Internet-Projekt des Verkehrsvereins bündelt Wissenswertes und Interessantes über die Stadt Willebadessen
Willebadessen. Die Zeit ist unbarmherzig. Sie verrinnt und vergisst. "Und allzu vieles geht für immer verloren", beklagt Konstantin von Wrede. Nicht so in Willebadessen. Denn das Gedächtnis der Menschen im Eggestädtchen soll wachsen. Im Internet.
Gegen das Vergessen setzen sich die Mitglieder des Verkehrsvereins ein. Vorsitzender von Wrede möchte, wie er sagt, "ortsgebundenes Wissen erhalten". Die online-Plattform wiki-willebadessen.de sei dafür der perfekte Ort. Denn das Internet vergesse eben nichts. Unwiederbringliche Lebenserfahrungen, wertvolles Wissen aus Alltag und Geschichte, das drohe, abhanden zu kommen. Auf dem Weg zu einem virtuellen Stadtmuseum: Als erste Stadt im Kreis Höxter startete Willebadessen bereits vor zwei Jahren das Stadtwiki-Projekt im Internet, initiiert vom Verkehrsverein.
Ein Informationsportal für Gäste und Einheimische. "Zu 80 Prozent", so schätzt von Wrede, schauten Touristen heute vor ihren Ausflügen ins Netz. "Der Fremdenverkehr ist ohne das Internet nicht mehr denkbar", sagt er. "Doch auch den heimischen Kulturschaffenden, Firmen und vor allem den Vereine möchten wir ein Forum bieten", sagt Friedrich Heinemann, Geschäftsführer des Vereins. Deren Infos seien im wiki-Auftritt "relativ einfach unterzubringen". Es ist eine kostenlose Software aus dem Internet, die im Hintergrund läuft.
Noch liegt der Schwerpunkt auf dem historischen Aspekt. Rund 500 Fotos und Grafiken seien eingestellt, berichtet Stefan Köneke. Zusammen mit Dirk Linnenberg betreut er die Seiten technisch. "Fotos vom Aufbau des neuen Fernsehturms hoch oben auf dem Eggekamm beispielsweise", sagt Ortsheimatpfleger Willi Sasse.
"Da schlummern noch eine Menge Schätze in den Schränken", bemerkt Heinemann. Ein Potenzial, das die regen Vereinsvertreter anzapfen wollen. "Von wem oder welchem Ereignis habe ich noch Fotos", sollten sich die Willebadessener fragen und alte Kameraaufnahmen zur Verfügung stellen. Aber auch ihre Erinnerungen aufschreiben. "Wiki braucht viele Mitarbeiter", wirbt Heinemann. Ein Handzettel soll unter dem Titel "Mitmachen erwünscht!" in den kommenden Wochen alle Haushalte erreichen.
Student Dirk Linnenberg vermisst in der jüngeren Generation den stärkeren Draht zur Heimatpflege. "Beziehungen oder Bindungen an den Ort hat doch jeder", sagt er. Das Interesse zeige sich aber meist erst, wenn die jungen Willebadessener "in alle Welt verstreut" seien. "Dann gewinnen die eigenen Wurzeln an Bedeutung."
Stefan Köneke schätzt das gemeinsame Tun von Jung und Alt. "Die Seite lebt von den Leuten", sagt er. So entwickle sich ein Gespräch zwischen den Generationen. Mitmachen könne jeder, fügt von Wrede an. "Enkel, Söhne und Töchter können den Senioren helfen, sich im wiki zu orientieren", weiß von Wrede. Sein Vater Diethard Freiherr von Wrede (83) hat im Netz vom Kriegsende in Willebadessen geschrieben. Warum die amerikanischen Soldaten damals so wild auf Armbanduhren waren? "Den Grund nannte uns ein Anrufer", berichtet von Wrede. "Sie waren als Souveniers äußerst beliebt." So würden die Erinnerungen seines Vaters fortgeschrieben, kündigt er eine Ergänzung an.
Texte, die Kreise ziehen: "Die Menschen fühlen sich angesprochen und melden sich", freut sich der Vereinsvorsitzende. Ortsheimatpfleger Willi Sasse hat unter der Rubrik "Unsere Heimat" eine Liste ehemaliger Gastwirtschaften eingestellt. "Die wurde von vielen nach und nach ergänzt", bestätigt er von Wredes Erfahrung. "Das Gespräch über die Historie ist wichtig", sagt Heinemann. Bücher seien dagegen ein statisches Material, das oft genug nur Bücherregale ziere, merkt er an. "Außerdem kosten sie einen Batzen Geld."
Bis zu 30 Besucher tummeln sich am Tag auf den Seiten. "Im Januar hatten wir 500 Besucher", blickt Köneke in die Statistik. Die durchschnittliche Besuchszeit von exakt acht Minuten und 14 Sekunden wertet er im schnelllebigen Medium als besonderen Erfolg. Aus Finnland, der Schweiz, den Niederlanden, Polen, gar Australien klicken sich Menschen ins Willebadessener Stadtwiki ein. Von drei Engländern kamen zwei aus London, so genau lassen sich Klicks zurückverfolgen.
Jemand müsse der Motor sein, bemerkt Stefan Köneke und "Impulse setzen, damit es lebt". Die Ideen sprudeln. "Eine neue Rubrik Anekdoten", sagt von Wrede am Tisch, "die sollten wir bald angehen". Wie die die Frage nach den schwarzen Flecken an den Kapitellen in der St.-Vitus- Sakristei. "Sie wurde auch als Küche genutzt", sagt der Willebadessener. "Italienische Bauarbeiter kochten dort mit Olivenöl". Wer so etwas in Zukunft wohl noch weiß?