Kaufleute wollen mit einem Plakat gegen die Sperrung der oberen Hauptstraße mobilisieren
Warburg. "Beruhigt uns nicht zu Tode": So steht es auf den Plakaten, die seit Freitagmorgen in vielen Einzelhandelsgeschäften entlang der oberen Hauptstraße in den Schaufenstern hängen. Mit dem Plakat wollen die Kaufleute für den Erhalt der derzeitigen Verkehrsführung samt Parkflächen werben.
Kreiert hat das Plakat Martin Drawe. Anstoß habe die aktuelle politische Entwicklung gegeben. Am Dienstagabend hatte der Rat der Stadt Warburg eine Bürgerbefragung um den Autoverkehr in der oberen Hauptstraße beschlossen (die NW berichtete). Danach dürfen 19.000 Bürger ihre Kreuze für den Erhalt der aktuellen Durchfahrtsregelung (vormittags frei, nachmittags für den Verkehr gesperrt) oder für die Einrichtung einer komplett autofreien Fußgängerzone (Ausnahme: Anlieferverkehr bis 10 Uhr) setzen. Ein Ratsentscheid, der Teile der Kaufmannschaft mobilisiert hat.
"Ich will der Meinung der Händler eine Stimme geben", sagt Martin Drawe . Der 47-jährige Schreibwarenhändler hat 50 Kopien in den Geschäften entlang der oberen Hauptsraße verteilt. Darauf zu lesen ist: "Beruhigt uns nicht zu Tode. Für eine intakte Innenstadt. Verhindert die Sperrung der oberen Hauptstraße. Die Kunden der Warburger Kaufleute benötigen Parkflächen". "Diese Geschichte liegt mir sehr am Herzen", betont Drawe: "Auf allen Versammlungen wurde betont, dass der Status quo erhalten bleibt. Aber jetzt wird daran gerüttelt." Bei einer Vollsperrung befürchtet Drawe "eine Veränderung der Geschäftsstruktur". Das bedeute Laden-Schließungen.
Rüdiger Hachmann ist einer, der das Plakat an die Ladentür der Parfümerie Kohlschein gehängt hat. Darüber hinaus hat er eine Präsentation in Endlos-Schleife zusammengestellt: Auf einem Bildschirm im Schaufenster laufen sieben Zitate aus der Zeitung und Beschlussvorlagen der vergangenen fünf Jahre zum Thema Beibehaltung der Verkehrsführung. "Erst im vergangenen Jahr wurde im Rat beschlossen, dass die Verkehrsregelung beibehalten wird", sagt Rüdiger Hachmann: "Und jetzt soll nun doch darüber abgestimmt werden." Der 38-Jährige befürchtet, dass durch die Vollsperrung Parkfläche wegfallen und dadurch die Kundenfrequenz zurückgehe.
"Wo kein Verkehr ist, ist die Stadt tot", meint Heidi Kruse, Inhaberin der Warburger Modestube. Auch sie hat das Plakat in ihre Fenster gehängt. Heidi Kruse beharrt auf den Verkehrsfluss der vergangenen 14 Jahre: "Daran haben sich die Leute gewöhnt. Von einer Spielstraße können wir nicht leben", sagt die Boutique-Besitzerin: "Außerdem würde der ganze Verkehr durch die Unterstraße gehen."
In der Unterstraße führt Ute Bernholz die Fleischerei Kukuk. Bei ihr hängt kein Plakat im Laden. "Aber die Plakate erzeugen Aufmerksamkeit für etwas, das den Geschäftsleuten schaden könnte", sagt die 56-jährige Händlerin. Ute Bernholz ist gegen eine Sperrung der oberen Hauptstraße. "Es würde dann zu viel Verkehr für diese Wohnstraße." In der oberen Hauptstraße plädiert Rudolf Breker vom gleichnamigen Optik-Geschäft für "eine Belebung und keine Beruhigung der Straße". "In eine Kleinstadt kommt niemand zum Bummeln, sondern die Kunden wollen gezielt einkaufen", meint der 52-Jährige. Für ihn soll die aktuelle Regelung beibehalten werden, so wie es in den vergangenen Jahren geheißen habe. "Deshalb haben wir die Füßen stillgehalten."
