Der neue Airport in Kassel-Calden will privaten Investor suchen
VON MATTHIAS BUNGEROTH UND HUBERTUS GÄRTNER
Paderborn/Kassel. Der umstrittene neue Flughafen in Kassel-Calden, für den die Bauarbeiten seit Monaten laufen, sorgt für einen Paukenschlag. Das Land Hessen, die Stadt und der Kreis Kassel sowie die Gemeinde Calden wollen einen privaten Investor suchen, um ihre Anteile teilweise zu verkaufen und die erwarteten exorbitanten finanziellen Lasten auf mehr Schultern zu verteilen.
Die vier genannten Gesellschafter der Flughafen Kassel-Calden GmbH "haben ein strukturiertes Bieterverfahren zum Aufbau einer strategischen Partnerschaft für den Flughafen Kassel-Calden vorbereitet", bestätigte gestern ein Sprecher des hessischen Finanzministeriums. Vorbehaltlich einer positiven Rückmeldung durch den juristischen Dienst der EU Kommission könne "das Interessebekundungsverfahren baldmöglichst gestartet werden", so der Sprecher. Man werde dann "international nach einem starken strategischen Partner" Ausschau halten, um den neuen Airport "noch etwas breiter aufzustellen".
Das Stammkapital der Flughafen Kassel-Calden GmbH beträgt 1,02 Millionen Euro. Die vier Gesellschafter wollen bis zu 49 Prozent ihrer Anteile verkaufen. Der neue strategische Partner "sollte Erfahrung im Luftverkehr mitbringen und zum Ausbau des Flugverkehrs in Kassel-Calden beitragen", so das Finanzministerium. Insgesamt sollten durch den privaten Investor "die Rahmenbedingungen für die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit weiter gestärkt" werden.
Um Verlängerung der Landebahn gerungen
Nach Ansicht von Experten sind diese Rahmenbedingungen miserabel. Die Errichtung beziehungsweise der Ausbau eines "Satellitenflughafens" wie Kassel-Calden sei "volkswirtschaftlich wenig sinnvoll" und diene "lediglich der regionalpolitischen Profilierung bei gleichzeitiger Verschwendung öffentlicher Gelder", kritisiert Sönke Jacobsen, Sprecher des Flughafens Hannover. Kassel-Calden kön-ne "erhebliche Kannibalisierungseffekte auf die Anzahl der ursprünglichen Passagiere am Flughafen Hannover zur Folge haben", fürchtet Jacobsen.
"Es gibt schon genügend Flughäfen in der Region", sagt auch Andres Heinemann, Sprecher des Flughafens Münster/Osnabrück, wo schon viele Jahre vergeblich um eine Verlängerung der Landebahn gerungen wird. Es sei "völlig unnötig" und "wirtschaftlich absolut unsinnig", wenige Kilometer entfernt auf hessischem Gebiet einen weiteren Airport zu bauen. Wirtschaftlich halbwegs gesunde Flughäfen drohten dadurch in Mitleidenschaft gezogen zu werden, prophezeit Heinemann.
Ursprünglich 120 Millionen Euro veranschlagt
Münster/Osnabrück werde voraussichtlich in diesem Jahr als nur einer von sechs Flughäfen in Deutschland "bilanziell eine schwarze Null" schreiben. Auch am Airport in Paderborn blickt man sorgenvoll in Richtung Calden. Sollte der neue Flughafen eines Tages mit Billigflügen an den Markt gehen, werde das für den Flughafen Paderborn gravierende negative Folgen haben, prophezeit Prokurist Rolf Horstschäfer. "Ein Subventionswettlauf schadet allen", sagt Manfred Müller (CDU), Landrat des Kreises Paderborn.
"Wir liegen in der Mitte von Deutschland, und unser Flughafen hat ein großes Potenzial", glaubt hingegen Andreas Dinges, parteiunabhängiger Bürgermeister von Calden. Auch er geht allerdings davon aus, dass der neue Flughafen, der 2013 in Betrieb genommen werden soll, pro Jahr etwa zwei Millionen Euro Verlust schreiben wird. Außerdem sei zu befürchten, dass die geplante Investitionssumme von 225 Millionen Euro nicht ausreichen werde. Wegen der guten Konjunktur steigen bei Ausschreibungen die Preise, sagte Dinges dieser Zeitung.
Ursprünglich waren für Kassel-Calden Investitionen von 120 Millionen Euro veranschlagt worden. Der Flughafen war ein Lieblingsprojekt des früheren hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU), der nun Vorstandsvorsitzender des Baukonzerns Bilfinger-Berger ist. Nach Informationen der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen soll die chinesische Fluggesellschaft Hainan als privater Investor in Kassel-Calden Interesse signalisiert haben.
