Herr Horx, 2012 geht die Welt unter. Sagen zumindest die Maya. Wie stehen Sie zu dieser Prophezeiung?
MATTHIAS HORX: Weder die Maya, noch die seriösen Ethnologen, die sich mit den Maya beschäftigen, gehen von einem Weltuntergang aus. Abgesehen davon ist es der übliche apokalyptische Quatsch. "Apokalpytainment" nennen wir das. Man sieht ganz gerne aus dem warmen Wohnzimmer zu, wie die Welt untergeht, um hinterher edlen französischen Käse zu essen und guten Wein zu trinken. Wir gruseln uns eben gern.
Aber auch Sie beschäftigen sich mit der Zukunft. Was tut ein Zukunftsforscher so den ganzen Tag? HORX: Zukunftsforschung ist eine Wissenschafts-Disziplin, die sich aus Statistik, Wahrscheinlichkeitslehre, Kulturwissenschaft, Systemtheorie und noch einem Dutzend anderer anstrengender Fachbereiche zusammensetzt. Es geht um die Analyse und Prognose von Wandlungsprozessen. Dabei muss man sehr viele Daten auswerten, viele Studien und Bücher lesen, viel recherchieren, analysieren, debattieren. . . Eben das, was Wissenschaftler so machen. Eigentlich ziemlich langweilig.
HORX IN KÜRZE
Der Wissenschaftler wird 1955 in Düsseldorf geboren und studiert Soziologie in Frankfurt am Main. In den 80er Jahren versucht er sich als Comic-Zeichner. Außerdem schreibt er für die Zeitungen und Zeitschriften Tempo, Zeit und Merian. 1993 gründet er das Hamburger "Trendbüro".
Heute lebt Horx mit seiner Frau Oona Horx-Strathern und seinen beiden Söhnen in Wien, wo er das "Zukunftsinstitut" betreibt. Kernkompetenz: Trend-Innovations-Begleitung und Entwicklung von Frühwarnsystemen. Gerade ist außerdem Horx’ neues Buch "Das Megatrend-Prinzip" erschienen.
Stimmt, das hört sich nicht so spannend an. Ein wichtiger Teil Ihrer Arbeit ist aber auch das Beobachten von Trends. Was waren die Trends 2011 und werden die Trends 2012? HORX: Das Ausrufen neuer Trends am Jahresanfang ist Aufgabe der Modemacher. Die meisten der Trends, mit denen wir uns beschäftigen, halten sich nicht an Jahreszahlen. Es sind Megatrends, also sehr langfristige Veränderungen: Globalisierung, Verstädterung, Individualisierung, Mobilität, neue Bildung, Technologie. In diesen Bereichen machen wir so etwas wie Langfristbeobachtung und helfen Firmen dabei, ihre Produkte und Strategien rechtzeitig darauf auszurichten.
Wann beginnt bei dieser Arbeit die Zukunft? HORX: In einem vernünftigen Abstand zur Gegenwart, also nicht in Wochen, sondern eher Jahren. Allerdings ist die Zukunft ja mit dem Heute verknüpft, und wir beeinflussen durch unsere heutigen Entscheidungen die Zukunft. Man könnte also sagen: Die Zukunft beginnt jetzt, und sie wird zumindest teilweise so, wie wir sie uns vorstellen! Das sollten wir uns immer bewusst machen.
Damit sind wir bei einem Ihrer größten Kritikpunkte: dem Zukunftspessimismus der Menschen. Aber ist diese Angst angesichts Eurokrise und Klimawandel nicht berechtigt? HORX: Angst ist für den, der sie hat, immer berechtigt. Wogegen ich mich richte, ist die leichtfertige Art, mit der manche Medien und "Experten" mit den Ängsten der Bevölkerung spielen. Angst wird im Sinne der Einschaltquote funktionalisiert. Es geht um die rare Ressource Aufmerksamkeit, um die alle Medien verzweifelt kämpfen, und diese Aufmerksamkeit bekommt man am Besten, indem man auf öffentlicher Bühne die extremste Meinung, die schrillste These, den tollsten Untergang vertritt. Das bleibt nicht ohne Folgen. Wenn irgendwann alle Leute glauben, dass "Europa am Ende ist" und "das Geld nichts mehr wert", dann bricht unsere Zivilisation tatsächlich zusammen: self-fulfilling prophecy.
