Seit sieben Jahren wird Heiligabend in ihrer Kneipe statt besinnlich daheim am Tannenbaum gefeiert - aber mit Geschäftstüchtigkeit hat das wenig zu tun
VON ANNEKE QUASDORF
"Bei Teresa". Von grellem Neonlicht beleuchtet, steht der Name über der Kneipe, deren Fassade aus künstlichem Fachwerk besteht. Grün flimmert die Bierreklame, und wer zu langsam an der Tür vorbeigeht, kann die Spuren vergangener Nächte riechen, eine Mischung aus Zigarettenqualm und Alkoholdunst. Hier, hinter der dunklen Eichentür, hat Teresa Eickermann in den vergangenen sieben Jahren Weihnachten gefeiert.
Emsig ist die Wirtin an jedem Heiligabend zwischen Zapfhahn und Schnapsflaschen durch die Rauchschwaden geeilt, um allen Gästen gerecht zu werden, die ihr an diesen Abenden, wenn eigentlich alle bei ihrer Familie sind, die Bude einrennen. Morgens um fünf, wenn die ersten Kirchgänger zur Frühmesse gingen, hat sie dann erst abgeschlossen und ist, von Kopf bis Fuß nach Zigarettenrauch stinkend, nach Hause gefahren. Allerdings mit einem guten Gefühl: Denn zu Teresa kommen all jene, die niemanden haben, mit dem sie Gans und Klöße essen und um den Tannenbaum sitzen können und die sonst nicht wüssten, wohin sie gehen sollten.
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1964 wird Teresa Eickermann in Lodz geboren. Sie absolviert eine Ausbildung zur Erzieherin und arbeitet lange in einem Schulamt. 1999 entscheidet sie sich, Arbeit in Deutschland zu suchen. Nach mehreren Stationen in Restaurants in OWL macht sie sich 2003 selbstständig.
Warum es sie ausgerechnet in die kleine Altstadtkneipe zieht, ist nicht schwer zu erklären, wenn man Teresa kennengelernt hat. Hinter den dunklen Butzenscheiben und der etwas trostlosen Fassade ihrer Kneipe schaltet und waltet nämlich eine Frau, die so viel Herzlichkeit und Wärme verbreitet, dass sich jeder willkommen fühlen muss.
"Ich bin wie eine Therapeutin, eine Mutter, ein Schwester, eine Tante"
Wenn sich die Tür öffnet und ein kalter Luftschwall einen neuen Besucher ankündigt, dann strahlt Teresa, so dass von ihren Augen kaum noch etwas zu sehen ist. Die meisten Gäste begrüßt sie mit Vornamen, und es klingt, als hätte sie sie schon vor einer halben Stunde erwartet. Während der Besuch die Jacke auszieht, kredenzt die Wirtin bereits das Lieblingsgetränk, ohne auf die Bestellung zu warten. Nachdem sie serviert hat, bleibt sie noch eine Weile mit auf die Theke gelegten Armen stehen, auf die sie sich nur dank ihrer zehn Zentimeter hohen Absätze bequem stützen kann, und schnackt.
Smalltalk machen, diese Fähigkeit gehört zu ihrem Job wie Bierzapfen und Gläserpolieren. "Die Gäste unterhalten, das muss man können. Ich bin wie eine Therapeutin, eine Mutter, eine Schwester, eine Tante, ich kenne jedes Problem."
In Sätzen wie diesen schwingen eine Menge exotische Betonungen und rollende R mit: Wenn Teresa spricht, dann kann sie ihre polnische Herkunft nicht verbergen. 1999 kam die damals 36-Jährige aus ihrer Heimatstadt Lodz nach Deutschland – um mehr Geld für ihre beiden Töchter zu verdienen. "Das war als Alleinerziehende zu dem Zeitpunkt in Polen nicht möglich. Und ich wollte meinen Mädchen doch eine Zukunft bieten."
Harte Anfangsjahre in der neuen Heimat
Ohne Freunde und Deutschkenntnisse kämpft sie sich durch harte erste Jahre, im Herzen immer Heimweh nach Polen, Sehnsucht nach ihrer Mutter, "meiner Mutti", wie Teresa sagt, wobei sie das "u" ganz lang zieht, und nach ihren Töchtern. Von Anfang an sagt sie sich: Wenn ich hier nicht schnell einen guten Job finde, gehe ich sofort zurück.Doch tatsächlich ist der gute Job schnell gefunden: In den Küchen diverser Restaurants schuftet sie von neun Uhr morgens bis um zwei Uhr nachts, erst in Detmold, später in Bielefeld. 2003 dann die Wende: Als sie erfährt, dass die Kneipe Am Bach 17 frei ist, schlägt Teresa zu. "Ich habe in Polen schon immer von einem kleinen Bistro geträumt. Doch das hätte ich mir niemals leisten können."
