Schloß Holte-Stukenbrock. Der Widerstand wächst, die Diskussion wird heftiger. Die Landesregierung versucht zu beschwichtigen und muss am 7. April im Hauptausschuss des Landtages erklären, warum auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof ein christliches Symbol durch ein kommunistisches ersetzt werden soll.
Wie berichtet, hatte der Arbeitskreis "Blumen für Stukenbrock" erreicht, dass noch vor dem Sommer auf der Spitze des Obelisken, den 1945 direkt nach der Befreiung des Kriegsgefangenenlagers Stalag 326 sowjetische Soldaten über den Gräbern ihrer im Lager gestorbenen Kameraden errichtet hatten, wieder die ursprüngliche rote Fahne aus Glas mit Hammer und Sichel angebracht werden soll. Hubert Kniesburges, Vorsitzender von "Blumen für Stukenbrock", sieht damit einen Wunsch Überlebender erfüllt.
Historiker Oliver Nickel hat da seine Zweifel, dass die Mehrzahl der sowjetischen Kriegsgefangenen glühende Kommunisten waren. Vielmehr sei in den akribisch geführten Unterlagen der Nazis der christliche Glaube der meisten dokumentiert. Er verweist auf das Foto, das anlässlich der Einweihung des Obelisken am 2. Mai 1945 gemacht wurde. Darauf sind orthodoxe Kreuze auf Gräbern zu sehen.
Und konnten die 100 bis 150 Erbauer wirklich für Tausende von Befreiten und Verstorbenen sprechen?, fragt der Historiker, der sich wundert, dass noch keiner der Entscheider mit ihm das Gespräch gesucht hat. Er vermutet, dass der Bau des Obelisken mit den kommunistischen Symbolen wie roter Fahne und roten Sternen staatlich gelenkt worden war. Denn "der Obelisk ist kein Einzelstück", es gebe mehrere baugleiche Exemplare.
Aufklärung erhofft er sich von den Gesprächen, die in Kürze mit 60 Überlebenden in der Ukraine im Auftrag des Fördervereins der Dokumentationsstätte Stalag 326 geführt werden. Fest steht für ihn allerdings, dass viele, die in Stukenbrock-Senne das Grab ihres Angehörigen (be-)suchen, "die rote Fahne nicht mehr zurückhaben wollen". Er zitiert sie so: Unsere Angehörigen sind nicht für Stalin in den Tod gegangen.
Denn unter der roten Fahne mussten nicht nur Russen kämpfen, sondern Männer aus vielen heute wieder selbstständigen Staaten. Und Oliver Nickel ist sicher, dass beispielsweise "Ukrainer und Kalmücken nicht begeistert wären", wenn die rote Fahne wieder auf den Obelisken aufgepflanzt würde. Käme es dazu, "wird es zu Spannungen kommen, auch politischen".
Gereizt reagierte gestern die Orthodoxe Kirche. "Diese Idee zeugt von völliger Unkenntnis der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts – für mich ist das einfach nur ein Skandal", schreibt der Generalsekretär der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland, Nikolaj Thon, in einer Stellungnahme. Die rote Fahne ist für ihn ein "Symbol millionenfaches Leides, hunderttausendfachen Todes und der Zerstörung der Religion". Auch Thon ist der Ansicht, dass "mit Sicherheit ein großer Teil der Gefangenen im Lager orthodoxe Christen gewesen" sind. Bei Kriegsende wäre den Befreiten bloß keine andere Wahl geblieben, als die Sowjet-Fahne auf das Denkmal zu setzen.
Der orthodoxe Erzbischof Longin von Klin fordert Ministerpräsidentin Hannelore Kraft auf, die Entscheidung zu revidieren, die dem Schreiben an den Vorsitzenden von "Blumen für Stukenbrock" vom 8. März zu entnehmen ist (siehe Kasten). Regierungssprecher Thomas Breustedt sieht sich indes veranlasst zu beschwichtigen. Es solle lediglich die Vereinbarung vom 28. Juli 2006 umgesetzt werden. Damals hatten sich Vertreter der Landesregierung, der Bezirksregierung, des Denkmalschutzamtes Münster und des Arbeitskreises "Blumen für Stukenbrock" auf Einzelheiten der Renovierung und mithin den Austausch des orthodoxen Kreuzes gegen die kommunistische Fahne geeinigt. Die orthodoxe Kirche war nicht gefragt worden. Dem Bischöflichen Rat Nikolaj Thon jedenfalls ist "kein zuständiger Repräsentant der Russischen Orthodoxen Kirche bekannt, der etwas von einer solchen Vereinbarung mit den Behörden weiß".
Dr. Michael Brinkmeier, Landtagsabgeordneter der CDU, will von der Landesregierung eine Erklärung. "Am 7. April im Hauptausschuss des Landtages muss sie Stellung beziehen", sagt der Politiker, der betont hat: "Ich will nicht, dass in Schloß Holte-Stukenbrock die Flagge eines Regimes weht, das Tausende von Menschen auf dem Gewissen hat." Sonntag trifft sich Brinkmeier mit Diakon Bringfried Schubert, der erklärt hat, er werde nie wieder einen Fuß auf den Friedhof setzen, wenn Kreuz durch Fahne ersetzt werde. Der kämpferische Schubert wird dem Landtagsabgeordneten eine Eingabe an Bund und Land überreichen, die Brinkmeier an den Petitionsausschuss weiterleiten soll.
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