Mit einem Surren öffnet sich die Tür des Besuchereingangs. Hinter der Panzerglasscheibe des Empfangs sitzt ein kräftiger Mann in hellgrüner Uniform. "Ja, bitte?", ertönt seine knarzende Stimme aus dem Lautsprecher. "Wir haben einen Termin mit Herrn Bausch." Die ernste Miene des Mannes erhellt sich. "Mit dem Schauspieler oder mit dem Arzt?", fragt er und lacht über seine Bemerkung, die so schnell kam, dass er sie vermutlich nicht zum ersten Mal gemacht hat. Ohne eine Antwort abzuwarten, nimmt er den Telefonhörer zur Hand.
Wenig später ist er da. In eng anliegender Jeans mit breitem Ledergürtel, rotkariertem Hemd und derben Cowboyboots steht der 1,90-Meter-Mann mit der markanten Glatze und dem drahtigen Schnäuzer hinter der Panzerglastür, die zum Personaltrakt der Justizvollzugsanstalt Werl führt, und winkt. "Willkommen im Knast", sagt er trocken mit einer Stimme, die klingt, als würde er täglich mit Whiskey gurgeln.
Info
LEBEN: AUF DER BÜHNE UND HINTER DEN GITTERN
Joe Bausch wurde am 19. April 1953 als Bauernsohn im Westerwald geboren. Die Schauspielerei begann er Anfang der 80er Jahre als Mitglied der skandalträchtigen Theatergruppe "Theaterpathologisches Institut". Aufgrund seiner markanten "Fresse, die nicht jeder hat", so Bausch selbst, spielt er oft Bösewichte oder gebrochene Persönlichkeiten.
Bausch selbst musste einmal 21 Tage bei der Bundeswehr einsitzen, weil er "ein bisschen renitent und ungehorsam war". Dass er durch seine Popularität die Möglichkeit hat, den Menschen zu zeigen, wie das Leben hinter Gittern aussieht, wird von Kollegen und Insassen meist positiv aufgenommen. Anfang März erscheint im Ullstein-Verlag sein Buch "Knast", in dem er Geschichten aus 25 Jahren Arbeit erzählt. Auf dem Foto sitzt er in einem der Höfe der JVA Werl.
Seit 30 Jahren steht Bausch auf der Bühne. Seit 28 Jahren ist er Arzt. Weil er nach einem "totlangweiligen" Theaterwissenschaftsstudium und einem kurzen Exkurs in die Rechtswissenschaften das Bedürfnis nach einem Beruf hatte, "in dem ich Verantwortung unmittelbar für andere übernehme". Ein bisschen auch für seine Eltern, denen zu Liebe er mehr Ordnung in sein Leben bringen wollte.
41 Stunden Dienst pro Woche
41 Stunden pro Woche ist er heute Dr. Joseph Bausch-Hölterhoff, Regierungsmedizinaldirektor und Anstaltsarzt in der JVA Werl. Am Wochenende und an freien Tagen ist er Dr. Joseph Roth, Pathologe im Kölner "Tatort", zieht als "Meine beste Freundin Joe" (WDR) mit Frauencliquen um die Häuser oder schlüpft im Fernsehfilm "Rommel", der diesen Herbst im SWR ausgestrahlt wird, in eine Wehrmachts-Uniform. Einfach zu arrangieren ist das nicht immer. "Wenn man das in dieser Größenordnung betreibt, wie ich es in den letzten zwei Jahren gemacht habe, dann kommt man wirklich an seine Grenzen", gesteht Bausch.
Auch im Knast geht es nicht weiter. Der Weg über das 13 Hektar große Gelände ist alle paar Meter von schweren Eisentoren oder Panzertüren versperrt. Bausch öffnet sie mit einem überdimensional großen Schlüssel, geht als Letzter durch, verriegelt sie wieder. Vorbei an der Anstaltsschreinerei und der Sicherungsverwahrung, am separaten Hof für die besonders aggressiven Gefangenen entlang, über den Sportplatz mit Fußballfeld, durch die drei Hafthäuser hindurch bis zur Krankenstation, die am Ende eines der Häuser liegt.In Werl sitzen die harten Fälle ein: Mörder, Räuber, Vergewaltiger, Kinderschänder, viele von ihnen 20 Jahre oder länger. Rund 900 verurteilte Verbrecher, für deren Gesundheit und körperliches Wohlergehen Bausch zuständig ist.
