Kreis Höxter. Die Menschen haben es einfach vergessen, und irgendwann wächst Gras drüber: Stacheldraht. Doch viele Tiere, insbesondere Greifvögel, können dieser Falle oft nicht ausweichen. Sie verfangen sich und verenden elendig.
"Es gibt wohl noch tausende Kilometer Stacheldraht in den Wiesen", sagt Dr. Burkhard Beinlich, Leiter der Landschaftsstation im Kreis Höxter. Allerdings kommt es nicht auf die Länge an, denn jeder einzelne Meter kann zur tödlichen Falle werden. "Unter den Drahtzäunen wächst das Gras hoch, weil es nicht gemäht oder von Kühen und Pferden nicht gefressen wird. Für Mäuse ein perfektes Versteck", erklärt Winfried Limpinsel von der Auffangstation für Greifvögel in Marsberg. Von diesem Versteck wissen jedoch auch Eulen, Uhus und Bussarde. "Sie versuchen, ihre Beute entlang der Zäune zu jagen. Manchmal verheddern sie sich dabei in den Drahtschlingen", erklärt Limpinsel.
Wie viele Tiere in den Drahtzäunen hängen bleiben, ist unbekannt. Denn die meisten bleiben in der freien Natur unentdeckt. "Wir haben zwar auch schon mumifizierte Vögel gefunden. Fast alle, die nicht gerettet werden können, holt sich aber nachts der Fuchs", erzählt Limpinsel.
Um diese tödlichen Gefahr zu beheben, hat der Kreis Paderborn eine ungewöhnliche Tierschutzaktion ins Leben gerufen. Dort will die Verwaltung alle alten Zäune in Feld und Wald abbauen lassen. Sogar auf Privatgrundstücken packen arbeitslose Jugendliche mit an, um den verrosteten Unrat aus der Natur zu schaffen.
Die Initiative will sich der Kreis Höxter zum Vorbild nehmen. "Es gibt erste Überlegungen, ein ähnliches Projekt zum Schutz von Greifvögeln im Kreis Höxter unter der Federführung der Landstation in Borgentreich zu initiieren", erklärte die Pressesprecherin des Kreises, Silja Polzin, gegenüber der NW. Wie es ausgestaltet werden solle, stehe noch nicht fest. Es liefen Gespräche mit den Projektpartnern.
Die Landschaftsstation begrüßt die Initiative des Kreises Paderborn und hofft, dass auch die Besitzer von Wiesen, Weiden und Wäldern diesem Beispiel folgen. "Selbst in Naturschutzgebieten haben wir noch sehr viel Stacheldraht. So oft, wie wir Zeit haben, gehen wir raus und versuchen, ihn zu entfernen. Wir haben gefühlt schon einige Tonnen eingesammelt und trotzdem ist noch sehr viel da", sagt Beinlich. Er empfiehlt jedoch, wenn möglich die Holzpfähle der Zäune stehen zu lassen. "Diese können noch einige Jahre den Vögeln als Landeplatz dienen", erklärt der Biologe.
Wer einen festhängenden, verletzten Vogel findet, sollte ihn sehr vorsichtig befreien, rät Limpinsel. "Ihn aus dem Stacheldraht zu winden, ist sehr schwierig. Deshalb empfehle ich, zunächst den Stacheldraht links und rechts durchzuschneiden. Auch wenn der Zaun dabei kaputt geht – das Tier lässt sich häufig nur so retten", erklärt der Experte. Wer es sich zutraut, kann dann den Draht selbst aus den Schwingen entfernen.
Aber auch Tierärzte oder die Vogelauffangstation in Marsberg helfen.
Limpinsel hat schon viele verletzte Vögel wieder aufgepeppelt. "Es gab Jahre, in denen Stacheldrahtverletzungen die zweithäufigste Ursache waren, weshalb Greifvögel zu uns gebracht wurden", so der Leiter der Auffangstation in der Essenthoer Mühle. Häufiger werden Vögel nach den Beobachtungen von Limpinsel nur im Straßenverkehr verletzt.
Wird ein Bussard, eine Eule oder ein Sperber früh genug zu ihm gebracht, hat er gute Chancen zu überleben. "Unser Ziel ist, dass wir die Tiere wieder in die Freiheit entlassen können. Wir bringen mehr als 50 Prozent der Vögel durch", sagt Winfried Limpinsel. Neben der schnellen Hilfe sei aber auch die Art und Schwere der Verletzung entscheidend.
Auch Rehe, Hirsche und andere Wildtiere können sich in den Zäunen verheddern. "Normalerweise kennen die ihr Revier und sind entsprechend vorsichtig. Aber wenn sie erschreckt werden und flüchten, kann es passieren, dass sie in den Zäunen hängen bleiben", erzählt Beinlich. Er sorgt sich jedoch nicht nur um den vielen Stacheldraht auf den Wiesen. "Auch kaputte Hochstände oder Schutzzäune liegen noch herum", sagt Beinlich. In diesen können sich insbesondere Hirsche mit ihren Geweihen verfangen. Werden sie nicht rechtzeitig gefunden, müssen sie qualvoll verhungern.