Markus Stockhausen und Tara Bouman verwandeln beim Meisterkonzert die 700-jährige Geschichte des Marianums in Klang
Warburg. Viele Kulturveranstalter sind zufrieden, wenn ihre Programme gut besucht sind. Das ist oft schon schwierig genug. Darum findet sich nur selten Risikofreudiges oder Gewagtes bei Kulturveranstaltungen. Die Warburger Meisterkonzerte sind in dieser Hinsicht eine wohltuende Ausnahme.
"Wir sind bemüht, den kulturellen Horizont des Warburger Publikums zu erweitern und dabei auch immer mal wieder über den Tellerrand hinauszuschauen", erklärt Beiratssprecher Peter Ernst den pädagogischen Anspruch. Nach der überragenden Welturaufführung des "Concerto für Warburg" des modernen Komponisten Philippe Hurél vor zwei Jahren hat der Beirat der Warburger Meisterkonzerte in diesem Jahr wieder ein musikalisches Experiment gewagt und sich am Samstag auf die so genannte intuitive Musik eingelassen.
Den Begriff der intuitiven Musik hat der vor zwei Jahren gestorbene wichtigste deutsche Komponist des 20. Jahrhunderts, Karlheinz Stockhausen, geprägt. Stockhausen hat unter anderem erstmals die Verbindung von Raum und Musik thematisiert und das Schaffen von Musik eher spirituell als kompositorisch betrachtet. In dieser Tradition steht auch sein Sohn Markus Stockhausen (52). Zusammen mit seiner Ehefrau, der Klarinettistin Tara Bouman (39), hat der Trompeter und Komponist die vollbesetzte Marianum-Aula regelrecht in eine Klangskulptur verwandelt.
"Natürlich drückt sich in meiner Musik der Einfluss meines Vaters aus. Aber während mein Vater die Grenzen der Musik durchbrochen hat, suche ich in meiner Musik auch nach der Herkunft der Töne", sagt Markus Stockhausen.
Intuitive Musik wird oft als Spielart der freien Improvisation missverstanden. Tatsächlich sind die Grenzen in der Realität fließend. Im idealtypischen Verständnis ist der Unterschied jedoch fundamental. Improvisierte Musik ist von Zeit und Raum unabhängig. Ein Jazzvirtuose, wenn er gut drauf ist, improvisiert in Montreux so gut wie in Moers. Die Idee der intuitiven Musik ist in letzter Konsequenz, den Instrumentalisten von seiner Befindlichkeit abzukoppeln und allein Zeit und Raum zu unterwerfen. Der Musiker ist das Medium, das die im Raum existierenden Töne sichtbar werden lässt.
Genau das ist Markus Stockhausen und Tara Bouman in Warburg gelungen. Mit archaisch anmutenden Klängen und spritzig-spielerischen jungen Tönen haben sie die über 700-jährige Geschichte des Marianums zum Klang werden lassen. Beeindruckend war auch ein akustisches Experiment, das Markus Stockhausen in der Aula durchgeführt hat. Er hat über fünf Minuten gleichmäßig ein spezielles asiatisches Becken mit besonderen Obertoneigenschaften angeschlagen. Diese Obertöne manifestierten sich bald überall im Raum wie dutzende scheppernde Musikäffchen, die aufgezogen unter der Decke hingen. Obwohl Stockhausen den Klang auf der Bühne erzeugte, hallten die Töne aus unterschiedlichen Positionen durch den Saal. Als Zugabe zum Konzert zog er sogar noch die Hülle vom Flügel ab, schob das Instrument in die Mitte der Bühne, stellte die Abdeckung auf, klemmte einen Trommelschlegel in das Dämpfungspedal und blies mit der Trompete in den Bösendorfer hinein, der mit einem sphärischen Echo antwortete.
Es ist nicht immer leicht, den Zugang zu den meditativ-spirituellen Klangwelten von Markus Stockhausen und Tara Bouman zu finden. Dem Warburger Publikum schien es am Samstag jedoch nicht sonderlich schwer zu fallen, sich dem Experiment der intuitiven Musik anzuvertrauen und feierte die beiden Künstler mit minutenlangen Applaus.