Schrift

28.08.2011
PORTRÄT
Usain Bolt: Der schnellste Mann der Welt
Der jamaikanische Sprintstar lief vor zwei Jahren 100 Meter in 9,58 Sekunden. Schneller ist keiner - doch seit diesem Weltrekord fragen sich einige: Ist das zu schnell, um wahr zu sein?
VON THOMAS SCHÖNEICH

Weltrekordler | FOTO: DPA

Wer ist Usain Bolt? Der schnellste Mann der Welt und ein Heilsbringer für die Leichtathletik? Oder ein Betrüger, dem man noch nicht auf die Schliche gekommen ist? Seitdem der 25-jährige Jamaikaner bei den Olympischen Spielen 2008 und bei der Leichtathletik-WM im darauffolgenden Jahr in Berlin jeweils Weltrekorde über 100 und 200 Meter aufstellte, ist Bolt das am meisten geliebte, aber vielleicht auch das am kontroversesten diskutierte Gesicht der Leichtathletik. Jetzt beginnt an diesem Wochenende im südkoreanischen Daegu wieder eine WM – und die Welt wartet auf eine neue Bolt-Show.

Die Voraussetzungen für Usain Bolt, einmal ein Weltklasse-Sprinter zu werden, waren von Anfang an zumindest theoretisch gut. Immerhin liegt sein Geburtsort Sherwood Content in Trelawney Parish an der Nordküste Jamaikas. Aus dem Landkreis stammen einige hochklassige jamaikanische Athleten, unter anderem die Olympiasiegerin Veronica Campbell-Brown. Als Junge wollte Bolt Cricket spielen, doch die Eltern und der Cricket-Coach empfahlen dem schon damals schnellen Kind, es doch einmal mit Leichtathletik zu versuchen. "Ich bin dann dabei geblieben, weil es einfach war und weil ich immer gewonnen habe", sagt Bolt.

Info

ZAHLENSPIELE

* Der jamaikanische Sprinter Usain Bolt hat in seiner Karriere bei Olympia und Leichtathletik-Weltmeisterschaften sechs Gold- und zwei Silbermedaillen gewonnen.Mit 9,58 und 19,19 Sekunden hält er die Weltrekorde über 100 und 200 Meter.

* Seine Physis – er ist mit 1,95 Metern und 95 Kilo relativ groß und schwer für einen 100-Meter-Sprinter – kommt Bolt dennoch zugute: Er braucht für die 100 Meter nur etwa 41 Schritte. Das sind zwischen vier und sieben Schritte weniger als die meisten seiner Konkurrenten benötigen.

* Bolts Leistungen haben ihn zum bestbezahlten Leichtathleten der Welt gemacht. Ein 2010 unterzeichneter Vierjahresvertrag mit Puma soll ihm 23,5 Millionen Euro einbringen. (tsch)

Und wie schnell er war! 2002 wurde Bolt mit 15 Jahren über 200 Meter der jüngste Juniorenweltmeister aller Zeiten. Ein Jahr darauf knackte er den Junioren-Weltrekord über die gleiche Distanz. Zwölf Monate später lief er 200 Meter zum ersten Mal unter 20 Sekunden. 2007 – inzwischen als Profi – holte er bei den Weltmeisterschaften in Osaka in 19,91 Sekunden Silber. Die Leichtathletik-Welt war längst auf den jungen Jamaikaner aufmerksam geworden, doch mit 1,95 Metern Körpergröße und mehr als 90 Kilo Gewicht besser geeignet für die etwas längeren Sprints, hatten die Wenigsten Bolt für die Königsdisziplin der Leichathletik, die 100 Meter der Männer, auf der Rechnung.

