Er war ganz oben und ganz unten. Gunter Gabriel kennt alle Seiten des Lebens. Und redet offen über sie.
Ein Hausboot im Hafen von Hamburg-Harburg. Es ist kurz vor 12 Uhr mittags, und Gunter Gabriel hat seinen ersten großen Auftritt. Barfuß sitzt er an Deck, die Haare zerzaust, über seinem Bauch spannt sich ein weißes T-Shirt mit dem Aufdruck "Steh auf! Mann". Es ist so zerknittert, als ob Gabriel darin geschlafen hätte. An seiner grünen Hose ist der Reißverschluss offen. Er brummelt ein kurzes "Hallo" und "Wie geht’s?", dann "Ich gehe mal kurz duschen" und steigt eine Eisentreppe hinunter, um im Bauch des Schiffes zu verschwinden.
Als er wiederkommt, trägt er Jeans und ein dunkelblaues Hemd. Gebügelt. Dazu Leder-slipper in Schwarzweiß. "Das sind die Schuhe, die Elvis auf seinem ersten Plattencover anhatte. Wenn ich Slipper trage, dann nur diese. Die gibt es auf der Reeperbahn", erzählt Gabriel. In nur wenigen Minuten hat sich der 68-Jährige gewandelt. So wie sein Leben und seine Karriere ein ständiger Wandel war. Er war ganz oben, verdiente mit seiner Musik 200.000 Mark im Monat, besaß eine Zehn-Zimmer-Wohnung in Berlin. Und er war ganz unten: Millionenschulden, Alkoholsucht, eine Zeit lang lebte er auf einem Schrottplatz.
Seit Herbst 2009, als er das Album "Sohn aus dem Volk" und seine Biografie "Wer einmal tief im Keller saß" veröffentlichte, hat so etwas wie ein Neuanfang begonnen. Er gibt viele Konzerte (auch am 14. 8. in Verl-Kaunitz). Ein Comeback? Das Wort findet er unpassend. "Ich war ja in meiner Pleite nicht festgenagelt. Ich habe ja immer Songs geschrieben. Das war mein Glück."
Richtig glücklich war Gabriel nie
Doch richtig glücklich wurde Gabriel in der Vergangenheit nie. "Glücklich – den Ausdruck kenne ich gar nicht", sagt er. Was er hatte, haute er raus. Im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Beruflich und privat. "Wenn 20.000 Mark reinkamen, gingen 22.000 wieder raus." Viermal war er verheiratet, alle vier Ehen gingen zu Bruch – weil er seine Frauen nicht nur liebte, sondern auch schlug. "Der Gabriel kann mit Glück nicht umgehen", sagte einmal Carin, seine vierte Ehefrau.
Er selbst hat sich das sogar von einem Astrologen erklären lassen. "Ich bin Zwilling, und Zwillinge leben einfach drauflos. Aber mein Aszendent ist Skorpion, und das ist gefährlich. Alles, was ich mir vorne aufbaue, haue ich hinten mit dem Arsch wieder runter." Und heute? Wo er seine Geldsorgen los ist, wo er seit dreizehn Jahren auf seinem Hausboot im Hafen von Harburg wohnt? Das Wort "glücklich" vermeidet er weiterhin.
"Glück ist ja sehr kurz, aber ich weiß, was du meinst", sagt er. "Ich bin in Balance. Ich fühle mich zehnmal wohler als jemals zuvor. Man sagt ja, dass man aus einer Krise geläutert herauskommt."
Und dann beginnt Gunter Gabriel zu sinnieren, geht gedanklich mehrere Jahrzehnte zurück. In die Zeit, als er ganz in der Nähe von Bünde in Ostwestfalen aufwuchs. "Möglicherweise hat dieses ,Ich kann mit meinem Glück nicht umgehen‘ auch mit meinem Werdegang zu tun. Weil ich mich
immer durchbeißen musste. So bin ich natürlich zum Rauhaardackel geworden."
Als er 14 ist fliegt er zuhause raus
Gabriels Mutter stirbt, als er vier Jahre alt ist. Sein Vater verprügelt ihn regelmäßig. Als sein Sohn 14 Jahre alt ist, schmeißt er ihn raus. Ein Jahr später findet Gabriel seinen Vater fast erhängt auf dem Dachboden, schneidet ihn los und rettet ihm so das Leben. Doch als der Vater einige Jahre später auf einer Feier den Gästen aus dem Tagebuch seines Sohns vorliest, entlädt sich dessen ganze Wut. Er schlägt seinen Vater zusammen, bricht den Kontakt zu ihm ab und macht, als er vom Tod erfährt, eine Flasche Sekt auf.
Seine Rettung damals waren die Gitarre und die Songs von Elvis Presley. Seine Stiefmutter hatte ihm das Instrument geschenkt. Wie ein Wilder bearbeitete er die Saiten, wenn ihn sein Vater mal wieder zum Brikettzerschlagen in den Kohlenkeller geschickt hatte. Songs zu schreiben und zu singen wurde sein Traum, und Gabriel arbeitete sich nach oben.
ZUR PERSON
Gunter Gabriel wird am 11. Juni 1942 als Günter Caspelherr in Bünde geboren. Seinen Künstlernamen entwickelte er aus dem Namen seiner ersten Frau: Gabriele. Er war viermal verheiratet und hat drei Töchter und einen Sohn. Neben Konzerten kann man Gabriel auch für Auftritte im eigenen Wohnzimmer buchen. Ab dem 25. August spielt er die Hauptrolle in dem Stück "Hello, I’m Johnny Cash" am Berliner Renaissance-Theater.
Mitte der 70er Jahre hatte er es zum Songschreiber und dann auch zum Sänger beim damals höchst erfolgreichen Hansa-Label geschafft. Juliane Werdings "Wenn du denkst, du denkst" stammt aus seiner Feder. Mit "Er ist ein Kerl (der 30-Tonner-Diesel)" und "Hey, Boss, ich brauch mehr Geld" schafft er den Durchbruch.
Auf den Aufstieg folgt der freie Fall. Um Gaby, seine erste Frau, nicht zu verlieren, säuft er mit dem Nebenbuhler um die Wette. Er gewinnt, doch Gaby bleibt nicht. Sein Geld verprasst er oder verliert es an Berater, die ihm angeblich rentable Bauherrenmodelle andrehen. In den frühen 1990er Jahren lässt er sich freiwillig für einige Wochen in die geschlossene Psychiatrie einweisen.
Mit 500.000 Euro Steuerschulden ist er zum zweiten Mal pleite
2007 ist er zum zweiten Mal pleite: Er hat 500.000 Euro Steuerschulden. Um an Geld zu kommen, bietet er an, für 1.000 Euro in Wohnzimmern der Republik aufzutreten. Die Idee funktioniert. Sie saniert ihn finanziell.
Für Gabriel ist das Leben heute so wie in Hemingways "Der alte Mann und das Meer". Das Buch schenkt er seinen Kindern jedes Jahr zu Weihnachten. Da ist ein erfolgloser Fischer, über den alle lachen, erzählt Gabriel. "Und als er endlich einen Fisch am Haken hat, droht dieser ihn runterzuziehen. Der Erfolg zieht runter."
Und weil die Haie den letztendlich doch erlegten Fisch wegfressen, steht der Fischer am Ende wieder mit leeren Händen da. "Dennoch applaudieren die Leute bei Rückkehr des Fischers, denn er hat es zu etwas gebracht, auch wenn das letzte Hemd keine Taschen hat. Das ist der Schlüssel. Auch für mein Leben." Nur den Titel müsste man ändern. In: "Der alte Mann und die Musik".