Heute, nach fast acht Jahren, läuft der Laden immer noch gut. Reich wird die Wirtin dabei nicht, aber es reicht zum Leben. "Und mehr will ich nicht." Beide Mädchen haben mittlerweile fertig studiert, stehen auf eigenen Beinen und sind der ganze Stolz ihrer Mama. Und so könnte die jetzt eigentlich aufhören, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen, die Beine hochlegen und mal ein bisschen langsam machen – Grund genug dazu hätte sie.
Trotz Knochenjob kaum Urlaub
Denn sie hat einen Knochenjob: Im Advent sieben, sonst sechs Nächte in der Woche steht sie hinter dem Tresen, Montag bis Samstag, von acht Uhr abends bis vier Uhr morgens. Wer dann nicht gehen will, muss auch nicht, und so wird es öfter auch mal später. Tagsüber erledigt Teresa in ihrer Kneipe dann alles, wozu sie abends nicht kommt: Einkäufe, Putzaktionen, Reparaturen. Fünf Stunden Schlaf, mehr ist pro Nacht nicht drin.
Sie will es nicht anders, auch weil sie jemand ist, der schlecht die Füße hochlegen kann. "Einmal habe ich zwei Tage Urlaub gemacht – und mich schon am ersten Tag gelangweilt." Während sie erzählt, eilt Teresa geschäftig hinter dem Tresen hin und her, ihre hohen Absätze klackern, wenn sie mit energischen Schritten ihr kleines Reich durchmisst.
Es gibt aber auch noch einen anderen Grund für sie, am Tresen zu bleiben: die Gäste. Sie sind ihr Leben – ein anderes hat sie nicht. "Dafür habe ich gar keine Zeit", sagt sie und lacht. "Aber ich will es so, ich liebe meinen Job, und wenn meine Gäste zufrieden sind, habe ich alles, was ich brauche." Das Kümmern liegt ihr, deshalb hat sie eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht, damals in Polen. Und wenn die Gesundheit nicht mehr mitmacht irgendwann, dann kann sie sich vorstellen, als Betreuerin im Altenheim zu arbeiten.
Ein Ohr für Probleme aller Art
Diese warmherzige Art kommt an – und so sind es überwiegend Männer, die auf der Suche nach einem offenen Ohr auf ein oder zwei oder drei Gläschen bei Teresa einkehren und sich über ihre Probleme auslassen: die Verheirateten über ihre Ehefrauen, die Geschiedenen über ihre Ex-Frauen. Und so wenig Verständnis sie mit den einen hat, so leid tun ihr die anderen: einsame Gestalten, die vor dem leeren Zuhause in ihre Kneipe flüchten. "Dabei haben die meisten Kinder. Aber die kümmern sich nicht. Das zerreißt mir das Herz." Und so springt Teresa ein, hört zu und betüddelt, wie nur sie das kann.Mit ihren langen blonden Haaren, dem hübschen, sorgfältig geschminkten Gesicht und der zierlichen Figur ist die Wirtin eine attraktive Frau, und so bleiben die Angebote natürlich nicht aus. Teresa hat gelernt, in diesen Fällen trotz ihres weichen Herzens hart zu bleiben. Strikt hält sie zudem ihr Privatleben aus der Kneipe heraus. Das geht so weit, dass sie mit ihren Gästen nichts trinkt außer O-Saft, Wasser oder Kaffee.
Gerade brüht sie sich noch eine schnelle Tasse auf. Gleich beginnt die Schicht, da muss sie fit sein. Und das fällt ihr schwer: Den ganzen Advent schon steht sie sieben statt sechs Nächte in ihrer liebevoll mit Kerzen und Girlanden geschmückten Kneipe. Der zusätzlich geöffnete Tag ist ihr Weihnachtsgeschenk für die Gäste – und ihr Trostpflaster. Denn erstmals, seit sie ihre Kneipe hat, wird Teresa Weihnachten nicht öffnen. Sie wird zu Hause sein und mit ihrem Besuch, ihrer älteren Tochter und ihren Enkeln um den Baum sitzen. Und am 1. Feiertag fährt sie nach Polen. Zu ihrer Mutti mit dem langen "u".
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