Paderborn (JS). Susanne X. (alle Namen geändert) wirkt ungeheuer seriös mit ihrem Kurzhaarschnitt, ihrer dezenten Brille und den silbernen Ohrsteckern. Angenehm zurückhaltend ist auch ihre Ausdrucksweise. So mag man es kaum glauben, dass die 36-Jährige von Mitte Juni 2009 bis Ende August vergangenen Jahres als Kurierfahrerin eines großen Drogenrings in ganz Deutschland sowie in Holland unterwegs war. Gestern musste Susanne X. vor dem Landgericht Paderborn erscheinen – als Zeugin und als Angeklagte.
Los ging alles wohl in einer bekannten Paderborner Kneipe, in der sich Susanne X. immer gern mit ihrem Bekannten Mongo U. traf. Gut seien die Unterhaltungen mit dem in Gambia geborenen 44-Jährigen gewesen, erinnerte sie sich gestern vor Gericht.
Und wohl auch vertrauensvoll. Denn irgendwann erzählte die 36-Jährige ihrem Bekannten, dass sie durchaus gern mal einen Joint rauche, und auch aus ihrer angespannten finanziellen Situation machte Susanne X. kein Geheimnis.
Startschuss für eine kriminelle Karriere
Möglicherweise war dieses vertraute Gespräch der Startschuss für eine kriminelle Karriere. Im Juni 2009 habe Mongo U. gefragt, ob sie bereit wäre, Marihuana auszuliefern, berichtete die 36-Jährige. "Ich fand das nicht so schlimm", sagte sie nachdenklich vor Gericht und berichtete von ihren zahlreichen Fahrten durch fast ganz Deutschland.
300 bis 350 Euro habe ihr Mongo U. pro Tour bezahlt. Dafür musste sie mit Marihuana gefüllte Taschen nach Frankfurt, Bremen, Tübingen oder Freiburg bringen. Mindestens ein Kilo "Gras" habe jede Lieferung umfasst, schätzte Susanne X.
Doch nach einem halben Jahr sei ihr das zu stressig geworden, sagte die 36-Jährige. Ihr seien die Kontakte mit immer neuen, fremden Menschen einfach zu viel geworden. Und so sei sie dann viel lieber regelmäßig nach Holland gefahren, um dort von einem festen Lieferanten kiloweise Marihuana zu holen. 200 Euro pro Kilogramm habe Mongo U. für den nicht ganz risikolosen Kurierdienst bezahlt.
Verhandlung gegen Mongo U. unterbrochen
Das seien alles die Lügen einer enttäuschten Frau, meinte hingegen der Verteidiger von Mongo U., Carsten Ernst. Die gelernte Verkäuferin, die mit seinem Mandanten eine längere und zeitweise wohl auch intimere Bekanntschaft gepflegt hätte, wolle sich an diesem rächen. Sie habe den 44-Jährigen somit fälschlich belastet, als ihre Kuriertätigkeit im August 2010 bei Ermittlungen von Lüneburger Drogenfahndern gegen eine gambianischen Dealerbande aufgeflogen war, führte Ernst für seinen beharrlich schweigenden und bislang strafrechtlich unbelasteten Mandanten aus.
Während die 1. Große Strafkammer nach mehr als sechs Stunden ihre Verhandlung gegen Mongo U. bis Mitte Juli unterbrach, um noch einige Zeugen zu laden, wurde Susanne X. gestern am späten Nachmittag zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.