Schloß Holte-Stukenbrock. Ein deutscher Großvater, der seine Enkeltochter aus der polnischen Wirtschaft der angeheirateten Verwandtschaft retten will. Zu diesem Filmszenario hätte doch folkloristisch angehauchter Sound wunderbar gepasst. Aber Dirk Dresselhaus sagt: "Ich finde Klischees nicht so interessant." Und gerade weil der Film mit Klischees spielt, hat sich der 40-Jährige für einen "undefinierbaren Mischmasch" entschieden. Zum Entzücken des Regisseurs und des Premierenpublikums.
"Polnische Ostern" (siehe Hintergrundkasten) ist der dritte Film, für den der Wahlberliner, Spross einer alteingesessenen Schloß Holter Familie, die Musik komponiert hat. Auf dem Filmfestival "Max Ophüls Preis" in Saarbrücken fand vor wenigen Tagen die Welturaufführung statt, in die Kinos kommt er am 21. April. Auf dem Festival wurde er außer Konkurrenz gezeigt – die Jury, erklärt Dirk Dresselhaus, habe wohl wegen des bekannten Hauptdarstellers Henry Hübchen einen Starbonus befürchtet.
Tatsächlich waren die Zuschauer über die Maßen begeistert. "Publikumssieger der Herzen", so wird der Film in Internetkritiken bejubelt, und Dirk Dresselhaus hat diese Euphorie in Saarbrücken selbst miterlebt. Und besonders schön war für ihn, dass auch seine Musik Thema war. "Wahrscheinlich, weil sie so überraschend ist."
"Ein Film mit sehr viel Musik"
Ein bisschen Polka, etwas Afrikanisches, dazu mal südamerikanische Gitarre, mal Elektrosound. "Alles klingt gut, aber es ist untypischer, als man das normalerweise machen würde." Etwas Eigenes zu schaffen, das Stimmungen verstärkt, aber sie nicht in Klischees abgleiten lässt – das war sein Ziel, und er hat es offenbar erreicht. "Das ist ein Film mit sehr viel Musik", und mithin sei der Sound auch ein prägendes Element. "Da kann man auch sehr viele Fehler machen, die Musik ganz nervig, kitschig werden."
Ein Appetithappen
Davon handelt der Film "Polnische Ostern": Bäckermeister Werner Grabosch bricht es das Herz, als seine einzige Enkelin Mathilda nach dem Tod ihrer Mutter bei ihrem polnischen Vater aufwachsen soll. Sein Plan, um Mathilda zurückzubekommen: Über Ostern will er sich bei der polnischen Familie einschleichen und Beweise sicherstellen, damit die polnische Verwandtschaft das Sorgerecht verliert. Anfangs läuft alles nach Plan, doch dann fühlt sich Grabosch eigenartigerweise immer wohler.
Der Kinofilm, der das Prädikat "wertvoll" bekommen hat, wurde vom ZDF für "Das kleine Fernsehspiel" koproduziert.
Regisseur Jakob Ziemnicki hatte Dirk Dresselhaus gefragt, ob er nicht die Musik zu "Polnische Ostern" kreieren wolle. Die beiden kennen sich seit Dresselhaus’ Erstling "1. Mai" (2008), bei dem der gebürtige Pole ebenfalls Regie geführt hatte. "Wir haben vorher diskutiert, was passen könnte, und nachher zusammen an den Feinheiten gearbeitet." Dazwischen liegen gut drei Monate. Ende Juli 2010 wurde das kleine Studio im neuen Haus von Dresselhaus am Prenzlauer Berg fertig, Anfang August konnte er den Film im Rohschnitt sehen.
"Ich hab verschiedene Stücke erarbeitet", erzählt der 40-Jährige, "und dann Freunde eingeladen, Improvisationen darüber zu spielen. Aus diesen Sessions habe ich wieder neues Material zusammengebaut." Baukastenprinzip nennt er das. "Ich gehe da ganz intuitiv ran und nehme das auch mit in den Schlaf." So ist für ihn die Filmmusik in diesen Monaten "wie eine Ehefrau" geworden, und an dieser Stelle des Gesprächs muss er wieder einmal herzlich rauchig lachen.
Neues Album in Arbeit
Die Zeit mit dieser Ehefrau hat Dirk Dresselhaus sehr viel Spaß gemacht. Aber in Zukunft sein Geld ausschließlich mit Filmmusik zu verdienen reizt ihn nicht. "Ich finde das zwar sehr interessant, möchte es aber nicht ausschließlich machen." Es drängt ihn wieder hinaus.
Er will wieder auf Tour gehen als Schneider TM, so sein Künstlername, den man in der Fach- und Fanwelt mit der Noise-Fraktion der elektronischen Musik verbindet. Derzeit bastelt er an einem neuen Album, für das die Geräusche einer Baustelle ("Ich musste lange daneben wohnen, es war nervtötend") die Basis bilden. Er nimmt am 18. März am Polyhymnia-Festival in Berlin teil. Am 20./21. November ist er im Maxim-Gorki-Theater mit einem 24 Stunden langen elektro-akustischem Musikexperiment aus Anlass des 200. Todestages von Heinrich von Kleist zu Gast. "Das wird ein Mix aus Konzert und Performance."
Dirk Dresselhaus will sich nicht auf eine Richtung festlegen, das könnte schnell langweilig werden. "Mir ist es wichtig", sagt der 40-Jährige "den erweiterten Horizont zu behalten."