Paderborn. Es sollte ein schöner Urlaub in der klaren Bergluft werden. Roman Schesternin (27), seine Lebensgefährtin Djamila Radshabova (25) und Tochter Emilia (4) freuten sich auf zwei Tage Erholung. Doch der Ausflug endete dramatisch: Mehr als 18 Stunden steckte die Familie in einer Seilbahn-Gondel fest, schwankte über dem Abgrund.
"Wir sind am Mittwoch nach Schwangau gefahren", erzählt Roman Schesternin, der in Paderborn Wirtschaftswissenschaften studiert. Emilias kleine Schwester Leyla (2) war bei der Oma untergebracht. Die Familie ging in dem Dorf bei Schloss Neuschwanstein ausgiebig Wandern, erfreute sich am Panorama der Berge und des Märchenschlosses. "Wir wollten alles sehen", so Djamila Radshabova.
Daher fährt die Familie am Freitagmittag, nachdem sie schon aus ihrem Hotel ausgecheckt hat, mit einer Seilbahn auf den 1.881 Meter hohen Tegelberg. "Oben war ein Kamerateam mit einem Gleitschirmflieger", erinnert sich Schesternin. "Der Pilot hat gestikuliert und gezeigt, wie der Flug funktioniert."
Schirm verfängt sich in den Seilen
Mit 16 anderen Passagieren macht sich die Familie schließlich auf den Rückweg. Langsam sinkt die Gondel Richtung Tal. Doch plötzlich, in 80 Metern Höhe, geht nichts mehr. "Es hat nicht gekracht. Wir dachten, das ist ein normaler Stopp", sagt Schesternin. "Ich habe noch gewitzelt: Das ist bestimmt der Flieger". Was er nicht ahnt: Tatsächlich ist der Schweizer Pilot mit einem Fernsehreporter als Tandem-Mitflieger in die Seilbahn-Kabel geflogen. Der Schirm verfängt sich in den Seilen, diese verheddern sich.
Als der Halt immer länger wird, werden die Passagiere nervös. "Wir fühlten: Da stimmt was nicht." Nach etwa zweieinhalb Stunden tauchen Hubschrauber auf. "Das waren fünf, sechs Stück. Davor hat die Gondel schon leicht geschwankt, da hat sie richtig gewackelt." Die Passagiere einer anderen Gondel in 50 Meter Höhe werden von Rettungskräften der Bergwacht zum Boden abgeseilt.
Danach versuchen die Helfer, über eine Luke die Festsitzenden in der zweiten Gondel zu befreien. "Aber irgendwie ging das mit dem Seil nicht, der Wind war zu stark." Die Rettungsaktion muss abgebrochen werden. Gondelführer Jörg Mähr achtet jedoch darauf, dass keine Panik ausbricht: "Er hat uns beruhigt, das hat er wirklich super gemacht."
Emilia singt Lieder aus dem Kindergarten
Zumindest etwas Proviant kann die Bergwacht überbringen. "Aber wenn jemand Hunger oder Durst hatte, haben eh alle etwas abgegeben. Da war schnell ein Gemeinschaftsgefühl", erinnert sich Schesternin. Als Toilette dient den Eingeschlossenen eine Luke im Boden. "Dann haben alle weggeguckt. Ich selbst konnte aber ohnehin nichts essen."Es wird dunkel, die Nacht bricht an. "Es war ziemlich kalt. Es kam wieder jemand von der Bergwacht, hat mit uns geredet, Schutzanzüge gegen die Kälte mitgebracht, Schokolade und Spielzeug für die Kinder." Dennoch haben die Passagiere Angst: Einige Kinder weinen, auch Djamila Radshabova kommen die Tränen. "Wir hatten nicht Sorge, was mit uns passiert, sondern was mit unseren Kleinen wird."
Tochter Emilia bleibt derweil "unglaublich abgeklärt", sagt Vater Roman: Sie singt Lieder aus dem Kindergarten, lächelt, legt sich schließlich zum Schlafen. "Wir hatten zum Glück ein bisschen Platz, die Gondel ist für 45 Personen ausgelegt." Die Erwachsenen kriegen dennoch kein Auge zu, "alle Knochen taten weh."
Horror ist vorbei
Am Morgen, um 6 Uhr früh, kommen wieder die Hubschrauber. Die Helfer seilen sich zur Gondel herab, bringen die Transportgurte an den Passagieren an. Zuerst werden Schesternins Freundin und seine Tochter von den Bergwachts-Kräften mitgenommen, mit dem Seil in den Rettungshelikopter geholt. Als sie sicher auf der Erde sind, ist der gebürtige Kasache an der Reihe. "Der Retter hat beruhigend auf mich eingeredet, gesagt, ich soll nur nach oben gucken." Etwa zwei Minuten schwebt er, "aber es fühlte sich an wie eine Ewigkeit."
Dann, nach 18 Stunden Angst, ist es soweit: Er landet auf dem Boden. "Das war, als ob mir ein zweites Leben geschenkt wurde. Ich bin sofort zu meiner Freundin und meinem Kind, die Helfer haben uns dann ins Versorgungszelt dirigiert." Der Horror ist vorbei. Alle Passagiere und der Gondelführer können unverletzt geborgen werden.
Ermittlungen wegen fahrlässiger Körperverletzung
Die Familie frühstückt, steigt dann ins Auto. Nach einem Nickerchen auf dem Rasthof geht es weiter. "Samstagabend waren wir wieder in Paderborn." Doch wirklich verarbeitet hat das Paar die Grenzerfahrung noch nicht. Während Tochter Emilia herumtollt und lächelt, sind die Blicke ihrer Eltern ernst. "Der Boden schwankt immer noch ein bisschen, ich höre immer noch die Hubschrauber", sagt Roman Schesternin. "Ich habe im Moment zum Glück Semesterferien, wir werden uns erst mal ein paar Tage ausruhen müssen". Seine Freundin ist Hausfrau und pflegt ihren kranken Vater.
"Wirklich wütend" sei er auf den Verursacher des Unglücks, den Gleitschirmpiloten, nicht. "Aber es ist schon unverantwortlich, direkt bei der Bahn zu fliegen." In Internet wirft ein Gleitfluglehrer dem Schweizer vor, er habe die Bremse nicht früh genug in der Hand gehalten. Der Betreiber der Seilbahn, Franz Bucher, sagte, der Flieger habe "grob fahrlässig gehandelt". Die Polizei ermittelt wegen gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr sowie fahrlässiger Körperverletzung. Die Seilbahn soll heute schon wieder fahren können.