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04.05.2011
PADERBORN
"Sich engagieren und etwas riskieren"
Der streitbare Soziologe Dr. Arno Klönne feiert heute seinen 80. Geburtstag
VON RALF MISCHER

Im Gespräch | FOTO: RALF MISCHER

Paderborn. Man hat das Gefühl, dass er hier jeden kennt. Keine drei Sätze kann man mit ihm auf der Kundgebung zum Ostermarsch in Hövelhof sprechen, schon streckt ihm wieder jemand seine Hand entgegen, um ihn zu begrüßen. Dr. Arno Klönne ist seit den 60er Jahren bei der Ostermarschbewegung aktiv. Heute wird der Soziologe 80 Jahre alt.

Es wäre nicht vermessen zu behaupten, dass er ein Vater der Bewegung ist. Damals marschierte er tatsächlich mit. Aus gesundheitlichen Gründen geht das heute nicht mehr. Präsenz am Kundgebungsort zeigt er trotzdem.

Ein Mann mit einer Gitarre steigt auf die Bühne auf dem Hövelmarktplatz. Singt den Klassiker "Blowin’ in the Wind"von Bob Dylan. Eine Hymne der Bürgerrechtsbewegung in den USA. "Welch große Berge von Geld gibt man aus, für Bomben, Raketen und Tod", singt er .

Als Hochschulprofessor an der Universität hat sich Klönne mit der bitteren Wirklichkeit befassen müssen: Der Veränderung von Arbeitsverhältnissen mit Ungerechtigkeit und mit sozialen Schieflagen. Dennoch bleibt Arno Klönne ein Optimist: "Ich glaube, dass sich in Europa mehr und mehr die soziale Perspektive durchsetzen wird", sagt er.

Das Vertrauen in die großen Volksparteien hat er allerdings verloren. 2004 ist er aus der SPD ausgetreten. Der Grund: "Die Sozialpolitik der Schröder-Zeit." Heute hat der Soziologe "mit Parteien nichts mehr in Sinn." Er glaubt eher an die gestaltende Kraft von Bürgerinitiativen. Dort werde Politik gemacht – nicht mehr in den Parteien. "In den Medien wird nur noch über die politischen Spitzenkräfte berichtet." Das beobachtet Klönne kritisch und fürchtet, dass Parteien nur noch Apparate sind, "in denen es um Personalkonkurrenzen geht". Inhaltliche Diskussionen würden nur noch in Bewegungen geführt, die von unten kommen, die sich als Gegenbewegung zu etablierten Parteien begreifen.

Die Ostermarsch-Bewegung war solch eine Bewegung. 1960 wurde Klönne deren Sprecher. 18 Jahre später bekam er eine Professur für Soziologie an der Universität Paderborn.

Seit seiner Emeritierung im Jahr 1995 setzt er sich für eine zivile Nutzung der Senne ein: "Ich glaube, dass sich die Perspektive einer zivilen Senne mehr und mehr durchsetzen wird", sagt er. Eine Nutzung durch die Bundeswehr sei einfach unrealistisch. Man brauche eine andere Perspektive für die Landschaft.

Derzeit arbeitet Klönne an einem Buch. Das Manuskript dazu hatte sein im vergangenen Jahr verstorbener Kollege Dr. Werner Biermann verfasst. Klönne möchte Biermanns Werk abschließen. In dem Buch wird es um die Haltbarkeit der US-Amerikanischen Weltmachtrolle gehen."Eigentlich bin ich nicht im Ruhestand", räumt Klönne ein. Und vielleicht ist es der unerschütterliche Optimismus, der ihn antreibt. "Es gibt einen Problemdruck, aber die Probleme lassen sich lösen", sagt er etwa zur Zuwanderungsdebatte. Und wieder kommt jemand, schüttelt Klönnes Hand. Und berichtet über seine persönlichen Erfahrungen mit dem Truppenübungsplatz. Erzählt, dass hier schon für den ersten und den zweiten Weltkrieg geübt wurde. Klönne nickt mit dem Kopf.

Das weiß er natürlich schon. Aber das sagt er nicht. "Irgendwann muss doch mit der militärischen Nutzung mal Schluss sein", erklärt er. Auch hier setzt er wieder auf den Protest von unten: "Ich war immer der Meinung, dass man sich engagieren und auch mal was riskieren muss." Irgendwann müsse man ja damit mal anfangen.

Seine Doktorarbeit hatte Arno Klönne über die Hitlerjugend geschrieben. Er gehörte zu den Ersten, die sich auf wissenschaftlicher Basis mit diesem Thema befasst hatten. Zu seinen Spezialgebieten zählten Gegenmillieus zur nationalsozialistischen Staatsjugend. Widerstandsgruppen wie die Edelweißpiraten wurden in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik noch tot geschwiegen.

Auch beim Thema Senne begreift sich der Soziologe als Verkünder ungeliebter Wahrheiten. Um die Möglichkeiten einer zivilen Nutzung der Senne ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, gibt Klönne seit einem Jahr mit Freunden die Zeitung Unsere Senne heraus. Klönne hofft, dass auf diese Weise das öffentliche Verständnis für die Idee eines Nationalparkes wächst.

Im Song von Bob Dylan wird am Ende gefragt, was alles geschehen müsse, damit die Welt ein besserer Ort werde. "Die Antwort, mein Freund, weiß ganz allein der Wind", heißt es da. Arno Klönne würde diesem Fazit wohl nicht zustimmen. Vermutlich würde er sagen, dass man die richtige Antwort bekommt, wenn man die richtigen Frage stellt. Denn das hat Arno Klönne seit fast 80 Jahren immer wieder gemacht.

 "Der beste Opa von allen"

Paderborn kennt ihn als klugen Kopf und politische Stimme. Für seine zehnjährhige Enkelin Paula Kürschner ist er ihr Opa. Zu seinem Geburtstag hat sie extra ein paar Zeilen verfasst. Sie schreibt:

"Es war ganz normal. Er war ein ganz normaler Großvater. Wir besuchten ihn ab und zu. Doch irgendwie war er für mich besonders. Später erfuhr ich mehr über ihn. Ich schloss ihn in mein Herz und wir wurden Freunde. Früher nannte ich ihn Arno, doch jetzt ist er mein Opa. Der beste Opa von allen.

So suchten meine Freunde und ich ein Bandenquartier nur für uns. Er bot uns seinen Dachboden an. Wir dürfen alles bei ihm machen und jeden Dienstag am Bandentag kocht er für uns.

Ich bin so stolz auf ihn, er ist Professor und Doktor. Er redet in der Stadt, schreibt für Zeitungen und Bücher, von denen ich auch schon welche bei uns zu Hause gesehen habe.

Und er kümmert sich um Vieles, zum Beispiel, dass in der Senne nicht mehr für den Krieg geübt wird. Vielleicht fasziniert er ja auch nur mich, doch für mich ist er ein Vorbild."



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