Natürlich sind die Eltern nicht begeistert, als ihnen der Sohn ein halbes Jahr vor dem Abitur freudestrahlend offenbart, dass er Clown werden möchte. Auf ein bürgerliches Leben hat der damals 18-Jährige nämlich keine Lust. Zu stark ist der Drang, auf der Bühne zu stehen, sich auszudrücken, etwas Besonderes zu erschaffen. Dass Raoul Schoregge später einmal Visionär und Gefühlsproduzent, ja sogar Botschafter der chinesischen Kultur sein wird, ahnt zu diesem Zeitpunkt freilich noch niemand.
Jetzt, im Dezember 2011, mehr als 25 Jahre später, sitzt der 44-Jährige an einem alten Holztisch in der Ecke einer leerstehenden Lagerhalle in der Nähe von Hamm. Der Raum ist in buntes Licht getaucht, samtene Vorhänge verdecken das graue Industrieflair, laute Musik ist zu hören. Chinesen in bunten Gewändern wuseln umher, und in der Mitte der Halle balanciert gerade einer von ihnen mit einer Vase auf dem Kopf. Die letzten Vorbereitungen für die neue Show des Chinesischen Nationalcircus laufen, und Schoregge ist nervös. "Das Publikum erwartet eine Steigerung zu den vorherigen Produktionen", sagt er, und manchmal hat er Zweifel, ob das überhaupt noch möglich ist. Bisher ist es ihm jedes Mal gelungen.
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Eine Reise zwischen Orient und Okzident
Chinas beste Artisten werden auch bei der aktuellen Produktion "Seidenstraße – Akrobatik am Puls der Menschheit" ihr Können unter Beweis stellen. Der Titel wurde im "China Kulturjahr 2012" übrigens nicht zufällig gewählt: Der alte Handelsweg Seidenstraße galt früher als Verbindung zwischen Orient und Oxident.
Der Chinesische Nationalcircus nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise über diesen Karawanenstrom ins Reich der Mitte und bietet, ummantelt von Weltklasse-Akrobatik, die Sicht auf unbekannte Kulturen des Fernen Ostens. Produzent Schoregge sieht sich als "Mittler zwischen den Kulturen und den Nationalcircus als Brücke zwischen den Menschen".
Doch nicht nur das Programm, auch das musikalische Konzept wurden an das Kulturjahr angepasst: Mit dem selbst ernannten "Teufelsgeiger" Mani Neumann und seiner Band "farfarello" gibt es einen geigenlastigen West-Ost-Musik-Mix. Termine in der Region: 22. Januar, 16 Uhr: Stadthalle Gütersloh; 23. Februar, 20 Uhr: Paderhalle, Paderborn; 10. März, 19 Uhr: Halle; 12. April, 20 Uhr: Stadthalle Lübbecke.
Eigentlich ist sein Weg zum kreativen Kopf einer Produktion vorherbestimmt. Die Eltern – die Mutter ist Biologie- und Deutschlehrerin, der in Halle/Westfalen geborene Vater ein bekannter Kunstmaler – nehmen den kleinen Raoul mit zu Tanzvorführungen von Pina Bausch, sonntags geht man ins Museum. In seiner Jugendzeit ist er dann schon "showmäßig drauf": Regelmäßig tobt er sich als Punk auf den Tanzflächen der Diskos seiner münsterländischen Heimat aus, nimmt Pantomimenunterricht und spielt semiprofessionell nach der mittleren Reife in einer Theatergruppe.
Mit 18 Jahren vom Zirkus begeistert
Als er 18 Jahre alt ist, kommt in den Sommerferien ein kleiner Zirkus in die Stadt, und Schoregge ist begeistert. Drei Wochen reist er mit, und als er das Angebot bekommt, bei der bekannten spanischen Clownfamilie Alexis die Feinheiten der Clownerie zu erlernen, ist die wohl wichtigste Entscheidung seines Lebens gefallen. Er lernt, sich zu schminken, tritt in den "hintersten Ecken" Spaniens bei sengender Hitze und manchmal vor fünf Zuschauern auf.
Fast zehn Jahre tourt Raoul Schoregge, der mittlerweile Clown "Correggio" heißt, durch Manegen, drei Jahre lang hat er ein festes Engagement im Circus Krone, vor einigen Jahren war er als Clown in der TV-Serie "Im Angesicht des Verbrechens" zu sehen. Ganz lassen will er es mit der Spaßmacherei noch immer nicht: In der aktuellen Produktion "Seidenstraße" wird er neben einem chinesischen Clown auf der Bühne stehen.
