Bad Lippspringe. Die Wirtschaftskrise bedroht die Existenz von Menschen. In Griechenland, Spanien oder Portugal wissen viele Familien keinen Ausweg mehr: Sie brechen ihre Zelte ab und versuchen einen Neustart in Deutschland. Für die zuständigen Behörden wird das zunehmend zum Problem, meint Rechtsanwalt Wolfgang Weigel.
Er vertritt eine Familie aus Griechenland. Iordanis Agiannidis (52), Ehefrau Natasa Theoharidou (46) und ihr 17-jähriger Sohn sind Mitte 2011 nach Bad Lippspringe gekommen, weil dort bereits ein Bekannter wohnte. "Das ist ein typischer Fall", sagt Weigel. "Die Menschen kennen noch jemanden, der vor Jahrzehnten als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen ist." Für das Flugticket verkaufte Agiannidis sein Auto. Seit 1974 war er durchgehend in der Autobranche in verschiedenen handwerklichen Tätigkeiten beschäftigt. Doch seine Fertigkeiten nutzen ihm bei der Jobsuche nichts – weil Agiannidis bis zur Ankunft in Deutschland kein Wort Deutsch konnte. Um die Lage zu verbessern, nehmen er und seine Frau an einem Sprachkursus teil – vier Stunden täglich. "Das ist der Türöffner", sagt Weigel.
EU-Bürger haben einen so genannten Freizügigkeitsstatus, ein auf maximal sechs Monate befristetes Aufenthaltsrecht. In dieser Zeit dürfen sie Sozialleistungen in Anspruch nehmen. Nach Fristablauf stellte das Jobcenter im Dezember sämtliche Zahlungen ein. Agiannidis suchte Rat bei Anwalt Weigel, der eine Verlängerung der Leistungen bis Ende Juni 2012 erwirkte. Wie es dann weitergeht, ist ungewiss. "Der Sprachkurs endet im Juni", sagt Weigel, "aber dann beginnen eigentlich Praktika, um die Menschen in Arbeit zu bringen." Doch das Aufenthaltsrecht erlischt. "Die Integration wird konterkariert", nennt Weigel diesen Zustand.
Die Mitarbeiter des Ausländeramtes treffen nach seiner Meinung auf eine unklare Gesetzeslage und wissen nicht, wie sie in diesen Fällen entscheiden sollen. Die Landespolitiker in Düsseldorf seien jetzt gefragt. Dort müsse schnell entschieden werden, weil die Anzahl an Wirtschaftsflüchtlingen aus dem Mittelmeerraum zunehmen wird. "Es wird eine Abstimmung mit den Füßen geben", glaubt Weigel. "Die Menschen üben einen Druck auf die Kommunen aus, und spätestens dann muss die Politik handeln."
Laut Weigel wohnen bereits einige Familien aus Griechenland und Spanien im Kreis Paderborn. Und sie benötigten Unterstützung. Der beste Ausweg sei, einen Sprachkursus zu absolvieren und Jobs anzunehmen. Das zeige Integrationswillen. Dabei sei die Art der Jobs zweitrangig
Agiannidis arbeitete nur drei Tage lang für eine Leihfirma; wegen mangelnder Sprachkenntnisse wurde er nicht weiter beschäftigt. Seine Ehefrau jobbt als Haushaltshilfe, die Stelle hat ihr der griechische Verein Hellas vermittelt. Die ungewisse Zukunft frustriert die Familie, aber eine Rückkehr in die Heimat kann sie sich nicht vorstellen. Dort gebe es keine Perspektive.