Fußball ist ein Spiel der Leidenschaft, der Emotionen, und wenn zwischen Sieg und Niederlage nur wenige Minuten liegen, dann ist es umso mehr ein Spiel der großen Gefühle. Und Heribert Bruchhagen ist Fußballfan. Es gab Wochenenden, da hat der 61-Jährige drei Spiele live gesehen. Er sagt selbst, für ihn gebe es nichts Schöneres als Fußball.
Doch wenn der Vorstandsvorsitzende von Eintracht Frankfurt in diesen Tagen kurz vor dem Auftakt zur Bundesliga erzählt, dass es immer wieder spannend sei, was die neue Saison bringe, ist es nahezu unmöglich, Leidenschaft oder eben diese Spannung in seiner Stimme zu entdecken. Zu abgeklärt, zu unaufgeregt sagt er diesen einen Satz und fügt dann noch hinzu: "Ich weiß jetzt schon wieder, was kommt: überraschende Niederlagen, erfreuliche Siege, unzufriedene Reservespieler, ratgebende Journalisten. Es wird wieder zwölf Vereine geben, die ihre Ziele nicht erreichen, und fünf werden ihren Trainer entlassen." Punktlandung. Das Spektakel, das Woche für Woche Hunderttausende elektrisiert, zusammengefasst in noch nicht einmal dreißig Wörtern.
Bruchhagen hat auch mal gewettet, sieben Mannschaften nennen zu können, von denen am Ende sechs ganz vorne stehen. Er gewann die Wette. "Auf 34 Spiele gesehen ist die Lage in der Liga zementiert", sagt er.
"Im Fussball darf jeder alles behaupten."
Er weiß, dass solche Aussagen nicht überall gut ankommen, weil sie vermeintlich die Spannung nehmen. Er weiß auch, dass ihm immer mal wieder mangelnde Visionen, manchmal auch Pessimismus vorgeworfen werden. "Im Fußball darf jeder alles behaupten, aber nichts ist schlimmer, als wenn Sie im Fußball etwas behaupten, und es tritt ein."
Der Fußball prägt Bruchhagens Leben früh. Als Achtjähriger schnappt er sich nach der Schule sofort den Ball und kickt zusammen mit seinem Bruder bis spät in den Abend auf dem Bolzplatz in Harsewinkel, der kleinen ostwestfälischen Stadt, in der er aufwächst. Sein Vater ist Werkzeugmacher, seine Mutter Hausfrau. Zu fünft, er hat zwei Geschwister, leben sie vom Lohn des Vaters.
Mit 19 Jahren wechselt Heribert Bruchhagen zur DJK Gütersloh, spielt dort insgesamt 14 Jahre lang und übernimmt anschließend, 1982, für sechs Jahre das Traineramt des inzwischen zum FC Gütersloh fusionierten Vereins. Dann holt ihn Schalke-04-Präsident Günter Eichberg als Manager nach Gelsenkirchen.
Bruchhagen zehrte vom Erfahrungsschatz aus Zeiten in Harsewinkel und Gütersloh
Es folgen Stationen als Manager des Hamburger Sportvereins und von Arminia Bielefeld sowie schließlich seit 2003 als Vorstandsvorsitzender von Eintracht Frankfurt. Doch prägend bleiben für Bruchhagen immer die Erfahrungen, die er in Harsewinkel und Gütersloh macht: im Umgang mit Geld und im Umgang mit Trainern. "Es muss doch noch erlaubt sein, nur so viel Geld auszugeben, wie man einnimmt, auch wenn man dadurch zu einer Minderheit in der Bundesliga gehört."Tatsächlich erreichten in der Saison 2008/09 nur 16 von 36 Profiklubs ein positives Ergebnis nach Steuern. Häufig wird offensichtlich der Wunsch nach sportlichem Erfolg dem nach wirtschaftlichem Erfolg übergeordnet. Doch Bruchhagen steht schon immer für eine realistische Finanzpolitik. Auch in Hamburg und Bielefeld war das so, selbst wenn es zu Missverständnissen führte.
Etwa als der damalige Arminen-Präsident Hans-Hermann Schwick 1999 Neuverpflichtungen versprach und Bruchhagen dementieren musste – die Kassen des Vereins waren leer. Nach seinem Amtsantritt in Frankfurt saniert Bruchhagen die Eintracht. Im Jahr 2000 drückten den Klub noch 19 Millionen Mark Schulden, heute ist er schuldenfrei.
Der 61-jährige trägt den Titel "Traum aller Trainer"
Auch zum Titel "Traum aller Trainer" hat es der 61-Jährige schon gebracht. "Er entlässt sie nicht – oder erst, wenn es zu spät ist", schrieb im Oktober 2008 die Welt, als Eintracht Frankfurt mit Trainer Friedhelm Funkel Vorletzter war. Funkel blieb letztendlich unter Bruchhagen fünf Jahre lang bis zum Saisonende 2009 Trainer der Eintracht – so lange wie kaum einer seiner Vorgänger.
