Paderborn. Treppauf, trepp-ab, Pause. Anja Arlt fühlt sich mitunter noch recht schlapp. Auffallende Blässe zeichnet Gesicht und Arme der 30-jährigen Paderbornerin. Die vergangenen Wochen haben deutliche Spuren hinterlassen. Arlt war 20 Tage im St.-Vincenz-Krankenhaus in isolierter medizinischer Behandlung. Diagnose: das hämolytisch-urämische Syndrom, kurz HUS. Der Auslöser: der Darmkeim EHEC.
Das HU-Syndrom ist eine Komplikation, die bisweilen bei schweren Durchfallerkrankungen durch wenige, bestimmte Erreger, vor allem durch EHEC, auftritt. Die Ausprägung des Darmkeims kann unter anderem zu Nierenversagen führen und tödlich enden. Kreisweit entwickelten "insgesamt 16 mit EHEC-Bakterien erkrankte Patienten das gefährliche HU-Syndrom", teilte gestern das Kreisgesundheitsamt mit.
Anja Arlt hat sich Mitte Mai zunächst nicht viel gedacht, als sie mit einer Freundin shoppen war und "auf einmal üble Bauchkrämpfe einsetzten". Tags zuvor hatte sie etwas Likör getrunken. "Da ich mich sonst meistens von Alkohol fern halte, vermutete ich, dass die Schmerzen daher rührten", sagt die Hotelfachfrau. "Und in den Medien war EHEC noch kein Thema." Als sie abends nach der Einkaufstour ein schwerer Blut-Durchfall plagte, stiegen in der jungen Frau das erste Mal ernsthafte Sorgen auf: "Da wusste ich, dass etwas nicht stimmt."
Augen färbten sich gelb
Im Krankenhaus in ihrer Heimatstadt Salzkotten wiesen die Mediziner zunächst den Rota-Virus nach, der vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern häufigste Auslöser von Durchfallerkrankungen. Drei Tage später fühlte sich Arlt besser. Der Durchfall war weg. "Doch dann sackten auf einmal die Nierenwerte ab", sagt sie, "und meine Augen färbten sich gelb." Auf der Intensivstation des St.-Vincenz-Krankenhauses hieß die Diagnose schließlich EHEC.
In der Paderborner Klinik sind aufgrund der Infektionskrankheit inzwischen drei Stationsbereiche isoliert. "Wir stehen seit 14 Tagen enorm unter Druck", sagt der Chefarzt der Medizinischen Klinik I Prof. Dr. Jobst Greeve. "Die erste Welle hat uns überrannt."
Paderborn entwickelte sich in Nordrhein-Westfalen seither zum EHEC-Hotspot. Mittendrin: Anja Arlt mit einem Katheter im Hals. Immer um halb acht Uhr morgens musste sie an die Dialyse. Danach standen mehrere Stunden Plasmaaustausch auf dem Therapieplan. "Das war unangenehm", sagt die junge Frau, die den Eindruck einer zähen und unempfindlichen Persönlichkeit hinterlässt. "Mir wurde kalt und es kribbelte permanent." Als der Hämoglobin-Wert im Blut abnahm, drehte sich alles: Schwindel und Kopfschmerzen quälten über Tage.
"Daran hatte ich unheimlich zu knabbern"
"Meine Zimmernachbarin hat es aber deutlich schwerer erwischt", sagt Arlt. Die HUS-Patientin bekam Schwierigkeiten mit dem Nervensystem, so dass sie die Ärzte in künstliches Koma versetzt haben. "Daran hatte ich unheimlich zu knabbern", sagt die Geheilte.
"Wir sprechen bei HUS über eine absolut beunruhigende Infektionskrankheit", sagt Chefarzt Greeve. Trotzdem sei diese "außergewöhnliche Situation" zu beherrschen. "Deshalb finde ich das immense Medien-Echo in gewisser Weise übertrieben." Zwar würden die Blutkonserven knapp, "aber wir können behandeln - die Krankheit ängstigt uns nicht". Den einen oder anderen Patienten freilich schon.
Patientin Arlt mied im Gegensatz zu anderen Kranken bestimmte Medien und informierte sich sich stattdessen auf wissenschaftlichen Internetseiten. "Jeden Tag zu hören, dass sich mein Zustand bessere, ich aber noch nicht übern Berg sei, schlauchte enorm."Doch dann, nach etwa zehn Tagen im Bett, stiegen die Laborwerte wieder an. Kurz darauf entfernten die Ärzte den Halskatheter. Freitag verließ Arlt die Klinik.
Wie sich die Paderbornerin den EHEC-Erreger eingefangen hatte, der HUS folgen ließ, weiß sie nicht. "Vielleicht durch falsche Kost." Möglich sei auch, dass die Mikrobe im Bekanntenkreis übersprang. Greeve und der Leiter des Kreisgesundheitsamtes Dr. Georg Alles empfehlen deshalb, die üblichen Kulturtechniken einzuhalten: "Hände waschen und Messer und Gabel benutzen."