Astrologie, Tarot und Co. im Selbstversuch
Seitdem ich als Kind die Filmtrilogie "Zurück in die Zukunft" im Fernsehen gesehen habe, träume ich von einer Zeitmaschine. Einmal zu erleben, was in den nächsten Jahren meines Lebens passiert und damit Sorgen um die Gesundheit und den Job zu vergessen. Leider gibt es aber noch immer, zumindest nach meinem Kenntnisstand, keine Zeitmaschine. Und da ich nicht den Rest meines Lebens darauf warten will, dass doch irgendwann eine gebaut wird, muss ich mir wohl was anderes einfallen lassen. Genug Angebote, um zu erfahren, wie das Leben verläuft, gibt es ja. Und so mache ich mich auf, um herauszufinden, was Tarot, Astrologe und Co. über mich und meine Zukunft aussagen.
Nach einigen Recherchen im Lexikon und im Internet entscheide ich mich für drei Varianten: das Bleigießen als uralte Tradition, die bis heute an Silvester fortgeführt wird. Als zweites will ich mich von einer professionellen Astrologin beraten lassen. Sie soll mir mein ganz persönliches Horoskop für das Jahr 2012 erstellen. Und dann rufe ich noch bei einer Astro-Sendung im Fernsehen an, um mir Tarot-Karten legen zu lassen.
Beginn in der Antike. Meine Zukunftsreise starte ich mit dem Klassiker der Wahrsagerei – dem Bleigießen. Anders als bei den alten Römer gehört das Bleigieß-Set heute zur Massenware. Schon im ersten Geschäft in der Stadt werde ich fündig. In einem Regal liegt meine Zukunft in lieblos übereinander gehäuften Pappkartons. Auf ihnen prangt in mythischen Lettern das Wort "Bleigießen." Das ist es aber auch schon mit Mystik. 3,59 Euro kostet der Karton, der in eine gelblich-weiße Plastiktüte wandert.
Bleigießen | FOTO: SARAH JONEK
Zu Hause sorge ich für die richtige Stimmung, dimme das Licht und zünde eine Kerze an. Ich reiße die Pappverpackung auf und nehme aus der zum Vorschein kommenden weißen Plastikverpackung einen Löffel und ein Stück Blei in Fischform. Warum das Bleiklümpchen eine Fischform hat, ich weiß es nicht. Mit leicht zittrigen Händen hebe ich den mitgelieferten Löffel, der eher an Besteck für Drogensüchtige erinnert, über die Kerze. Die ersten Minuten passiert nichts. Dann bildet sich eine kleine Pfütze auf dem Löffel. Langsam beginnt das Blei zu schmelzen. Durch meine zittrige Hand kippt der Löffel kurzzeitig zur Seite und etwas Blei läuft in das Wachs der Kerze. Der Fisch ist verschwunden. Auf dem Löffel wabert nur noch flüssiges Blei. Die in der Verpackung mitgelieferte Anleitung erklärt mir, dass es nun Zeit ist, die Bleipfütze in Wasser zu tauchen. Gesagt, getan. Es zischt. Ich hebe ein erstarrtes Bleigebilde aus dem Wasser – um nach einem Blick in die beigelieferte Erklärungsliste selbst zu erstarren. Allerdings vor Ratlosigkeit.Mehr als 50 Erklärungen für Formen, die beim Eintauchen ins Wasser entstehen können, liefert die Liste. Doch mein Klumpen ist nicht dabei. Noch schlimmer, die Form ist kaum zu erkennen. Mit viel Fantasie und einer gehörigen Portion Selbstbetrug könnte das Bleiding in meinen Händen als Golfschläger durchgehen. Gut und schön, aber was sagt mir ein Golfschläger über meine Zukunft? Dass ich reich werde? Oder mehr Sport machen soll? Nein, dieses Denken bringt mich nicht weiter. Schließlich will ich in meine Zukunft sehen und mich nicht in nebulösen Spekulation ergehen. Ich brauche professionelle Hilfe.
EINE LETZTE CHANCE...
Überzeugt bin ich von den Aussagen über meine Zukunft nach meinen Ausflügen noch nicht. Aber gänzlich unbeeindruckt bin ich auch nicht. Schließlich weiß ich nicht, ob Astrologin oder Blei vielleicht doch recht hatten. Und so gebe ich der Zukunftsdeuterei eine letzte Chance: Ich habe die Aussagen über meine Zukunft aufgeschrieben und in einer kleinen Metallkiste verstaut.
Diese verschlossene Kiste habe ich im Garten hinter meinem Haus verbuddelt. Ausgraben werde ich sie erst im Januar 2013. Zu diesem Zeitpunkt werde ich wissen, wie es beruflich und privat bei mir weitergegangen ist. Dann wird sich zeigen, ob die Wahrsagerei für mich ein Fehltritt war und ob das Geschäft mit der Zukunft sich nicht nur für Wahrsager, Kartenleger und Traumdeuter lohnt. Bis dahin werde ich einfach weitermachen wie bisher.