Schon 1989 kommt der Münsterländer erstmals mit dem Chinesischen Nationalcircus in Berührung. Damals ist er noch eine Produktion des Österreichers André Heller. Beide arbeiten zusammen, doch "nicht auf Augenhöhe, sondern eher als Heller und sein Wasserträger", wie er sagt. Das damalige Konzept geht nicht auf, Heller zieht sich aus der Produktion zurück. Schoregge versucht sich in den 90er Jahren nebenbei auch als PR- und Marketingmanager für Künstler wie Julio Iglesias, Vanessa Mae, Nigel Kennedy oder die Band Scorpions. Vom Gefühlsproduzenten als Clown hin zum Produzenten einer Show ist es nicht mehr weit.
Viel Lob vom chinesischen Kulturministerium
Weil der Kontakt zu den Chinesen nie ganz abreist, übernimmt er im Jahr 2000 das erste Mal eine Produktion. Seitdem versucht sich der Nationalcircus, der laut Schor-egge übrigens eher als "Qualitätssiegel statt als festes Ensemble" zu verstehen ist, regelmäßig selbst zu übertreffen. Menschenpyramiden, Schlangenmenschen, die scheinbare Aufhebung physikalischer Gesetzmäßigkeiten – der Deutsche hat eines der Aushängeschilder Chinas revolutioniert. Gleich am Anfang ändert er Musik und Kostüme, befiehlt den asiatischen "Zirkus-Soldaten", auf der Bühne zu lachen. "Wenn wir das länger machen wollen, muss mehr Herzblut rein", sagt er damals den Verantwortlichen in China.
Die Rechnung geht auf, es gelingt, die Kunst der Harmonie zwischen Körper, Geist und Seele erlebbar zu machen, was selbst das chinesische Kulturministerium begeistert und was auch noch wirtschaftlich erfolgreich ist. Dank buddhistischer Ansätze und dem Verständnis für die chinesische Kultur, dem familiären Umgang in der Truppe und aufgrund der Freiräume für die Künstler entwickeln sich "seine" Artisten weiter und tragen ihre Nummern augenscheinlich mit einer neuen Individualität, Leichtigkeit und Freude vor. Wohl nicht ohne Grund ist er eine Art Vaterfigur, die meisten der etwa 30 Artisten nennen ihn "Papa".
Mehrere Male im Jahr bereist der Produzent einige der mehr als 1.000 Zirkusschulen im Reich der Mitte, um Nachwuchs zu rekrutieren. Schon Sechsjährige werden dort gedrillt, um im Alter zwischen 16 und 30 Jahren auf der Bühne zu stehen. "Das mag Kritik hervorrufen", gibt er zu. "Doch in China versteht man das eher als Generationenvertrag", wiegelt Schoregge ab. Anders als in Europa sei Zirkus dort eine Hochkultur, vergleichbar mit Ballett oder Oper bei uns.
Zirkustradition mit Humor und Tanz angereichert
Gemeinsam mit seiner Choreografin Sun Quing Quing, seinem Produzenten David Mc Cracken und seiner zweiten Ehefrau Nadine, mit der er einen neun Jahre alten Sohn und eine sechs Jahre alte Tochter hat, reichert Schoregge die 2.000 Jahre alte chinesische Zirkustradition mit europäischen Zutaten wie Humor und Tanz an. In 160 Städten in Europa tritt diese Produktion jedes Jahr auf und versucht immer wieder, mit Themen wie "Konfuzius", "Toa" oder "Im Zeichen des Panda" eine anregende, unterhaltsame und poetische Geschichte zu erzählen, die den Europäern das vielfach immer noch unbekannte Reich der Mitte ein wenig näher bringen soll.
Das Jahr 2012 ist für den Chinesischen Nationalcircus ein besonderes. Ende Januar wird das "Chinesische Kulturjahr 2012" in Deutschland eröffnet und Schoregge ist mit "seinem" Zirkus der einzige chinesische Vertreter für darstellende Kunst und Akrobatik – und das, obwohl er nicht einmal chinesisch spricht.
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Kommentare
neumann schrieb am 21.01.2012 12:49 Uhr
der Name Schoregge ist nicht sehr gewöhnlich mein Geburtsname ist auch Schoregge ich bin geboren in Markendorf Melle gibt es da vielleicht eine Verbindung
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mein Geburtsname ist auch Schoregge
ich bin geboren in Markendorf Melle
gibt es da vielleicht eine Verbindung