Wie Wildtiere der kalten Jahreszeit trotzen und welche Spuren sie hinterlassen
VON SUSANNE LAHR
Schloß Holte-Stukenbrock. Der Winter hat uns seit Wochen fest im Griff. Er bringt uns bei strahlendem Wetter und Schnee viel Freude - beim Wandern, Skifahren oder Rodeln. Und er bringt uns Verdruss - durch glatte Straßen, sich türmende Schneeberge, Erkältungen. Doch was auch kommt, wir können uns in gut geheizte Stuben und unter die Kuscheldecke zurückziehen. Unser heimischen Wildtiere können das nicht. Spuren und Fährten verraten, dass sie zum Teil auch bei kalter Witterung unterwegs sind. Sie haben ihre eigenen Überlebenstrategien entwickelt. In einer Serie wird die Neue Westfälische in loser Folge heimisches Wild im Winter vorstellen.
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Die Kunst des Fährtenlesens
Sie gehen auf den Sohlen, auf den Zehen oder auf den Zehenspitzen. Sie haben Pranken, Pfoten oder Hufe. Unsere Wildtiere hinterlassen ganz charakteristische Spuren in der Natur, am auffälligsten sind sie für uns bei Neuschnee. Die in der Fortbewegung sich aneinanderreihenden Trittsiegel formen die Fährte oder Spur. Je nach Tierart unterscheidet der Fachmann diese Begriffe. Die Tierspuren und -fährten im Schnee sind stumme Zeugen unsere belebten Natur. Wer sie lesen kann, dem öffnet sich ein Buch mit sieben Siegeln. Denn durch ein Trittsiegel kann man erkennen, um welche Tierart es sich handelt, ob das Tier gemächlich unterwegs war, eilig trabte oder gar auf der Flucht war.
Grundsätzlich gilt, dass sich Reh, Hase und Co. an Schnee und Frost schon lange gewöhnt haben. Der Nahrungsmangel ist es, der in der Regel Probleme bereitet. "Die Wildtiere haben unterschiedliche Möglichkeiten gefunden, diese nahrungsarme Zeit zu überstehen", sagt Biologe Christian Venne vom Naturschutzzentrum Senne. Sie haben Bioheizung, Dauerwelle, Unterwolle, Winterspeck, fetten sich ein, plustern sich auf.
Zunächst gibt es drei große Überlebensstrategien. Als Extremfall nennt der Fachmann die Kälte- oder Winterstarre. "Amphibien und Reptilien beispielsweise haben dann nur noch einen minimalen Reststoffwechsel", erklärt Christian Venne. Goldfische bewegen sich im Gartenteich nicht mehr. Heimische Insekten wie der Zitronenfalter, das Tagpfauenauge oder der Kleine Fuchs verschwinden bis zum Frühjahr in Kellern, Laubhaufen oder Abflussrohren. "Gibt es zwischendurch an ihrem Rückzugsort eine Heizperiode, ist das sehr schlecht", sagt Venne, weil die Insekten aus ihrer Starre geweckt werden und zu erfrieren drohen.
Andere Tiere wie Igel, Siebenschläfer oder Fledermäuse verschlafen den Winter. Auch sie verlangsamen ihren Stoffwechsel und passen ihre Körpertemperatur der Umgebung an. Sie werden von Warm- zu Kaltblütern, Atmung und Herzschlag verlangsamen sich extrem. Die Tiere leben hauptsächlich von den angefressenen Fettpolstern. Winterschläfer haben durchaus kurze Wachphasen, die aber nicht zu häufig vorkommen dürfen, sonst werden die Polster zu schnell verbraucht.
"Und dann gibt es noch die Winterruhe", erzählt Christian Venne. Eichhörnchen, Dachse und Waschbären fallen in diese Kategorie. "Sie sind größtenteils inaktiv", sagt der Biologe. In ihren Ruhephasen verlangsamt sich der Stoffwechsel - aber bei weitem nicht so wie bei den Tieren im Winterschlaf.
"In der Winterzeit braucht das Wild vor allem Ruhe", betont Venne. "Jede Störung erhöht den Energieverbrauch des Körpers." Das wissen die Tiere natürlich auch und lassen Menschen näher heran als normal. "Es wirkt zutraulich", sagt Torsten Reinwald, "aber in Wirklichkeit bedeutet diese Situation absoluten Stress für das Wild." Die Flucht werde nur hinausgezögert, erklärt der Pressesprecher des Deutschen Jagdschutz-Verbandes (DJV), um nicht mehr Energie als nötig zu verpulvern.
"Werden Tiere ständig aufgeschreckt, überleben sie im schlimmsten Fall den Winter nicht", betont Biologe Reinwald. Er plädiert daher dafür, dass Freizeitsportler und Spaziergänger auf den Wegen bleiben. Hunde sollten unbedingt im direkten Einflussbereich von Herrchen oder Frauchen bleiben, so sie denn nicht angeleint sein müssen. Wildtiere werden nach Auskunft des DJV nur in absoluten Notzeiten gefüttert, wenn etwa eine verharschte Schneedecke oder Eis ihnen keine Chance lässt, Nahrung am Boden zu finden. Förster und Jäger sorgen dann für artgerechte Fütterung. "Der Winter reguliert immer die Population", sieht Biologe Venne das ganz pragmatisch. "Das ist für die Fitness der Gesamtpopulation einer Art einfach wichtig."
Und für den Fortbestand sorgen die Feldhasen auch im Winter. Ihre Paarungszeit beginnt ausgerechnet jetzt im Januar. Drei- bis viermal im Jahr gibt es ein bis drei Junge. Mit einem dichter Winterfell schützen sich die Häsinnen und Rammler, die zumeist als Einzelgänger unterwegs sind, vor der Kälte. Auch im Winter haben sie keinen schützenden Bau wie die Kaninchen, sondern drücken sich bei Gefahr in flache Mulden, auch Sassen genannt. Ihre Wollhaare unter den gebogenen Deckhaaren sind deutlich heller, haben eine weiße Basis. Sie fressen grüne Pflanzenteile, aber auch Knollen, Wurzeln und Getreide sowie vor allem im Winter die Rinde junger Bäume. Hasen sind überwiegend dämmerungs- und nachtaktiv.
Auch die Kaninchen beginnen im Winter mit der Fortpflanzung, ihre Rammelzeit beginnt im Februar. Im Gegensatz zu den doppelt so großen Hasen leben sie in Kolonien, haben ausgedehnte Baue und Setzröhren, in denen die nackten Jungtiere abgelegt werden. Bei Kaninchen und Hasen können extrem harte Winter dazu führen, dass die Paarungszeit verschoben wird. Kaninchen sind reine Pflanzenfresser, sie mögen Gräser und Kräuter, Getreide, Kohlpflanzen und Rüben. Im Winter fressen sie auch Knospen, Triebe und Rinde von Obstbäumen und Weichhölzern.
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