Glücklicherweise ist das Angebot der Wahrsager recht groß. Nicht nur in Berlin, wo einige Zukunftsdeuter mit angeblich prominenten Klienten werben. Auch in Ostwestfalen gibt es ein dichtes Netz an Astrologen, Traumdeutern und Kartenlegern. Nach kurzer Suche werde ich fündig. Bei einer am Telefon sehr netten Frau mache ich einen Termin. Keine leichte Sache, denn kurz vor Jahreswechsel sind die Damen und Herren der Zunft ausgebucht. Ich habe Glück. Wir vereinbaren das Treffen und noch während des Telefonats entscheide ich mich, anonym zu bleiben. Die Astrologin darf wissen, dass ich Journalist bin, aber nicht, dass ich über unser Gespräch schreibe. Schließlich soll auch sie unbefangen an die Sache herangehen. Schon bei der Terminvereinbarung muss ich Einiges von mir preisgeben: Geburtsdatum, Geburtszeit, Geburtsort. Dann soll ich erklären, worum es in meiner Astro-Beratung gehen soll. Da meine Ausbildung im nächsten Jahr endet, sage ich wahrheitsgemäß, dass ich einen Blick in meine berufliche Zukunft wünsche. Der Termin wird für eine Stunde angesetzt, Kostenpunkt: 75 Euro. Ein stolzer Preis. Aber sicher günstiger als eine Zeitmaschine.
Eine Woche später ist es so weit: Ein kurzes Gespräch, eine Tasse Tee, dann nehme ich in einem roten Sessel Platz. Meine Zukunftsdeuterin zündet eine Kerze an, "das ist die Sonne", sagt sie. Ich nicke verlogen, denn verstanden habe ich das nicht. Mit dem Verstehen ist es eh so eine Sache: Auf einem Zettel zeigt mir die Astrologin die Zusammenhänge von Venus, Mars und Neptun in verschiedenen Häusern. Striche, die sich von links nach rechts und von oben nach unten wild durch einen Kreis kreuzen, zeigen mir, was für ein Mensch ich bin. Aha. Dafür 75 Euro? Nein. Jetzt erst beginnt die eigentliche Beratung. Und ich muss sagen, sie ist gut und interessant.
Ob mich meine Astrologin gegoogelt hat, weiß ich nicht, aber sie sagt viele Dinge, die auf mich zutreffen. Vielleicht hat sie aber auch Glück beim Raten. Aber ich will ja in meine Zukunft blicken, also muss ich wohl an die Worte glauben. Wieso auch nicht. Geht es nach meiner Astrologin, Entschuldigung, nach meinen Sternen, stehen meine Jobchancen gut. Und auch privat könnte sich mit etwas Anstrengung Einiges ergeben. Nach einer Stunde ist die Beratung vorbei. Mit einem gutem Gefühl verlasse ich die Wohnung. Aber war das jetzt ein echter Blick in die Zukunft, oder ist die Astrologie nicht doch eher eine Glaubensfrage?Aufschluss soll dass Fernsehen bringen. Täglich laufen schließlich Sendungen im TV, in denen oft etwas ulkig aussehende Menschen einem mit Tarot-Karten die Zukunft vorhersagen. Sagen sie das Gleiche wie meine Astrologin, kann ich wohl wirklich an meinen Blick in die Zukunft glauben. Ein Anruf beim Astro-Fernsehen kostet 50 Cent. Das ist immerhin bisher die günstigste Alternative. Ich schalte also den Fernseher ein und sehe einen stark an einen verkleideten Loriot erinnernden Mann. Immer wieder fordert er mich auf, die eingeblendete Telefonnummer zu wählen. Ich gehorche und wähle. "Leider hatten sie dieses Mal kein Glück." Aha. Im Fernsehen wird die Zukunft also nur per Zufallsgenerator ergründet. Ich versuche mein Glück weiter.
Währenddessen erklärt der Loriot-Wahrsager einer Frau am Telefon, dass sie ihre Bronchien vom Arzt untersuchen lassen soll. Wenn sie dies täte, ginge es ihr besser und ihr Ex-Freund, der nach Aussage der Frau seit Monaten nicht mehr mit ihr spricht, käme dann auch wieder zu ihr zurück. Ich versuche es wieder. "Leider hatten sie dieses Mal keinen Glück." Nach acht Anrufen und vier verloren Euro habe ich genug. Ich knalle den Hörer auf. Meine Zukunft werde ich im Fernsehen nicht erfahren. Ich muss wohl doch auf eine Zeitmaschine warten.