Strafenregister der Häftlinge interessiert Bausch nicht
Ein älterer Mann, begleitet von einem der grün gekleideten Beamten, kommt aus einem der Sprechzimmer. "Heute ist der Augenarzt da", erklärt Bausch. Als der Mann ihn sieht, lächelt er. "Hey Doc", ruft er, nickt freundlich. "Na, Guiseppe (Name geändert), alles klar? Oder bist du krank?", fragt Bausch im Vorbeigehen. "Nee, nee, ich brauchte nur eine neue Brille. Das Alter . . .", sagt der Gefangene und seufzt.
Was sein Gegenüber auf dem Kerbholz hat, interessiert den Arzt nicht. Weiß er es doch, versucht er, es auszublenden. "Entscheidend ist, wie er mir gegenübertritt. Wenn er höflich und freundlich ist, dann erlebt er auch jemanden, der höflich und freundlich ist. Und wenn er sich benimmt wie eine offene Hose, dann fliegt er raus, fertig." Bausch schließt die Tür zu seinem Sprechzimmer, zündet sich eine Zigarette an. Die erste seit gut eineinhalb Stunden Knastführung. Nach ein paar tiefen Zügen steht er auf. "Kommt, wir unterhalten uns drüben weiter", sagt er. "Da ist es netter."
Drüben ist sein Zuhause. Direkt neben den Gefängnismauern steht das 100 Jahre alte Haus, das sich der Anstaltsarzt mit dem Geistlichen teilt. Die Wohnung im ersten Stock ist lichtdurchflutet. An den farbigen Wänden hängen großformatige Bilder, von Bausch selbst gemalt. Das Küchenfenster ist auf einer Höhe mit den Wachtürmen, die rund um die Uhr besetzt sind. Durch die großen Wohnzimmerfenster ist nur Land zu sehen. "Knast ist eng. Wenn du dann nach Hause kommt, dann willst du einfach weit gucken und Platz haben, einfach ,Room to Move’. Da hat mal John Mayall einen wunderbaren Titel geschrieben", sagt er und zündet sich die nächste Zigarette an.
Morddrohung per Telefon: "Wir kriegen dich"
Als Bausch vor 25 Jahren im Gefängnis anfing, wäre ihm die Nähe zu viel gewesen. Die Umstellung von der Privatklinik, in der er zuvor "Bundesliga-Fußballern und deren Frauen schöne Beine" gemacht hatte, war ohnehin groß. In Werl stand er vor ganz anderen Problemen: vor Patienten mit HIV und Hepatitis, vor schweren Jungs mit dicken Platzwunden, weil die einander "aufs Maul gehauen haben".
Eine Zeitlang erhielt Bausch, dessen Tochter damals gerade im Kindergartenalter war, Morddrohungen. "Da klingelt ein Telefon, du gehst dran und hörst dann: ,Wir kriegen dich, wir wissen, wo du wohnst.’ Da war mir dann auch irgendwann klar, ich kann auch hier wohnen. Hier wird wenigstens geguckt."
Von seiner Frau und seiner Tochter (22) lebt er heute getrennt. Auch andere Beziehungen scheiterten. "Das muss erst mal jemand aushalten, wenn man so viel unterwegs ist. Und man muss es selber aushalten", sagt er. Nächste Zigarette, der Blick geht aus dem Fenster. Die Wintersonne blendet, Bausch zieht die kahle Stirn in Falten. "Da kommt es immer drauf an, wie man sich Privatleben vorstellt."
Etwas aufzugeben kommt für den 58-Jährigen nicht in Frage. Dinge irgendwann anders zu gewichten, schon. Als Arzt würde er vielleicht für längere Zeit nach Afghanistan gehen, um dort zu erklären, was Hygiene bedeutet. Das hat er schon einmal gemacht. Als Schauspieler würde er vielleicht einfach mal wieder ein Jahr lang nur Theater machen. Aber erst, wenn er raus ist aus dem Knast.
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