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18.02.2012
WARBURG
Zwist in der Zone
Kaufleute wollen mit einem Plakat gegen die Sperrung der oberen Hauptstraße mobilisieren
VON SANDRA WAMERS

Herzenssache | FOTO: SANDRA WAMERS

Warburg. "Beruhigt uns nicht zu Tode": So steht es auf den Plakaten, die seit Freitagmorgen in vielen Einzelhandelsgeschäften entlang der oberen Hauptstraße in den Schaufenstern hängen. Mit dem Plakat wollen die Kaufleute für den Erhalt der derzeitigen Verkehrsführung samt Parkflächen werben.

Kreiert hat das Plakat Martin Drawe. Anstoß habe die aktuelle politische Entwicklung gegeben. Am Dienstagabend hatte der Rat der Stadt Warburg eine Bürgerbefragung um den Autoverkehr in der oberen Hauptstraße beschlossen (die NW berichtete). Danach dürfen 19.000 Bürger ihre Kreuze für den Erhalt der aktuellen Durchfahrtsregelung (vormittags frei, nachmittags für den Verkehr gesperrt) oder für die Einrichtung einer komplett autofreien Fußgängerzone (Ausnahme: Anlieferverkehr bis 10 Uhr) setzen. Ein Ratsentscheid, der Teile der Kaufmannschaft mobilisiert hat.

"Ich will der Meinung der Händler eine Stimme geben", sagt Martin Drawe . Der 47-jährige Schreibwarenhändler hat 50 Kopien in den Geschäften entlang der oberen Hauptsraße verteilt. Darauf zu lesen ist: "Beruhigt uns nicht zu Tode. Für eine intakte Innenstadt. Verhindert die Sperrung der oberen Hauptstraße. Die Kunden der Warburger Kaufleute benötigen Parkflächen". "Diese Geschichte liegt mir sehr am Herzen", betont Drawe: "Auf allen Versammlungen wurde betont, dass der Status quo erhalten bleibt. Aber jetzt wird daran gerüttelt." Bei einer Vollsperrung befürchtet Drawe "eine Veränderung der Geschäftsstruktur". Das bedeute Laden-Schließungen.

Rüdiger Hachmann ist einer, der das Plakat an die Ladentür der Parfümerie Kohlschein gehängt hat. Darüber hinaus hat er eine Präsentation in Endlos-Schleife zusammengestellt: Auf einem Bildschirm im Schaufenster laufen sieben Zitate aus der Zeitung und Beschlussvorlagen der vergangenen fünf Jahre zum Thema Beibehaltung der Verkehrsführung. "Erst im vergangenen Jahr wurde im Rat beschlossen, dass die Verkehrsregelung beibehalten wird", sagt Rüdiger Hachmann: "Und jetzt soll nun doch darüber abgestimmt werden." Der 38-Jährige befürchtet, dass durch die Vollsperrung Parkfläche wegfallen und dadurch die Kundenfrequenz zurückgehe.

"Wo kein Verkehr ist, ist die Stadt tot", meint Heidi Kruse, Inhaberin der Warburger Modestube. Auch sie hat das Plakat in ihre Fenster gehängt. Heidi Kruse beharrt auf den Verkehrsfluss der vergangenen 14 Jahre: "Daran haben sich die Leute gewöhnt. Von einer Spielstraße können wir nicht leben", sagt die Boutique-Besitzerin: "Außerdem würde der ganze Verkehr durch die Unterstraße gehen."

In der Unterstraße führt Ute Bernholz die Fleischerei Kukuk. Bei ihr hängt kein Plakat im Laden. "Aber die Plakate erzeugen Aufmerksamkeit für etwas, das den Geschäftsleuten schaden könnte", sagt die 56-jährige Händlerin. Ute Bernholz ist gegen eine Sperrung der oberen Hauptstraße. "Es würde dann zu viel Verkehr für diese Wohnstraße." In der oberen Hauptstraße plädiert Rudolf Breker vom gleichnamigen Optik-Geschäft für "eine Belebung und keine Beruhigung der Straße". "In eine Kleinstadt kommt niemand zum Bummeln, sondern die Kunden wollen gezielt einkaufen", meint der 52-Jährige. Für ihn soll die aktuelle Regelung beibehalten werden, so wie es in den vergangenen Jahren geheißen habe. "Deshalb haben wir die Füßen stillgehalten."

Martina Bierhoff, Chefin des Tui-Travelstars-Reisebüros, hat ein Plakat bekommen, ist sich aber noch unschlüssig, ob sie es aufhängen wird. "Bei einer Bürgerbefragung werden alle Meinungen berücksichtigt", sagt die 44-jährige Reiseverkehrskauffrau: "Dem müsse man sich fügen." Allerdings findet sie eine Sperrung der Fußgängerzone nur sinnvoll, wenn sie danach belebt würde: Auslagen der Geschäfte, Cafés, Außengastronomie. "Es braucht Lokalitäten, damit es sich lohnt, nach Warburg zu gehen." Etwas zum Bummeln und Verweilen, das verstehe sie unter einer Fußgängerzone.