KOMMENTAR
Millionengrab
HUBERTUS GÄRTNER
In der globalen Welt sollte Kirchturmdenken eigentlich keinen Platz mehr haben. Trotzdem gibt es immer wieder Fälle, in denen sich egoistische Machthaber in ihrem Sprengel profilieren wollen. Am neuen Flughafen Kassel-Calden kann man ein Beispiel solch moderner Kleinstaaterei besichtigen. Hier entsteht gerade ein vom Steuerzahler finanziertes Millionengrab. Maßgeblich mitzuverantworten hat es der langjährige hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU). Aber der ist längst nicht mehr im Amt, sondern verdient sein Geld in der Privatwirtschaft. Der Airport in Calden ist überflüssig wie ein Kropf. Er wird nicht nur Verluste schreiben, sondern auch anderen halbwegs florierenden Flughäfen in der Region Konkurrenz machen und sie stärker in die roten Zahlen treiben. Weil die Kalkulationen des Landes Hessen sowie der Stadt und des Kreises Kassel nicht aufgehen, rufen sie nun nach einem privaten Investor. Das mutet wie eine erste Kapitulation an. Aber auch internationale Geldgeber werden ihr Geld nicht einfach zum Fenster hinauswerfen. Sie werden sich langfristig nur engagieren, wenn in Calden zum Beispiel durch Dumping-Angebote oder vermehrte Nachtflüge Gewinne zu machen sind. Für die Anwohner, aber auch für die Konkurrenzflughäfen bedeutet die neue Nachricht also noch mehr Schlechtes.
Hessen hat mit fast 7 Mio. Einwohnern nur 1 Flughafen (Frankfurt). Wieviele Flughäfen hat NRW? Allein in Westfahlen sind es 3 Flughäfen die relativ nah beiander liegen und sich gegenseitig Konkurrenz machen.
bubu schrieb am 26.07.2011 17:33 Uhr
(...) Es gibt in Hessen mit absoluter Sicherheit vorrangigere Projekte zu meistern als der Ausbau des Feldflughafens.
Franz schrieb am 26.07.2011 17:27 Uhr
Meines Wissens sind die Kosten für die Infrastrukturmaßnahmen (z.B. Autobahn-Anbindung) in diesen 225 Mill..€ noch gar nicht enthalten. Anscheinend werden diese Maßnahmen auch (mindestens) bis zur geplanten Eröffnung 2013 gar nicht abgeschlossen sein. Und das mit der genannten Summe das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht ist, dürfte jedem klar sein. Also her mit privaten Investoren. Problem nur: die wollen auch früher oder später Gewinn machen. Da passt das mit den erwarteten 2 Mill..€ minus pro Jahr irgendwie nicht....... Es geht bei Kassel-Calden halt nicht um wirtschaftliches Denken, sondern dieser Flughafen ist ein reines Politikum. Und deswegen geht der Wahnsinn auch weiter, auf Kosten vieler Menschen.
pader schrieb am 26.07.2011 16:54 Uhr
Über den Unsinn des Caldener Flughafens will ich jetzt nicht näher eingehen. Wichtig für Paderborn-Lippstadt ist es, dass sinnvoll geplant und mit Augenmaß gewirtschaftet wird. Die nicht genutzte Landebahnverlängerung ist auch ein gutes Beispiel für Geldverschwendung! Wenn die Rahmenbedingungen in Calden passen (Preis, Parkplatzangebot, Flugziele...), wird es eben hier weniger Passagiere geben. PAD sollte dringend versuchen, neue Flugziele aufzubauen und darf auch nicht - wie momentan- zu teuer werden...
Zur Kleinstaaterei kann ich nur sagen, in PB wird das neue Theater demnächst eröffnet, finanziert von der Stadt und dem Kreis PB. Umgerechnet auf die zu erwartenden Zuschauer wird jeder Sitzplatz mit gewaltigen Summen subventioniert, obwohl mit BI, GT und DT reichlich Auswahl für Interessierte vorhanden ist. Die Kritik des Landrates Müller an Calden ist angebracht, aber Selbstkritik schadet auch nie...
Uwe Bartsch schrieb am 26.07.2011 09:47 Uhr
Die Standpunkte sind klar definiert, die Fronten verhärtet. Über Sinn und Unsinn zu Calden brauchen wir nicht mehr Diskutieren. Gut zu wissen, das die lokalen Gesellschafter des Flughafen Paderborn zu dem "Investitionsplan" um über 20 Mio. € stehen, wobei auch mal richtig betont werden sollte, das diese Summe nicht für einen Ausbau, sondern für dringend notwendige Neuanschaffungen (Fahrzeuge, Sicherheitseinrichtungen) und Sanierungsarbeiten gebraucht werden. Das einzige was ich mich frage, warum kein Investor für PAD, einen Flughafen der wirtschaftlich besser (attraktiver) aufgestellt ist, als Calden.
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