Dunkel hängen die Wolken am Himmel, die Luft ist wie elektrisiert. In der Ferne zucken Blitze, das Grollen des Donners rückt näher. Dann: ein Knall. Funken fliegen, es riecht nach Schwefel. Irgendwo in der Nähe von Bonn hat der Blitz in ein Trafohaus eingeschlagen. Für Sven Plöger ein Geschenk des Himmels.
Neun Jahre war er damals alt und beobachtete mit glänzenden Augen, was da passierte. Er war aufgeregt, begeistert, spürte eine besondere Magie: "Das war meine Initialzündung", sagt er heute über diesen erleuchtenden Moment. "Da habe ich beschlossen, dass ich später was mit Wetter machen will."
Seinen Plan verfolgte er akribisch, setzte eine Experimentierreihe in der Schule, in der die Schüler Regenwasser sammeln und die Menge als Kurve auf Millimeterpapier übertragen sollten, auf eigene Faust fort. "Meine Eltern waren kurzfristig etwas besorgt über die Entwicklung ihres Kindes", sagt er und lacht. "Aber ich hatte Spaß daran." Genauso wie Jahre später an seinem Meteorologie-Studium in Köln.
Leiden lindern
Normalerweise hat Sven Plöger keine Probleme, die richtigen Worte zu finden. Und doch gibt es Situationen, in denen auch er danach sucht. Etwa wenn es um das Kinderhospiz in Bethel geht, das im Frühjahr eröffnet und dessen Pate er ist.
"Es gibt keine Worte für das Leid in Familien, in denen ein Kind stirbt", sagt er. "Ich weiß, dass in Bethel alles getan wird, um ihnen diese erdrückende Last erträglicher zu machen. Das möchte ich unterstützen."
Dass Bethel die richtige Adresse dafür ist, weiß er, weil er als Kind oft zu Besuch in Bielefeld war. "Die Familie meiner Mutter lebt in der Region. Ich war oft da und habe früh gelernt, was für eine großartige Einrichtung Bethel ist. Das Hospiz ist für mich nun die Möglichkeit, mich dort selbst zu engagieren."
Wetter-Schau mit vollem Körpereinsatz
Heute ist Sven Plöger einer der beliebtesten Wetter-Moderatoren – in Bremen wurde er im vergangenen Jahr sogar als der beste Deutschlands ausgezeichnet. Und er ist der Künstler unter ihnen, inszeniert er seine Wetter-Schau doch mit vollem Körpereinsatz: Er schwenkt die Arme, dreht den Oberkörper, beugt die Knie und richtet sich wieder auf. So dynamisch wie manche Wolke in seinen Strömungsfilmen. Und wer genau hinschaut, sieht, dass seine Augen dabei noch immer leuchten wie die des Neunjährigen damals in Bonn – das Wetter ist eben seine Leidenschaft.
Wenn der 44-Jährige über Cirrocumulus, Altocumulus oder Cumulonimbus spricht, schwingt Begeisterung in seiner Stimme mit – und wenn er dann erzählt, dass er in seinem Büro im Schweizer Unternehmen Meteomedia auf 1.151 Meter Höhe oft genau in den Wolken hockt, über die er uns berichtet, klingt er beinahe glücklich: Berge sind für ihn "wettermäßig total spannend. Die Luftmassen müssen sich viel überlegen, wenn sie hier hochmöchten", erzählt er im typischen Plöger-Slang, der einen gleich mit auf Wolkenreise nimmt. "Sie müssen durch Täler, über Hügel, werden aufgewärmt, abgekühlt, nehmen mordsmäßig Fahrt auf. Da ist irre viel los. Und wenn sich dann noch der Luftdruck verändert, freut der Meteorologe sich." Und der Privatmann Plöger auch.Denn in seiner Freizeit lässt er sich gerne von ebendiesen Luftmassen tragen: Dann rauscht er gemeinsam mit seiner Frau mit dem Gleitschirm durch die Schweizer Berglandschaft, betrachtet die Welt von oben und merkt, "wie klein wir doch alle sind. Das bringt mich übertragen immer wieder runter. Von da oben ist nicht nur unsere Welt eine Miniaturlandschaft. Auch die Probleme, die mir eben noch gigantisch groß erschienen, werden plötzlich ganz klein. Es ist dieser Perspektivenwechsel, der vieles erledigt."