Kommentare
Sehr geehrtes (Ehepaar?) Störmer,

als betroffener Kaufmann frage ich mich immer, woher so viele Angehörige anderer Berufssparten glauben, die Kundenwünsche besser zu kennen als die Kaufleute selbst, deren Erfolg und damit deren Existenz von genau diesem Wissen abhängt.
Durch unseren täglichen Umgang mit unseren Kunden greifen wir in unserer Meinungsfindung sicherlich auf eine wesentlich breitere Basis zurück als sie.


Zu einzelnen Aussagen ihrerseits möchte ich kurz Stellung nehmen, da sie so nicht stehenbleiben können:

Zitat:
"So haben die Kunden den Zustand der gesperrten Oberen Hauptstraße nach dem wesentlichen Abschluss der Baumaßnahmen vor einigen Wochen bisher sehr gut angenommen und genießen durchaus die durchgängige Sperrung."

- Woher nehmen sie dieses Wissen? Halten sie einen Kraken? Oder haben sie einfach einen Blick in den morgentlichen Kaffeesatz
geworfen?
Ob die Kunden (nicht zu verwechseln mit manchem zeitreichen Schlenderer) diese Einschränkungen angenommen haben, ja sogar
"genießen", werden Ihnen die Inhaber und Mitarbeiter der betroffenen Geschäfte besser beantworten können. Einen Rückgang der
Kundenfrequenz über die verschiedenen Branchen hinweg als Erfolgsfaktor zu bewerten, grenzt an Zynismus.


Zitat:
"Diese positive Resonanz auf den fast beendeten ersten Bauabschnitt bekommt man mit, wenn man die Leute, die durch die Obere
Hauptstraße gehen, beobachtet und reden hört."

Sie laufen mit dieser Aussage in eine Falle, die man in der Statistik als "Problem der vorsortierten Stichprobe" kennt.
Denn das von ihnen angeführte Meinungsbild ergibt sich allein daraus, daß es genau jene Menschen berücksichtigen, die sich zu Fuß in der Innenstadt aufhalten, die Meinung derjenigen aber, die den Einkauf mit dem Auto erledigen (müssen) und mangels Parkplätzen gerade die dritte "Cityrunde" drehen bzw. den Weg erst gar nicht angetreten haben unberücksichtigt lässt. Als
Anwohner der Hauptstr. sind Ihnen die Probleme unserer mit dem Auto kommenden Kunden naturgemäß fremd.


Zitat:
"Für Hausfrauen und Rentner ist es sicher kein Problem, vorher einzukaufen, aber für Berufstätige, die auswärts arbeiten, schon. Die Konsequenz daraus ist, dass man dann gleich am Arbeitsort einkauft"

Mit diesem Argument führen sie ihre gesamte weitere Argumentation ad absurdum. Denn die hier von ihnen richtig angesprochenen
Probleme der Berufstätigen möchten sie durch eine weitere Einschränkung der Erreichbarkeit lösen? Wer spät von der Arbeit kommt und noch Besorungen zu machen hat soll denn sein Auto auf einem entfernten Parkplatz abstellen, im Regen durch die Fußgängerzone "flanieren" um seinen Erlebniseinkauf zu suchen? Wie weltfremd sind sie? Wer gerade die Kinder vom Kindergarten
abgeholt hat und vor dem Essen noch einkaufen muss, da er selbst gerade von der Arbeit kommt, soll sein Auto nach längerer Suche in einer Seitenstrasse abstellen und mit den Kindern den Bummel zum nächsten Fleischer genießen? Vielen Dank auch.

Ich möchte es ersteinmal hierbei belassen, wenngleich es noch einige Behauptungen und Mutmaßungen in ihrem Kommentar gibt, die einer näheren, ideologiefreien Betrachtung nicht standhalten. Da aber zu befürchten steht, daß sie keinerlei Ahnung von dem
haben, worüber sie hier schreiben, spare ich mir meine Energie vorerst für sinnvolleres auf.

R. Hachmann

Liebe Warburger Kaufleute:

wir beziehen uns auf Ihre intensive und nicht zu übersehene Plakataktion in und mit einigen Geschäften rund um die Obere Hauptstraße und auf Ihren Aufruf, zur ursprünglichen Lösung zurückzukehren.

Wir wollen Ihnen hiermit einmal unsere Gedanken dazu darlegen:

Argument: Autos in der Oberen Hauptstraße bedeuten eine "intakte Innenstadt"?

Alles so belassen wie es immer war? Man könnte meinen, Sie wollen vielleicht die Einkaufsgepflogenheiten der 60er oder 70er Jahre zurück? Finden Sie es gut, dass man als Fußgänger in einer verkehrsberuhigten Zone - genau das ist sie nämlich im gesamten Innenstadtbereich - von Parkplatz suchenden Autofahrern fast über den Haufen gefahren wird? Oder lecker, im Dunst vorbeifahrender Autos einen Kaffee trinken und genießen?