ZUR PERSON
Heribert Bruchhagen wurde am 4. September 1948 geboren. Er wuchs in Harsewinkel auf. In seiner Zeit als Fußballer spielte er für den FC Gütersloh, den er auch von 1982 bis 1988 trainierte. Außerdem war er von 1975 bis 1988 Gymnasiallehrer in Halle. Seit 2003 ist er Vorstandsvorsitzender von Eintracht Frankfurt.
"Unter keinem anderen genießen die Trainer so viel Schutz wie bei mir, weil auch ich mir in meiner Gütersloher Zeit jegliche Einmischung von außen verbeten habe. Man kann nicht einfach für sich etwas fordern und das später nicht praktizieren", sagt er. Es ist einer der seltenen Momente, in denen nicht Abgeklärtheit, sondern ein wenig Stolz in seiner Stimme mitschwingt.
All das macht Bruchhagen tatsächlich zu einer Ausnahme im Biotop Bundesliga, in dem nach einer Pokalniederlage gegen einen Amateurverein schon wieder heftig am Stuhl von Hannover-96-Trainer Mirko Slomka gesägt wird; in dem am liebsten gleich drei oder vier Vereine Meister werden wollen, aber es nur einer werden kann; in dem – natürlich – keiner absteigen will, aber es letzten Endes mindestens zwei Vereine tun müssen.
"Unrealistische Einschätzungen vor der Saison sorgen für Gerüchte, die sich im Laufe einer Saison nicht stoppen lassen."
"Ich erwarte von den Protagonisten der Bundesliga, dass sie das Ganze realistischer einschätzen. Indem wir unrealistische Einschätzungen vor der Saison geben, legen wir die Grundlage für all die Gerüchte und die Erwartungshaltungen, die sich dann im Laufe einer Saison nicht stoppen lassen", sagt Bruchhagen. "Diese frühzeitigen Prognosen sind das Hauptproblem des deutschen Fußballs."
Luftschlösser lässt Bruchhagen andere bauen. "Das Terrain der Visionen ist vollständig besetzt, da muss ich nicht auch noch drauf rumturnen." Nur einen Fehler darf man nicht machen: zu glauben, dass der 61-Jährige keine Freude am Fußball mehr hat. Das Gegenteil ist der Fall. Er lebt für den Fußball, und er kämpft für den Fußball. Nur verbiegen möchte er sich dabei nicht. Neben seinem Job bei der Eintracht sitzt er im Vorstand der Deutschen Fußball-Liga und setzt sich dort für den Wettbewerb in der Bundesliga ein.Stets meldet er sich zu Wort, wenn es um die Verteilung der TV-Gelder geht. Nach Bruchhagen wurde 1992 ein "historischer Fehler" gemacht, als die Verteilung der Gelder gestaffelt nach der Tabellenplatzierung eingeführt wurde. "TV-Gelder landen zu 100 Prozent im Lizenzspieleretat", erklärt der 61-Jährige. "Als 1992 die Eintracht zum letzten Mal um die Meisterschaft spielte, da lag der Lizenspieleretat-Unterschied zwischen uns und Bayern München bei 40 Prozent. Heute sind es 500 Prozent."
Der Wert der Bundesliga soll erhalten werden
Er weiß, dass er die Uhr nicht mehr zurückdrehen kann, aber es ist seine Motivation, den Wert der Bundesliga zu erhalten. Wenn die Etats noch weiter auseinandergingen, so seine Überzeugung, würde sowohl der Wettbewerb als auch die Spannung verloren gehen. "Wenn ich die Erwartungshaltung habe, dass Schalke 04 deutscher Meister werden soll oder Eintracht Frankfurt international spielen soll, dann muss ich die Position vertreten, dass die Fernsehgelder zu weit auseinandergehen", sagt er.
"Würden sie nicht gestaffelt verteilt, stiegen die Chancen für jeden Verein im nationalen Wettbewerb." Achtmal, so Bruchhagens Prognose, werden die Bayern zwischen 2010 und 2020 Meister werden. Er würde vermutlich gerne unrecht haben.
Und so gibt Bruchhagen vor dem Bundesligaauftakt selbst keine Prognose für die Eintracht ab. "Unsere Mannschaft hat 50 Punkte als Ziel genannt. Das habe ich gehört, und ich freue mich über den Optimismus. Aber ich muss erst mal erkennen, wie die anderen Teams aufgestellt sind. Und dafür ist es zu früh." Ein typischer Satz. Der 61-Jährige ist Fußballfan, kein Fantast. Vermutlich ist er einfach einer der realistischsten Fans, die die Bundesliga hat.
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