Warburg/Kreis Höxter. Sie sind klein, süß und kuschelig. Aber die Jäger wissen langsam nicht mehr, wie sie die wachsende Waschbären-Population im Kreis Höxter eindämmen sollen. Das niedliche Tierchen hat sich zu einer wahren Plage entwickelt.
Aufschluss über die rasante Vermehrung der Tiere geben die Streckenzahlen der Jäger. Meldeten die Jagdwächter in der Jagdsaison 2004/2005 noch 1.721 tote Waschbären, waren es ein Jahr später bereits 600 mehr. Im vergangenen Jagdjahr lag die Zahl dann bei 3.453 Tieren. "Der Waschbär hat eine Nische gefunden, die bisher von keinem anderen Tier ausgefüllt worden ist", erklärt Kreisjagdberater Bernd Freiherr von Kanne. Waschbären seien Allesfresser und ernährten sich von pflanzlicher Kost, Weich- und Wirbeltieren. In ihrer Ernährung seien die Tiere sehr vielseitig. "Dazu kommt, dass die Kleinbären in Deutschland außer dem Uhu keine natürlichen Feinde haben", so der Jagdexperte.
Vier bis sechs Junge bekommen Waschbären pro Jahr - beim Familienzuwachs sind die possierlichen Tierchen ziemlich flott. Heute lebt fast die Hälfte der Waschbären Nordrhein-Westfalens im Höxteraner Kreisgebiet. Freiherr von Kanne beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. "Gefährdete Tierarten wie das Rebhuhn oder die Wachtel haben im Waschbären einen starken Gegner gefunden", sagt Kanne. "Wir können nur hoffen, dass diese Tiere nicht restlos verschwinden." Fest stehe, dass es in der Zusammensetzung der heimische Tierwelt einen Wandel gebe, sagt der Steinheimer.
Die Jäger sind ratlos. "Beim Waschbären versagen unsere Mittel", sagt Kanne. "Wir sind da machtlos, das macht mir ein bisschen Angst." Denn der Waschbär sei im Kreis auch eine Plage für die Landwirtschaft, auch an Häusern und in Gärten hinterlasse der Waldbewohner Schäden. "Waschbären tragen oft Krankheiten in sich, in Hessen zum Beispiel sind 70 Prozent der Tiere vom Waschbärspulwurm befallen", sagt von Kanne. Über den Kot werden diese Krankheiten übertragen.
Dr. Burkhard Beinlich, wissenschaftlicher Leiter der Landschaftsstation in Borgentreich macht sich zudem Sorgen um die Amphibien. Da haben sich die cleveren Waschbären eine ganz neue Masche angewöhnt: "An Gewässern haben sich manche darauf spezialisiert, Amphibien zu stellen", berichtet Beinlich. "Die Waschbären fressen die Hinterbeine der Tiere und lassen diese dann qualvoll verenden." Im vorderen Teil der Körper der Frösche und Kröten befänden sich giftige Drüsen. "Solche Traditionen werden an die Jungtiere weitergegeben", erklärt Burkhard Beinlich salopp. Er macht deutlich: Der Waschbär sei nicht der Hauptgrund für den Rückgang der Amphibien. Die Populationen seien sowieso schon gefährdet. Beinlich fürchtet, dass jetzt der Waschbär dafür sorge, dass ganze Amphibien-Arten vernichtet werden.
Bisher haben die Jäger kein Mittel gegen die Plagegeister gefunden. Verstänkerungsmittel haben nur sehr bedingt funktioniert, Lebendfallen sind zu aufwändig und mit Waffen darf in der Nähe von Städten und Siedlungen nicht geschossen werden. "Manchmal hilft sich die Natur selbst", sagt von Kanne. Wenn eine Population überhand nehme, verbreiteten sich oft Krankheiten, die die Zahl der Lebewesen minimieren. "Das wünsche ich mir aber keinesfalls", sagt der Kreisjagdberater. Bleibe die Frage, wie der Plage anders begegnet werden soll.