DIE WELT IM KLEINEN (4): Metin Eser, SPD-Integrationsbeauftragter, ist in der Türkei geboren
Schloß Holte-Stukenbrock. Als Kind las er Bücher über Demokratie und träumte in der Türkei von Freiheit. Als Jugendlicher kam er nach Deutschland, erlebte eine neue Kultur und westliche Lebensart. Als erwachsener Familienvater macht Metin Eser selbst Politik, mischt sich ein, lebt, fühlt und denkt als Deutscher.
"Integration ist sehr wichtig", sagt Eser. "Wir leben hier alle zusammen, darum müssen wir auch alle miteinander umgehen." Metin Eser guckt seinen Gegenüber direkt in die Augen. Er versucht seinen Worten mit Gesten Nachdruck zu verleihen. Der türkische Akzent ist noch immer da, aber Eser betont, wie wichtig es ihm sei, richtig Deutsch zu lernen. "Viele Migranten sagen, es würde ausreichen, wenn sie nur einige Wörter können. Das reiche ihnen zur Verständigung", berichtet Eser von den Erfahrungen, die er beinahe täglich macht. Er selbst hält seine Kinder an, auch zuhause nur Deutsch zu sprechen.
Seit 1977 ist Eser in Deutschland. Mit 13 Jahren verließ er Anatolien, wo er geboren wurde. Sein Vater wanderte bereits 1962 nach Deutschland aus, holte Esers Mutter und seine Geschwister nach. Nur Metin Eser blieb bei seinem Großvateri. "Ich wollte eigentlich in der Türkei studieren, darum bin ich dort geblieben", erzählt Eser. "Aber es gab keine Demokratie." Als dem Jugendlichen bewusst wurde, dass seine berufliche Zukunft in der Türkei nicht gewährleistet war, entschied er sich dazu, seiner Familie nach Deutschland zu folgen.
Eser errinert sich noch genau an seinen ersten Tag in Gelsenkirchen-Horst. "Mir war langweilig, da ist meine Schwägerin mit mir auf den Spielplatz gegangen", sagt Eser. "Ich wollte gerne mit den anderen Kindern spielen, aber ich konnte mich nicht verständigen, da hat meine Schwägerin für mich gedolmetscht und ihnen gesagt, dass ich gerne Freundschaft schließen möchte." Einer der Jungen habe Eser dann am nächsten Tag zu sich nach Hause eingeladen. Durch diese Freundschaft, aber auch im örtlichen Jugendheim, hat der türkische Junge Kontakte zu deutschen Jugendlichen geknüpft und die Sprache erlernt. "Ohne Sprache ist man nichts", sagt Eser.
Beim Spracherwerb habe ihm auch seine politische Neugier geholfen, so Eser. "Seit ich neun Jahre alt war, habe ich mich für Politik interessiert. In Deutschland habe ich dann auch immer Nachrichten geguckt." Eser weiß: "Ich muss meine Zukunft selbst beschreiben."Seine Zukunft hat Eser dann ziemlich schnell in OWL gefunden. 1979 kam er nach Schloß Holte-Stukenbrock, weil sein Vater einen Job bei Claas gefunden hatte. Nach seinem Hauptschulabschluss arbeitete Eser ein Jahr lang im Sauerland als Lackierer. Seit 1984 ist er für die Firma Brechmann tätig, wo er sich noch bis vor zwei Jahren im Betriebsrat engagierte.
Seine politische Neugier und der Wille sich selbst einzubringen motivierten Eser schließlich dazu, 2004 in die SPD einzutreten. "Als ich noch klein war, hat mir mein Opa immer viele Bücher gegeben", erinnert sich Eser. "Ich habe viel gelesen über Kommunismus, Sozialismus und Demokratie. Demokratie hat mich schon immer begeistert. das ist das weltbeste System." Die Wahl, welcher Partei Eser beitreten wollte, war schnell getroffen. Im Ruhrgebiet aufgewachsen, prägten ihn die Sozialdemokraten schon früh. "Die haben sich immer viel für uns Ausländer eingesetzt." Außerdem sei sein Vater schon immer ein großer Willy-Brandt-Fan gewesen. Das habe ihn geprägt.
Seine Kinder Merdan (13) und Helin (12) besuchen das Gymnasium und reden besser Englisch oder Französisch als Türkisch. "Ich sage nicht, dass mehrsprachige Erziehung schlecht ist", sagt Eser. "Aber zuerst muss man die Sprache lernen, die dort gesprochen wird, wo man lebt." Seine Frau Remziye und er haben genau wie die Kinder die deutsche Staatsangehörigkeit. Ein Ausdruck ihrer Gefühle. Eser sagt: "Im Herzen bin ich Deutscher."
Der islamische Glaube spielt zwar auch in seinem Leben noch eine Rolle, aber eine untergeordnete. "Das ist ein Glaube zwischen dir und Gott. Ich finde auch, das hat nichts mit Verkleidung zu tun", sagt Eser. "Im Koran steht zwar, Frauen sollen ihre Schamstellen bedecken. Aber der Kopf ist keine Schamstelle. Meine Frau trägt kein Kopftuch."
Eser liebt zwar noch türkisches Essen, fühlt sich in seinem Geburtsland aber wie ein Tourist. Was die Politik angeht, sieht der Sozialdemokrat nach wie vor Handlungsbedarf: "Es hat sich schon einiges bewegt, aber es reicht noch nicht aus, besonders was die Rechte von Frauen und Kindern angeht. Da gibt es noch sehr viel zu tun. "
Ein Thema, das Deutsche und Türken gleichermaßen bewegt, hat auch Platz im Leben von Metin Eser: Der leidenschaftliche Fußballfan ist Schiedsrichter im Fußballkreis Gütersloh. Beinahe jedes Wochenende ist er auf dem Fußballplatz. Und wenn die deutsche gegen die türkische Nationalmannschaft antritt ist für Eser eines ganz klar: "Ich drücke der Mannschaft die Daumen, die fairer spielt."