Martina Bierhoff, Chefin des Tui-Travelstars-Reisebüros, hat ein Plakat bekommen, ist sich aber noch unschlüssig, ob sie es aufhängen wird. "Bei einer Bürgerbefragung werden alle Meinungen berücksichtigt", sagt die 44-jährige Reiseverkehrskauffrau: "Dem müsse man sich fügen." Allerdings findet sie eine Sperrung der Fußgängerzone nur sinnvoll, wenn sie danach belebt würde: Auslagen der Geschäfte, Cafés, Außengastronomie. "Es braucht Lokalitäten, damit es sich lohnt, nach Warburg zu gehen." Etwas zum Bummeln und Verweilen, das verstehe sie unter einer Fußgängerzone.
als betroffener Kaufmann frage ich mich immer, woher so viele Angehörige anderer Berufssparten glauben, die Kundenwünsche besser zu kennen als die Kaufleute selbst, deren Erfolg und damit deren Existenz von genau diesem Wissen abhängt.
Durch unseren täglichen Umgang mit unseren Kunden greifen wir in unserer Meinungsfindung sicherlich auf eine wesentlich breitere Basis zurück als sie.
Zu einzelnen Aussagen ihrerseits möchte ich kurz Stellung nehmen, da sie so nicht stehenbleiben können:
Zitat:
"So haben die Kunden den Zustand der gesperrten Oberen Hauptstraße nach dem wesentlichen Abschluss der Baumaßnahmen vor einigen Wochen bisher sehr gut angenommen und genießen durchaus die durchgängige Sperrung."
- Woher nehmen sie dieses Wissen? Halten sie einen Kraken? Oder haben sie einfach einen Blick in den morgentlichen Kaffeesatz
geworfen?
Ob die Kunden (nicht zu verwechseln mit manchem zeitreichen Schlenderer) diese Einschränkungen angenommen haben, ja sogar
"genießen", werden Ihnen die Inhaber und Mitarbeiter der betroffenen Geschäfte besser beantworten können. Einen Rückgang der
Kundenfrequenz über die verschiedenen Branchen hinweg als Erfolgsfaktor zu bewerten, grenzt an Zynismus.
Zitat:
"Diese positive Resonanz auf den fast beendeten ersten Bauabschnitt bekommt man mit, wenn man die Leute, die durch die Obere
Hauptstraße gehen, beobachtet und reden hört."
Sie laufen mit dieser Aussage in eine Falle, die man in der Statistik als "Problem der vorsortierten Stichprobe" kennt.
Denn das von ihnen angeführte Meinungsbild ergibt sich allein daraus, daß es genau jene Menschen berücksichtigen, die sich zu Fuß in der Innenstadt aufhalten, die Meinung derjenigen aber, die den Einkauf mit dem Auto erledigen (müssen) und mangels Parkplätzen gerade die dritte "Cityrunde" drehen bzw. den Weg erst gar nicht angetreten haben unberücksichtigt lässt. Als
Anwohner der Hauptstr. sind Ihnen die Probleme unserer mit dem Auto kommenden Kunden naturgemäß fremd.
Zitat:
"Für Hausfrauen und Rentner ist es sicher kein Problem, vorher einzukaufen, aber für Berufstätige, die auswärts arbeiten, schon. Die Konsequenz daraus ist, dass man dann gleich am Arbeitsort einkauft"
Mit diesem Argument führen sie ihre gesamte weitere Argumentation ad absurdum. Denn die hier von ihnen richtig angesprochenen
Probleme der Berufstätigen möchten sie durch eine weitere Einschränkung der Erreichbarkeit lösen? Wer spät von der Arbeit kommt und noch Besorungen zu machen hat soll denn sein Auto auf einem entfernten Parkplatz abstellen, im Regen durch die Fußgängerzone "flanieren" um seinen Erlebniseinkauf zu suchen? Wie weltfremd sind sie? Wer gerade die Kinder vom Kindergarten
abgeholt hat und vor dem Essen noch einkaufen muss, da er selbst gerade von der Arbeit kommt, soll sein Auto nach längerer Suche in einer Seitenstrasse abstellen und mit den Kindern den Bummel zum nächsten Fleischer genießen? Vielen Dank auch.
Ich möchte es ersteinmal hierbei belassen, wenngleich es noch einige Behauptungen und Mutmaßungen in ihrem Kommentar gibt, die einer näheren, ideologiefreien Betrachtung nicht standhalten. Da aber zu befürchten steht, daß sie keinerlei Ahnung von dem
haben, worüber sie hier schreiben, spare ich mir meine Energie vorerst für sinnvolleres auf.
R. Hachmann