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05.03.2010
WARBURG
Spuren-Analyse beendet Spekulation
Jetzt ist es amtlich: Im Raum Borgentreich war ein Wolf unterwegs
VON DIETER SCHOLZ

Kurzer Besuch | FOTO: DPA/PATRICK PLEUL

Warburg. Ein paar Haare im Stacheldraht: Ende November war in Muddenhagen ein Schaf entdeckt worden, das von einem Tier gerissen worden war. Das Haarbüschel sorgte mächtig für Aufsehen. War der Jäger ein Wolf oder doch nur ein Hund? Eine DNA-Analyse sollte die Frage klären. Das Ergebnis wurde gestern bekannt.

Muddenhagen liegt nur rund 15 Kilometer vom hessischen Reinhardswald entfernt. Dort durchstreift seit gut drei Jahren ein einzelner Wolf das Revier. "Reinhard", so wird der Junggeselle von der lokalen Presse liebevoll genannt.

Weil er eines seiner Tiere tot aufgefunden hatte, erstattete der Muddenhagener Besitzer einer Herde Texelschafe bei der Polizei Anzeige. Delikte dieser Art sind nichts Ungewöhnliches, etwa vier, fünf Fälle werden der Warburger Polizei jedes Jahr gemeldet. Doch gegenüber den Beamten hatte der Muddenhagener den Verdacht geäußert, dass ein Wolf das Schaf gerissen habe. "Das war bisher nur eine Mutmaßung", betonte auf NW-Nachfrage Kriminalhauptkommissar Klaus Stalze. Der Warburger Polizist hatte das im alten Stacheldrahtzaun verhedderte Büschel Haare sichergestellt. Bis zum Vorliegen des Ergebnisses der DNA-Analyse "können zwei bis drei Monate vergehen", sagte er damals.

Jetzt scheint die Frage geklärt zu sein, das Ergebnis der Analyse eines Fachlabors liegt dem Düsseldorfer Landesamt für Natur und Umweltschutz vor. Dr. Georg Verbücheln, im Landesamt für den Artenschutz zuständiger Abteilungsleiter, bestätigt: "Der Wolf war zu Besuch in Ostwestfalen." Für die Fachleute in der Landesbehörde und den Forstbehörden komme der Befund nicht unerwartet, heißt es in einer Mitteilung. Seit Jahren gebe es Wölfe in osteuropäischen Ländern und den östlichen Bundesländern. Die Wolfsspuren in Muddenhagen stammten von "Reinhard", legt sich Verbücheln fest. Doch seit Dezember gebe es keine weiteren Hinweise auf den Wolf in NRW. Alles spreche dafür, dass es sich um einen kurzen Besuch über die Landesgrenze hinweg gehandelt habe. "Wir bereiten uns dennoch auf weitere Besuche des Wolfes vor", sagt Verbücheln.

In Recklinghausen beriet am Dienstag zum ersten Mal eine Arbeitsgruppe über die heimkehrenden Wölfe. Vertreter aus dem Düsseldorfer Umweltministerium, von Naturschutzverbänden, Förster, Jäger und Schafzüchter an einem Tisch: Sie alle werden in die Planungen einbezogen. Die Öffentlichkeit soll mit dem Gedanken an Wölfe vertraut gemacht werden und das Tier besser kennen lernen. "Dabei greift man auf die durchweg guten Erfahrungen aus Sachsen zurück", bemerkt der Artenschutzexperte. Die dortigen Wolfsrudel lebten in Wäldern, ohne dass es zu Konflikten mit der Bevölkerung komme. Man wolle unnötigen Ängsten vorbeugen und vor allem illegale Abschüsse vermeiden. Der Wolf ist streng geschützt. Als bedrohte Art darf er nicht bejagt werden. "Für möglicherweise betroffene Schafzüchter, aus deren Herden eventuell ein Schaf gerissen wird, wird das Land Entschädigungsregelungen treffen", kündigt Dr. Georg Verbücheln an.Ein scheuer Waldbewohner: Borgentreicher Wanderfreunde und Spaziergänger werden den Wolf wohl nicht zu Gesicht bekommen. Wölfe sind nicht angriffslustig und meiden Menschen. Anders als im Märchen. Kein Mensch müsse Angst vor ihm haben, sagt Frederike Wolf, Försterin im Revier Karlsbrunn bei Beverungen. Sie ist im Regionalforstamt Hochstift die Expertin für Wildkatzen und Exoten. "Und damit auch für den Wolf", sagt der Leiter des Regionalforstamtes Ernst-Heinrich Uber. Angst vor der Rückkehr des Raubtieres habe auch er nicht. "Wir werden sehen, wie er sich in ein Natur-Gefüge einfindet, in dem er lange nicht mehr heimisch war."

"Er ist ein Läufer", sagt Norbert Teuwsen, Forstamtsleiter im Reinhardswald. Rund 40.000 Fußballfelder groß sei der nordhessische Reinhardswald, dessen naturbelassenen Wälder der Wolf durchstreife. "Ein Wanderer", sagt Teuwsen. Dass er sich dabei nicht an Landesgrenzen halte, sei klar. Bis Muddenhagen - nur ein Katzensprung. Über Schlagzeilen wie "Bald ist ein Rudel da" kann der Waidmann nur lächeln. Schließlich sei der Wolf nach wenigen Tage wieder in seine Gefilde zurückgekehrt. Teuwsen trägt die Routen des Jägers in eine Karte ein. Jede bekannte Sichtung werde markiert, sagt der Forstamtsleiter. 70 Schafe habe er seit seinem ersten Auftauchen 2006 gerissen. Seitdem sei aber auch kein Schaf mehr von wildernden Hunden angefallen worden, hält er fest. Spuren im Schnee: Elf mal neun Zentimeter messen die Pfoten. "Unser Wolf hat große Füße und eine immense Kraft", die Schulterhöhe schätzt Teuwsen auf stattliche 80 Zentimeter.

Nun sei es nur eine Frage der Zeit, vermuten erwartungsfrohe Naturschutzfreunde, wann die ersten Wölfe wieder nach NRW einwandern. "Das wird wohl doch noch eine ganze Weile dauern", sagt Frederike Wolf. Dem Rüden aus dem Reinhardswald fehle die Gefährtin. Und die werde nicht in ein paar Monaten aus einem Rudel aus Sachsen oder Polen anreisen, sagt die Försterin. Anders als die männlichen Artgenossen scheuten die weiblichen Tiere weite Entfernung. "Sie wandern offensichtlich nicht so gern", bemerkt Wolf. Sie warnt vor der Panikmache: Bisher hätten den Wolf im Reinhardswald nur vier bis fünf Personen zu Gesicht bekommen, beruhigt sie. "Ein tolles Tier, mit einem tollen Sozialverhalten - sie brauchen einfach eine Chance." OWL


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