Warnung vor dem Klimawandel - aber nicht mit erhobenem Zeigefinger
Und doch gibt es da etwas, was Sven Plöger nicht einfach kleinfliegen kann. Etwas, was ihn so sehr beschäftigt, dass er vor kurzem sogar ein Buch darüber geschrieben hat: den Klimawandel ("Gute Aussichten für morgen", Westend Verlag). Ein Thema, über das er genauso leidenschaftlich spricht wie über die unterschiedlichen Wetterphänomene – allerdings mit viel mehr Ernst in der Stimme. Dafür aber ohne erhobenen Zeigefinger: "Ich möchte mich nicht hinstellen und den Menschen zum x-ten Mal sagen, dass sie beim Kochen den Deckel auf den Topf legen sollen. Das sollte inzwischen wohl jeder wissen."
Ihm geht es darum, zu erklären, was der Klimawandel überhaupt ist. "Es gibt so viele Begriffe, die im Zusammenhang damit umherschwirren, mit denen kein Mensch etwas anfangen kann", sagt er. "Klima-Katastrophe" zum Beispiel ist so ein Wort, das der Wetterforscher gar nicht mag. "Das ist reine Panikmache", sagt er. "Dieses Wort motiviert doch niemanden dazu, verantwortlich zu handeln – wer es wieder und wieder hört, macht irgendwann doch dicht und ignoriert das Thema." Darum möchte er aufklären. Denn nur mit Wissen, meint er, sind wir in der Lage, unsere Erde zu schützen.
"Das Klima auf unserem Planeten hat sich immer schon geändert, aber die Veränderungen passieren derzeit global gesehen schneller als jemals zuvor in den vergangenen zwei Millionen Jahren – zumindest soweit man es heute weiß", sagt Sven Plöger. "Das lässt sich anhand vieler Messdaten und Forschungsergebnisse, wie zum Beispiel Eisbohrungen belegen. Die globale Mitteltemperatur der Erde ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, die Ozeane sind durch vermehrten CO2-Ausstoß übersäuert, und seit 2008 hat die Unwetter-Häufigkeit auf unserem Planeten nicht nur ,gefühlt’, sondern auch statistisch nachweisbar zugenommen."
Umweltpolitik auf falschem Kurs
Sven Plöger atmet tief durch. So, als würde er sich in diesem Moment am liebsten wieder auf den Weg mit dem Gleitschirm in die Wolken machen. Dann sagt er: "Es ist nur so, dass von all diesen Veränderungen bei uns in Deutschland kaum etwas zu merken ist. Darum fühlt sich auch kaum jemand verpflichtet, etwas dagegen zu tun. Der Mensch neigt ja dazu, erst zu handeln, wenn er unmittelbar betroffen ist."
In Äthiopien zum Beispiel spüren die Menschen den Klimawandel unmittelbar: Sie haben noch weniger Regen als sowieso, dafür Dürre, nichts zu essen. "Das wird bei uns natürlich nicht so schnell passieren", sagt Sven Plöger, "und drum hat der Klimaschutz bei uns auch einen geringeren Stellenwert als andere Probleme, die uns kurzfristiger und damit unmittelbarer beschäftigen – so wie etwa die Euro- und die Schuldenkrise. Um einen Erfolg beim Klimaschutz bei der Masse der Bevölkerung zu erzielen, können wir kaum auf kollektiven Idealismus bauen. Deswegen spielt unser Geldbeutel eine große Rolle. Was die Umwelt belastet, muss teurer sein als das, was sie schont. Oder anders ausgedrückt: Es darf nicht sein, dass der, der die Umwelt verschmutzt, damit am meisten Geld verdienen kann. Hier ist ganz großes Umdenken gefragt."
Dass es dafür keineswegs zu spät ist, sagt er mit dem Titel seines Buches: "Gute Aussichten für morgen" soll zeigen, dass es weitergeht. "Aber", betont er fast streng, "wir müssen etwas ändern." Wie das gehen soll? "Ganz einfach", sagt Plöger: "Wählen gehen. Mit einem Kreuzchen den Kurs der Politik bestimmen." Denn der, meint Sven Plöger, stimmt ganz und gar nicht. "Wie kann es sein, dass sich wiederholt zig Entscheidungsträger zum Klimagipfel treffen – und am Ende kaum mehr dabei herauskommt als ein Geschachere um die größten Verschmutzungsrechte?"
Er fragt, warum bei solchen Treffen keine Gesetze verabschiedet werden. Warum es auf deutschen Autobahnen kein generelles Tempolimit gibt. Warum Atomstrom billiger ist als Strom aus Wind und Wasser. "Man kann nicht von jedem einzelnen Menschen erwarten, dass er vernünftig und umweltbewusst lebt. Aber wir brauchen vernünftige Rahmenbedingungen, an die wir uns halten müssen. Gute Vorgaben. Und die müssen Politik und Wirtschaft liefern."