei ihren Reisen aus. Doch nicht immer nur das: "Das Bett, das jetzt in meinem Zimmer in der Paderborner WG steht, gehört eigentlich Tyler", sagt Karen lachend. Nachdem der Amerikaner die junge Süddeutsche für ein paar Tage in Paderborn beherbergt hatte, stand für Karen der Umzug nach Paderborn und für Tyler die Rückreise in die Staaten an. "Ich hatte kein Bett und brauchte eins, Tyler hatte es übrig", erzählt die 21-Jährige. Gesagt, getan: Das Bett blieb in Paderborn. Da fühlt sich der Amerikaner doch gleich wie zu Haus, wenn er Karen im Riemekeviertel besucht.
Ihr nächster Stopp wird wahrscheinlich London werden. "Dort wohnt gerade einer, der mal bei mir gesurft ist", sagt die Studentin. Karen war nach ihrem Abitur für ein Jahr in Frankreich, Avignon, um ein freiwilliges soziales Jahr zu absolvieren. "Eigentlich hab ich mich beim CS angemeldet, um selbst zu reisen", erinnert sich Karen, doch in dem Jahr habe sie selbst über 30 Surfer beherbergt.
100 Angemeldete in Paderborn
Doch wer sich bei Couch-Surfing anmeldet, muss nicht zwangsläufig tatsächlich eine Schlafcouch bei sich haben: "Man kann zum Beispiel auch angeben, dass man nur an gemeinsamen Aktivitäten interessiert ist – wie Kaffee-Trinken", sagt Karen lächelnd und lehnt sich in ihrem Sofa zurück.
"Couch-Surfing hat wenig mit Billig-Wohnen zu tun", erklärt Silvia Müller. Sie ist eine unter über 100 angemeldeten Surfern in Paderborn – viele davon seien "Karteileichen". Sie nutze diese Art zu Reisen, um Menschen kennenzulernen, "verschiedene Charaktere, unterschiedliche Lebensweisen". "Und, um andere Couch-Surfer zu treffen", ergänzt ihre Freundin Mandy.
Gemeinsam waren die zwei Paderbornerinnen schon auf so genannten "camps" – das sind große Treffen, die von den Surfern vor Ort organisiert und ausgerichtet werden. In dem Wintercamp in Budapest, wo Silvia und Mandy den Jahreswechsel 09/10 verbracht haben, waren etwa 350 Surfer. "Die Zeit vertreibt man sich mit Sight-Seeing oder auch mit workshops", erzählt Mandy, "da gab es zum Beispiel einen Gulasch-Koch-Workshop."
Luftmatratze reicht
Die Surfer vor Ort organisieren Schlafmöglichkeiten für die Gäste, "in angemieteten Hallen oder – wenn es nicht ganz so viele sind – auch verteilt zu Haus." Und wenn man es ganz billig haben will, "trampt man einfach nach Budapest", sagt Mandy lachend – das hätten auch schon einige gemacht.
Um beim Couch-Surfing mitzumachen, braucht man keine 5-Sterne-Unterkunft. "Eine Luftmatratze reicht oft aus, und dann schmeißt man zusammen abends noch ein paar Nudeln ins Wasser – mehr wollen die meisten CSler gar nicht", erzählt Karen aus Erfahrung.
Als Frau, vielleicht alleine in einer Wohnung lebend, einen wildfremden Mann über Nacht aufzunehmen – ist das nicht komisch? "Ich hatte anfangs schon etwas Bedenken und hab nur Frauen bei mir Schlafen lassen", erzählt Karen. Doch nach und nach habe sie Vertrauen in das Völkchen der Couch-Surfer gefasst, "und aufregend ist es ja schon", sagt sie grinsend.
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