Paderborn. Es ist eine heikle Mission und niemand weiß genau, wohin sie führt und ob er sie am Ende nicht mit seinem Leben oder seiner Gesundheit bezahlen muss. Schließlich werden rund 5.000 britische Soldaten , deren Hauptquartier in Paderborn-Sennelager ist, in diesen Tagen zu einem sechsmonatigen Einsatz in die südafghanische Krisenprovinz Helmand verlegt. Eine Region also, wo fast täglich Sprengfallen und Bomben explodieren oder bewaffnete Angriffe aus dem Hinterhalt zu erwarten sind.
Die Taliban führen in Afghanistan einen erbarmungslosen Guerillakrieg gegen die eigene Regierung und die Zivilbevölkerung sowie auch gegen Soldaten der Internationalen Sicherheitsunterstützungsgruppe (ISAF). In den letzten Monaten hat es den Anschein, als gerate die Situation am Hindukusch zunehmend außer Kontrolle. Erst vor wenigen Tagen haben Kämpfer der radikalislamischen Taliban das Diplomatenviertel in der Hauptstadt Kabul angegriffen und mit Maschinengewehren und Panzerfäusten beschossen. Es gab neun Tote und zahlreiche Verletzte. Immer wieder gibt es Meldungen über ähnlich blutige Attentate. Die Situation für die 140.000 Soldaten der Schutztruppe, darunter auch etwa 5.000 Bundeswehrsoldaten, wird zunehmend gefährlicher.
"Wir haben phantastische Fortschritte erzielt"
Auch James Coote, der Kommandeur des 1st Battalion The Princess of Wales’s Royal Regiment kennt die aktuellen Meldungen aus dem Land am Hindukusch. Doch nun muss Coote von den 650 Infanteristen seiner Einheit insgesamt 450 nach Helmand schicken. "Wir haben uns ein Jahr lang intensiv auf diesen Einsatz vorbereitet und sind gut gerüstet", betont Coote, während er in der Barker Kaserne an der Bad Driburger Straße in Paderborn vor einer riesigen Afghanistan-Karte sitzt. "Jedes Land in der Region dort ist kompliziert", sagt er. Die ISAF-Truppen hätten aber nun einmal den Auftrag, die Zivilbevölkerung und die afghanische Regierung zu schützen und in dem Land geordnete Strukturen zu schaffen. Eine Aufgabe sei es dabei auch, die afghanische Polizisten auszubilden und ihre Arbeit effektiver zu gestalten.
"Wir haben phantastische Fortschritte erzielt", beteuert Kommandeur Coote und nennt als Beispiel die Stadt Lashkar Gah, die nun ausnahmslos von afghanischen Sicherheitskräften kontrolliert werde. "Es wird Sie überraschen, aber Sie werden unter unseren Soldaten niemanden finden, der nicht gerne dorthin gehen möchte", sagt Kommandeur Coote.Zumindest von der Richtigkeit dieser Behauptung können sich die Pressevertreter wenig später überzeugen: In einer Turnhalle der Barker Kaserne stehen die britischen Soldaten an langen Tischen Schlange vor ihrem Afghanistan Einsatz. Sie müssen verschiedene "Kontrollpunkte" durchlaufen, wo nach einmal alles Wichtige abgefragt und ausgehändigt wird. Jeder Soldat müsse eine DNA-Probe abgeben, seine Identifikationskarte und andere persönliche Unterlagen dabei haben, wenn der Flieger in Richtung Afghanistan abhebt, sagt Pressesprecherin Martina Hollmann. Auch ein Testament müsse vorliegen.
Auf einer Kontrollstation werden jeweils 200 US-Dollar ausgehändigt. Auch ein Neues Testament drückt man den britischen Berufssoldaten in die Hand. Die Heilige Schrift lagert unter dem letzten Tisch in einem Karton – auch ihr Umschlag ist in olivgrüner Tarnfarbe gehalten.
"Wir sind hervorragend ausgerüstet"
Draußen vor der Turnhalle stehen im Freien einige Soldaten, die den Pressevertretern die 60 Kilogram schwere "brandneue Ausrüstung" der britischen Armee für den Afghanistan-Einsatz präsentieren. Seidenunterwäsche, Spezialschuhe, Splitterschussweste und vieles mehr. Dazu eine neue Farbgebung, die die Tarnung im Gelände noch verbessern soll.
"Wir sind hervorragend ausgerüstet und gehen nach Afghanistan, um zu arbeiten, sagt Justin O’Hare (37). Der Sergeant ist in Birmingham geboren und hat sich im Alter von 18 Jahren für 24 Jahre Soldatsein entschieden. Drei Einsätze in Bosnien, drei im Kosovo und drei im Irak hat er bereits unbeschadet hinter sich gebracht. "Eine gewisse Angst" vor Afghanistan gesteht O’Hare nun ohne Umschweife zu. Er ist mit einer deutschen Frau verheiratet und lebt in Celle. Die längeren Zeiten seiner Abwesenheit habe die Ehe gut verkraftet. "Es könnte langweilig sein, wenn man sich jeden Abend sieht", sagt O’Hare und versucht ein Lachen. Wenn die Rede aber auf seinen einjährigen Sohn kommt, dann werden seine Gesichtszüge sehr ernst. "Der ist nun immer im Hintergrund", sagt er mit Wehmut in der Stimme. Die britische Armee tue wirklich alles für ihre Einsatzkräfte, sagt O’Hare.
Psychologische Betreuung, Internet, Telefonverbindungen in die Heimat, sogar für einen eintägigen Erholungsurlaub auf Zypern werde gesorgt. Für den Fall, dass er in Afghanistan zu Tode komme, habe er seinem Sohn einen Brief geschrieben, sagt O’Hare. Der Adressat dürfe ihn aber nicht vor seinem 18. Lebensjahr öffnen.
Liebe Journalisten: Geht doch einfach mal spaßeshalber Abends auf die Straße und interviewt im Ükern mal ein paar der Soldaten. Ich möchte mal behaupten, daß mindestens 80% davon, wenn kein Offizier in der Nähe ist, die Wahrheit sagen: Die haben eine (...)angst und würden nichts lieber tun als sich vor diesem Krieg zu drücken. Und ich kann sie dabei bestens verstehen...
Echter Journalismus ist übrigens, wenn man nicht nur die Statements bei Presseterminen umformuliert!