Bühne. Singe wem Gesang gegeben: Wer ins Alsterdorf nach Bühne kommt, der reiht sich gern ein. Dies tat SPD-Urgestein Franz Müntefering, dies stand auch NRW-SPD-Vorsitzende Hannelore Kraft gut zu Gesicht. Die Concordia-Sänger legten die Latte hoch: Ein Schlager-Medley aus den 1950er Jahren - ohne Notenblatt. Für die 49-jährige Ministerpräsidentin des Landes eine Herausforderung.
"Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strandbikini", da konnte die Alt-Stimme textlich noch mit. Beim Lale Andersen-Hit "Ein Schiff wird kommen" gab’s einige Hänger. Die wurden gut gelaunt und mit einem Lächeln überspielt. "Sie hat ihren Part gelungen gesungen", bewertete Ilse Hanke augenzwinkernd. Die Bühnerin hatte am Freitagabend neben der Politikerin auf der Bühne der Alsterhalle gestanden. Für diese Lieder sei sie etwas zu jung, informierte Hannelore Kraft anschließend übers Mikrofon. Doch habe sie gut bei den Eltern aufgepasst, "das zahlt sich jetzt aus".
74 Kinder büffeln in den vier Klassen der Bühner Grundschule und fühlen sich dort richtig wohl. So soll es bleiben, meinen die Eltern und fordern eine Senkung der Eingangsklassen-Stärke. "Mit 13 können wir leben" war auf den Plakaten zu lesen, die die jungen Schüler zum selbstgetexteten Protestlied präsentierten. In den kommenden Jahren wird auch in Bühne die Zahl der Erstklässler schwinden. 18 sind gesetzlich vorgeschrieben. Die Schließung droht. Eine Pausenglocke soll die Düsseldorfer Regierungs-Chefin jetzt ans Anliegen der Kinder und des Fördervereins erinnern. 350 Unterschriften übergaben Christina Klare und Elke Wrede, 290 schob die Schulleitung der Daseburger Grundschule hinterher. Das alle im Dorf in dieser Sache an einem Strang ziehen, demonstrierten die Bühner eindrucksvoll an einem lang ausgespannten Seil.
"Wir stecken in der Demografie-Falle", fand Kraft in ihrer gut 30-minütigen Rede markante Worte, um die Misere zu beschreiben. Sicherlich werde sich auch die Zahl 13 nicht lange halten können. "Es gibt zu wenig Kinder im Land", so die Mutter eines 17-jährigen Sohnes. Andere Konzepte müssten entwickelt werden, befand sie und bat um Geduld. "Denn Lösungen müssen für das ganz NRW tragbar sein. "Erfolg versprechen Investitionen in die Bildung", so Kraft. "Aber nicht allein in Beton." Warum Investitionen "in die Köpfe der Kinder" haushaltstechnisch eigentlich nicht gleichwertig seien, fragte sie redegewandt ins Rund ihrer knapp 500 Zuhörer. Die Regierungskoalition werde Gelder in bessere Strukturen stecken.
"Junge Menschen brauchen eine klare Perspektive", dürften nicht mit Billiglohn abgespeist oder in unzähligen Praktika-Stellen geparkt werden. Hannelore Kraft sprach konkret den Fachkräftemangel an: "Bis 2020 werden in NRW 630.000 Fachkräfte fehlen". Auch wirtschaftlich sei es angezeigt "ins Vorne zu investieren" und nicht später auf "den Reparatur-Kosten sitzen zu bleiben". Sie mahnte "mehr Kinder mit besseren Abschlüssen" an. Und - "wir dürfen kein Kind mehr zurücklassen". Bildung müsse gebührenfrei sein, das Schulsystem durchlässig.
An die Adresse des Bundes richtete Kraft die Forderung nach einer Erhöhung des Spitzensteuersatzes, einer Vermögenssteuer und mehr Steuergerechtigkeit. "Mehr Prüfer müssen her, die wirklich nachschauen", so die Bundesratspräsidentin.
Zum Schluss durfte der Dank ans Ehrenamt nicht fehlen, das Bürger zusammenführe. "Helfen Sie mit, dass junge Menschen eingefangen werden", appellierte sie übers Mikro, bevor sie Parteibücher an sieben neue Mitglieder überreichte. Darunter sechs an Jugendliche unter 20 Jahren. Für die ganz jungen Fans in der Halle schrieb sie freundlich Autogramme.
Heute ist Landes-Chefin Hannelore Hannelore Kraft gemeinsam mit Bundespräsident Christian Wulff Gast der NW. Die Zeitung feiert 200. Geburtstag. "Die Neue Westfälische ist ein wichtiger Bestandteil der Medienlandschaft in NRW", ließ sie sich beim Abschied entlocken.