Aber profitieren Menschen wie Sie nicht auch von diesem Zukunftspessimismus? HORX: Wenn immer weniger Menschen an die Zukunft glauben, ist das nicht gerade gut für die Zukunftsforschung. Wir werden nicht mehr nach dem gefragt, was wir tatsächlich beantworten können, nämlich wie man Zukunft gestalten kann. Sondern nur noch: Wann geht der Wohlstand in die Brüche? Sollte man Konserven im Keller horten oder Gold kaufen? Das ist blöde, nicht produktiv.
Okay, denken wir positiv. Nennen Sie doch mal drei gute Gründe, sich auf 2012 zu freuen. HORX: Dass es immer weniger Diktatoren gibt. Dass im März die Blumen wieder sprießen. Und dass endlich das hysterische Gejammer aufhört – aber dieser Wunsch ist wohl zu viel verlangt.
Warum fällt es uns denn so schwer, im Hier und Jetzt zu leben, ohne uns ständig Gedanken über das "morgen" zu machen? HORX: Wir sind als menschliche Spezies vor 250.000 Jahren von der Evolution "konstruiert" worden. Damals war die Umwelt extrem gefährlich. Dort überlebten die Nervösen, Überreizten, die Paranoiden am besten. Diese Angewohnheit haben wir bis in die moderne, komfortable Zivilisation beibehalten, und das macht uns jetzt Probleme, weil es uns zunehmend in Konfusion und Angst-Depression stürzt. Das ist aber vor allem ein deutsches Problem. Unsere Großeltern haben ja tatsächlich einen traumatischen Zivilisationszusammenbruch erlebt. Faschismus, Weltkrieg, Hyperinflation. Tief in unserer Seele fürchten wir, dass das wiederkommt. Dass wir unseren Wohlstand nicht "verdient" haben und deshalb durch Armut und Elend "bestraft" werden.
Sind wir Deutsche zu bequem und zu abhängig von diesem Wohlstand?HORX: Wir neigen in Krisen zu politisch primitiven Weltbildern, die sich historisch überholt haben sollten: Wenn wir den Reichen Kohle abnehmen und die Banken verstaatlichen, dann wird alles prima und Armut abgeschafft. Das ist eine soziale Kuschel-Phantasie. Aber auf diese Weise wird die Staatsverschuldung gleich wieder steigen! Wir sollten uns lieber überlegen, wie wir effektivere soziale Netzwerke bauen, neue gesellschaftliche Kooperationen gestalten, in denen auch die Zivilgesellschaft und der Einzelne einen Veränderungsanteil hat. Wir brauchen eine Kultur der Emanzipation, ein schlaueres Sozialsystem, eine Vision für eine Gesellschaft jenseits des starken Wachstums, in dem Bildung eine viel größere Rolle spielt, nicht nur Umverteilung.
Sie haben mal gesagt, Zukunftsforschung bedeute, Klischees darüber, wie die Welt ist, auf den Kopf zu stellen. Welche Klischees sind das? HORX: Zum Beispiel in dem, dass früher alles besser war. Es haben noch nie so viele Menschen in Sicherheit und Wohlstand gelebt wie heute. Das gilt zunehmend auch für andere Regionen des Planeten. Wir haben einen unglaublichen Reichtum – nicht nur in den Supermärkten, sondern auch in den Museen und Theatern. Das Problem ist unsere egozentrische Jammerkultur. Ich finde das oft nur undankbar und unverschämt gegenüber Menschen, die wirklich ums Nötigste kämpfen müssen.
Zurück zu den Maya. Viele Menschen interpretieren diese Vorhersage nicht als Ende der Welt, sondern als Ende der Welt wie wir sie kennen. Steckt unsere Gesellschaft in einem extremen Wandelprozess? HORX: Steckte sie das nicht immer? Was haben denn unsere Großeltern erlebt, oder die Menschen, die um 1900 mit der Erfindung des Telefons, des Flugzeugs, des Autos, der Elektrizität, des Funks und Radios in einer Generation konfrontiert wurden? Wann ging es denn ruhig und konstant zu? In der Nachkriegszeit, als sich die Supermächte im Kalten Krieg gefährlich gegenüberstanden? Im Mittelalter? In der Steinzeit? Menschliches Leben ist immer Umbruch, und immer behaupten die Leute, dass es noch nie so schlimm war wie heute! Wir nennen das die "Besondere-Gegenwarts-Eitelkeit". Ein uraltes Phänomen.