Oder: Warburg hat zu wenig Parkplätze?

Fahren deswegen so viele Leute nach Kassel oder Paderborn, obwohl man dort weder vor den Geschäften parken kann noch deren Einkaufsstraßen durchfahren kann? Und kostengünstig sind die Parkplätze dort auch nicht gerade!

Weiteres Argument: Eine Sperrung bedeutet eine Veränderung der Geschäftsstruktur?

Diese Veränderungen haben schon längst stattgefunden und werden vielerorts umgesetzt, anscheinend nur in Warburg nicht. Dazu gehört, dass sich die Kaufleute auch an die veränderten Einkaufswünsche der Kundschaft anpassen müssen. Warum wird man in Warburg in manchem Geschäft immer noch schräg angeschaut, wenn man um 17:50 Uhr noch etwas kaufen möchte? Für Hausfrauen und Rentner ist es sicher kein Problem, vorher einzukaufen, aber für Berufstätige, die auswärts arbeiten, schon. Die Konsequenz daraus ist, dass man dann gleich am Arbeitsort einkauft. Ist das so gewollt? Vielleicht hängen ja Ladenschließungen auch damit zusammen? Kennen Sie die Wünsche Ihrer Kunden überhaupt? In der Unteren Hauptstraße, die ständig befahren werden darf, stehen übrigens wesentlich mehr Geschäfte leer als im oberen Bereich der Hauptstraße!

Zitat: "Daran haben sich die Leute gewöhnt"

Kunden gewöhnen sich schnell an etwas Neues, wohl eher als die Kaufleute. So haben die Kunden den Zustand der gesperrten Oberen Hauptstraße nach dem wesentlichen Abschluss der Baumaßnahmen vor einigen Wochen bisher sehr gut angenommen und genießen durchaus die durchgängige Sperrung. Diese positive Resonanz auf den fast beendeten ersten Bauabschnitt bekommt man mit, wenn man die Leute, die durch die Obere Hauptstraße gehen, beobachtet und reden hört. Dagegen erinnert das zu festen Zeiten durchgeführte Auf- und Wegstellen der Verbotsschilder eher an die Tätigkeit des Nachtwächters einer mittelalterlichen Stadt!

Weiteres Argument Ihrerseits: Von einer Spielstraße können wir nicht leben

Doch können Sie, liebe Kaufleute, denn laut StVO ist die gesamte Innenstadt bereits jetzt wie eine Spielstraße zu sehen, Fahrzeugführer müssten "eigentlich" mit Schrittgeschwindigkeit fahren und in der gesamten Innenstadt wären Kinderspiele auf der gesamten Breite der Straße erlaubt (aber ehrlich: wer würde seine Kinder hier spielen lassen?). Im Gegenteil nutzen etliche Autofahrer auch noch die Nicht-Parkflächen mal eben schnell zum Parken, weil man ja keine Zeit hat.

Ja: Die Unterstraße ist eine Wohnstraße

Die Obere Hauptstraße ist neben einer Einkaufsstraße ebenfalls eine Wohnstraße, deren Einwohner schon seit Jahren genauso dem Verkehrslärm ausgesetzt sind. Die derzeitige Umleitung des Verkehrs durch die Unterstraße ist baubedingt und sollte auf Dauer noch einmal überdacht werden.

Und: In eine Kleinstadt kommt niemand zum Bummeln, sondern die Kunden wollen gezielt einkaufen

Unserer Meinung nach weiß die Kaufmannschaft gar nicht, dass es in Warburg mittlerweile schöne und attraktive Geschäfte gibt, die auch zum Bummeln oder Kaffee trinken einladen Die Kunden wollen heute auch in Warburg vermehrt ein Einkaufserlebnis als die schnelle Besorgung. Die bestehenden Cafés und Bäckereien wären sicher gerne zur Ausweitung der Außengastronomie bereit. Diese kann man aber nur in einer autofreien Straße sinnvoll einrichten. Kundschaft lockt man vor allem dadurch in die Stadt, wenn Angebot und Gesamtkonzept stimmen. Dazu gehören auch innovative Ideen und Mut und Risiko zu Neuem.

Vielleicht kommen im Laufe der Zeit ja sogar mehr Kunden und Gäste nach Warburg!

Deswegen ist Ihr Plakataufruf "beruhigt uns nicht zu Tode" nicht nachvollziehbar, denn die dann herrschende nette Atmosphäre der "Ersten Fußgängerzone Warburgs" und die Ruhe heißt nicht Tod, sondern Belebung.

Ute und Stefan Störmer, (Obere) Hauptstraße, Warburg

gerade wurde alles teuer für Gehbehinderte umgebaut und nun soll allen die nicht gut zu Fuß sind oder nichts tragen können, der Einkauf unmöglich gemacht werden. Vormittags mit Auto, nachmittags ohne Auto wird doch allen gerecht. Kann jeder seinen Bedürfnissen entsprechend selbst wählen.


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