Weltrekordlauf mit offenem Schuh

Doch Bolt sollte sie alle überraschen. Er war gerade fünfmal als Profi unter Wettkampfbedingungen über 100 Meter gestartet, da lief er Ende Mai 2008 in 9,72 Sekunden Weltrekord. Diese Marke sollte etwa drei Monate Bestand haben. Dann kamen die Olympischen Spiele in Peking, und Bolt war noch einmal drei Hundertstelsekunden schneller – obwohl sein linker Schuh offen war und er das Rennen 15 Meter vor der Ziellinie praktisch abbrach. Wenige Tage später lief er sowohl über 200 Meter als auch mit der jamaikanischen 4-x-100-Meter-Staffel Weltrekord. Dabei hatte Usain Bolt der Welt sein ganzes läuferisches Können noch gar nicht gezeigt. Er ließ sich ein Jahr Zeit, dann verbesserte er seine eigenen Weltrekorde: 9,58 Sekunden über 100 Meter, 19,19 Sekunden über 200 Meter. Die Leichtathletik hatte endlich wieder eine Lichtgestalt.Im selben Maß, in dem die Bewunderung und der Respekt für Bolts Leistungen stiegen, wuchs auch die Skepsis an ebendiesen. Konnte das alles mit rechten Dingen zugehen? Mit Ben Johnson, Tim Montgomery und Justin Gatlin waren in 20 Jahren gleich drei 100-Meter-Weltrekordhalter des Dopings überführt worden. Und was verriet Bolt über das Geheimnis seiner Schnelligkeit? Er gab freimütig zu, vor seinem Rekordsprint in Peking noch eine Portion Hähnchen-Nuggets verzehrt zu haben. Bolts Vater, Inhaber eines Supermarkts, brachte noch die gute Ernährung mit der jamaikanischen Yamswurzel ins Gespräch.

Dem deutschen Sprinter Tobias Unger gefiel diese Bolt-Show bereits 2008 nicht. Er nannte das Ganze eine "Riesenverarschung". "Im Zwischenlauf hat sich Bolt nicht einmal warmgelaufen. Der kam in Badehose und Joggingschuhen, hat eine Steigerung und einen Start gemacht, seine Spikes angezogen und ist dann die 100 Meter in 9,92 Sekunden gelaufen", sagte Unger damals. Nach Bolts Triumphen in Berlin argumentierte der Nürnberger Doping-Experte Fritz Sörgel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: "Diese Leistung spricht gegen alle wissenschaftlichen Lehren über die menschliche Leistungsfähigkeit. So etwas ist ohne Doping nur schwer vorstellbar."

"Der meistgetestete Athlet der Welt"

Der Sprintstar kennt all diese Zweifel – und er tut sein Bestes, sie zu zerstreuen. Inzwischen nennt er sich selbst den "meistgetesteten Athleten der Welt" und verweist auf die lange Reihe negativer Dopingtests, um zu beweisen, dass er sauber ist. Alles, was er tun könne, um die Welt zu überzeugen, dass er nicht dope, sei, einfach weiterhin schnell zu laufen, sagt er. Dabei hat Bolt inzwischen professionelle Fürsprecher auch außerhalb seines eigenen Trainer- und Managerstabs. "Usain Bolt ist absolut sauber. Wir haben so viele Daten von ihm. Wir können nicht irren", sagte im November 2009 der Schwede Arne Ljungqvist, Vorsitzender der Medizinischen Kommission des Internationalen Olympischen Komitees. "Bolt verkörpert einen ganz anderen Typ als 20 Jahre zuvor die Generation um den muskelbepackten Ben Johnson. Seine Besonderheit ist, dass er lange Beine hat und trotzdem unglaublich trittschnell ist."

Griff nach den Sternen | FOTO: DPA

Wenn Usain Bolt wirklich sauber sein sollte, wo liegen dann die Grenzen? Ist es möglich, schneller zu laufen? Das "Phänomen Bolt" ist für die Wissenschaft von großem Interesse. 9,55 Sekunden wäre Bolt in Peking vermutlich schnell gewesen, wenn er nicht Meter vor der Ziellinie ausgetrudelt hätte, haben norwegische Physiker ausgerechnet. Bolts Trainer hatte damals gar 9,52 Sekunden für möglich gehalten. Der Biologe Mark Denny von der kalifornischen Universität Stanford kommt anhand einer mathematischen Analyse auf 9,48 Sekunden als Grenze der menschlichen Leistungsfähigkeit. Bolts eigene Einschätzung bleibt noch unter diesen Zahlenspielen. Er glaubt, dass irgendwo bei 9,4 Sekunden Schluss sei. Und Bolt wäre nicht der Bolt, der über sich sagt, dass eines seiner Karriereziele sei, zu einer Sportlegende zu werden, wenn er nicht selbst derjenige sein wollte, der irgendwann auch diese Marke knackte.

