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08.12.2011
PADERBORN
Konsumverzicht zur Weihnachtszeit
Der heilige Franziskus setzt Maßstäbe für das 21. Jahrhundert / Freitag Ausstellungseröffnung
VON ROLAND MAORO

Auge in Auge | FOTO: REINHARD ROHLF

Paderborn. Eigentlich ist es eine der beliebten Mittelalter-Shows, doch das Thema ist von erstaunlicher Aktualität. Wo der Besucher Prunk und Protz aus königlichen Schatztruhen erwartet, wird er bei der Ausstellung "Licht aus Assisi" mit dem genauen Gegenteil konfrontiert: Bescheidenheit, Armut, Demut und bedingungslose Nächstenliebe. Es geht um das Wirken des heiligen Franziskus, der vor 800 Jahren den Grundstock für eine christliche Gemeinschaft gelegt hat, wie sie Jesus einst vorgelebt hat und wie es sich der Gottessohn für die Zukunft wohl gewünscht hätte.

Im Jahr 1181 wird Giovanni Bernardone als Sohn eines reichen Tuchhändlers in eine glänzende Zukunft hinein geboren. Nach einer Frankreichreise umgetauft in "Francesco" zieht der junge Mann 1202 in den Krieg (zwischen den Städten Assisi und Perugia). Er erkrankt schwer in der Gefangenschaft. Der Kontakt zu anderen Kranken und Ausgestoßenen der Gesellschaft bewegt ihn zur Besinnung und zur Rückkehr zu den wahren menschlichen Werten. Franziskus entsagt allen weltlichen Reichtümern und widmet sich völlig der Fürsorge seiner Mitmenschen.

Diesen Weg schlägt Franziskus zunächst alleine ein, eine Entscheidung für sein persönliches Leben. Die Gründung eines eigenen Ordens hat er gar nicht im Sinn. Doch offenbar trifft Franziskus einen Nerv der Zeit, in der einige wenige im Reichtum schwelgen und sehr viele im Elend vegetieren. Ohne ausdrücklich gerufen zu werden, scharen sich immer mehr Anhänger um den gesellschaftlichen Aussteiger. 1209 erhält Franziskus von Papst Innozenz III. die Anerkennung für eine gemeinsame Lebensform nach seinen Leitwerten. 1223 werden diese Werte in der grundlegenden Ordensregel der Franziskaner festgeschrieben: Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam.

In der Folge entstehen neben den Franziskanern noch die Bettelorden der Minoriten und Kapuziner. Die heilige Klara von Assisi, enge Weggefährtin des Franziskus, begründet den weiblichen Zweig der Klarissen. Während sich die Klarissen und später die Franziskanerinnen mehr in die Abgeschiedenheit der klösterlichen Klausur zurück ziehen, wirken ihre männlichen Brüder nach der Devise "Unser Kloster ist die Welt".

Die Franziskaner haben sich immer eine Nähe zum Leben und zu den Sorgen und Nöten der Menschen bewahrt, so dass Pater Robert Jauch mit Fug und Recht behaupten kann: "Unsere Gemeinschaft lebt und hat von ihrer Faszination nichts verloren. Die Dinge und Werte, die wir vertreten, kommen auch heute wieder gut an."In der Tat sind die aktuellen Parallelen zur Zeit vor 800 Jahren nicht zu übersehen. An dem unseligen Bestreben, grenzenlosen persönlichen Reichtum auf Kosten der Mitmenschen anzuhäufen, hat sich ja offensichtlich nichts geändert. So wird die Ausstellung "Licht aus Assisi" nicht zu einer betulich-distanzierten Rückschau auf tote alte Glitzersteine. Die 800 Jahre alte Lebenswelt des heiligen Franziskus erscheint aus heutiger Sicht erstaunlich, ja geradezu erschreckend aktuell.

Die Ausstellung wird am 9. Dezember an drei Orten in Paderborn eröffnet: im Diözesanmuseum, im Franziskanerkloster in der Westernstraße und mit einer künstlerischen Installation an zwei Hauswänden der Innenstadt. Der ungewöhnliche Eröffnungstermin im Dezember hat einen direkten Bezug zu Franziskus. Generalvikar Alfons Hardt erinnerte gestern bei der Pressekonferenz daran, dass der Heilige im Jahr 1233 erstmals das Weihnachtsfest so gefeiert hat, wie man es heute gewohnt ist: mit dem Jesuskind in der Krippe und den Tieren im Stall.
Das Diözesanmuseum zeichnet mit wertvollen Ausstellungsstücken das Leben und Wirken des Franziskus und der heiligen Klara nach. Franziskus’ Kelch ist zu sehen, viele Darstellungen des Heiligen (Franziskus verbreitete sein Werk sehr wirkungsvoll mit "Propaganda"-Bildern). Die künstlerische Ader des Franziskus wird gewürdigt, sein berühmter "Sonnengesang". Und die schnelle Ausbreitung des Ordens über die Alpen ins ganze nördliche Europa ist bis in die Neuzeit zu verfolgen.

Hier schließt die Ausstellung im Franziskanerkloster an, die das aktuelle Leben der Franziskaner dokumentiert. Ihr stetiges Engagement für die Mitmenschen, sei es bei der Pflege Verwundeter im Krieg oder bei der Betreuung von Gastarbeitern fern ihrer Heimat im Ruhrgebiet. Die Missionsbestrebungen der Franziskaner lassen sich bis in die entlegensten Winkel der Südsee verfolgen. Während der Öffnungszeiten (siehe Kasten) stehen im Kloster auch immer Franziskaner als Ansprechpartner bereit.

Die wirklich brandaktuelle Anknüpfung an das 21. Jahrhundert liefert schließlich ein kurzer Film, der einen modernen "Franziskus" zeigt: Ein junger Mann steht im Konferenzraum der Firma seines Vaters/Mutter, zieht vor der versammelten Manager-Mannschaft seine komplette Kleidung aus und schlägt das ganze Erbe, allen Reichtum in den Wind.

Der Film wurde speziell für die Paderborner Franziskus-Ausstellung gedreht (in der Mercedes-Benz-Vorstandsetage in München). Er wird während der ganzen Ausstellungsdauer großflächig auf die Wand des Klingenthal-Kaufhauses gegenüber dem Franziskanerkloster und auf die Wand des Rathauses im Schildern projiziert. Gedacht als ein deutlicher Fingerzeig auf Franziskus’ Wertvorstellungen von Armut und Konsumverzicht in einer Zeit, in der bei uns die Kassen stets lauter klingeln als die Weihnachtsglocken.

Termine, Daten, Preise

- "Franziskus – Licht aus Assisi", Eröffnung am Freitag, 9. Dezember, um 18 Uhr. Zu sehen bis 6. Mai.

- Öffnungszeiten im Diözesanmuseum: dienstags bis sonntags 10–18 Uhr. Jeder erste Mittwoch im Monat bis 20 Uhr. Montags geschlossen.

- "Unser Kloster ist die Welt", Ausstellung im Franziskanerkloster, Westernstraße 19.

- Öffnungszeiten: Dienstags bis samstags 10–12 und 14.30–17.30 Uhr, sonntags 14.30–17.30 Uhr. Montags geschlossen.
- Eintrittspreise: 7 Euro, ermäßigt 5 Euro.

- Infos, Gruppentarife und Führungen: Tel. (05251) 1251400.

- Im Internet: www.dioezesanmuseum-paderborn.de



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