Es ist allerdings fraglich, ob Bolt in Daegu in der Form ist, um seine eigenen Zeiten noch einmal zu unterbieten. Es wird hier keine Rekorde geben, sagte er bereits im Vorfeld der Weltmeisterschaften. Ein Zeichen von Bescheidenheit ist dies aber nicht. Bolt glaubt fest daran, dass er seine Titel verteidigen wird. "Wenn ich einen guten Start erwische, wird das kein Problem für mich", sagt der Jamaikaner. "Ich denke, ich werde mit Leichtigkeit gewinnen. Wenn ich in meinen Laufschritt komme, glaube ich nicht, dass irgendwer mithalten kann."

Lichtgestalt der Weltmeisterschaft in Südkorea

Auch ohne neue Rekorde wird Bolt die Lichtgestalt dieser WM sein. Viele Zuschauer werden nur ins Stadion kommen, um ihn zu sehen. Der Ausnahmesprinter weiß mit der Popularität umzugehen. Dennoch ist sie Segen und Fluch zugleich. "Ich weiß, dass man mir nachsagt, ich sei der Retter der Leichtathletik. Dadurch, dass ich sauber bin und den Weltrekord über 100 Meter gebrochen habe, habe ich dem Sport seine Glaubwürdigkeit wiedergegeben", schreibt er in seiner Autobiographie. "Gleichzeitig weiß ich, dass nur der kleinste Hinweis auf Doping bei mir das Ende für die Leichtathletik bedeuten würde."

Kommentare
...und disqualifiziert!!


Das könnte Sie auch interessieren
Interview
"Man muss das Maul aufmachen"
Die Broilers sind am heutigen Samstag, 22. November, ab 20 Uhr in Bielefeld zu Gast. Im Rahmen ihrer deutschlandweiten Tour "Noir" spielen die Düsseldorfer Rockmusiker in der Seidenstickerhalle. Karten gibt es noch bis Samstagmittag in allen Geschäftsstellen dieser Zeitung und, bei Verfügbarkeit, auch noch direkt an der Abendkasse. mehr

Porträt
Der Knochenbrecher
Tamme Hanken ist ein kräftiger Bursche. Doch in seinen tellergroßen Händen schlummert jede Menge Feingefühl. Das nutzt der Ostfriese, um Tiere einzurenken. Zum Unmut seiner Kritiker. mehr

Porträt
Ein Star 
auf der
 Flucht
Seit Jahren feiert Milow mit Songs wie "Ayo Technology" und "You Don’t Know" Erfolge in Europa. Doch der Rummel um seine Person ist nicht sein Ding. mehr

Interview
"Diskutiere nie mit Vollidioten"
Politisch korrekt wird es bestimmt nicht, wenn Michael Mittermeier nach Bielefeld kommt. Der 48-jährige Comedian ist am Mittwoch, 12. November, ab 20 Uhr mit seinem aktuellen Programm "Blackout" in der Stadthalle zu Gast. Tickets gibt es in den Geschäftsstellen dieser Zeitung und natürlich auch im Internet unter der Adresse: www.erwin-event.de. mehr




Anzeige

Im Sarg vergraben oder lieber verbrennen?





Lecker und gesund
Am Donnerstag geht es Chefs wieder an den Kragen – zumindest auf der Kinoleinwand. Ein Grund zur Freude ist das aber nicht mal für den frustriertesten Arbeitnehmer. mehr

ACHIM BLOMENKAMP KOCHT: Kürbissuppe mit Knoblauch
Alle an einem Tisch – dieser Ausdruck bekommt im Restaurant-Café Kachelhaus eine ganz neue Bedeutung. mehr




Jobs bei der NW


Zeitungsdruck Rotationsdruck Rheinisches Format   NW Logistik