Borneo, 1972. Mitten im Dschungel bringt eine junge Frau ihr erstes Baby auf die Welt. Gemeinsam mit ihrem Mann ist die Deutsche auf die indonesische Insel ausgewandert, um dort in einem Hilfsprogramm junge Orang-Utans großzuziehen. In der ganzen Aufregung vergessen die Eltern, sich das Geburtsdatum ihres ersten Kindes zu merken. Eine Urkunde erhält das Neugeborene erst bei der Rückkehr nach Deutschland. Und so kommt es, dass Moderator Ralph Caspers bis heute nicht weiß, ob er wirklich am 18. Januar geboren wurde.
Ob diese Geschichte stimmt, lässt sich nicht überprüfen. Erzählt werden muss sie dennoch. Zum einen, weil sie zu gut ist, um sie zu verschweigen. Zum anderen, weil sie Aufschluss gibt über den Menschen, der sie erst verbreitete und später mit sichtlichem Vergnügen als "Quatsch" widerrief: Ralph Caspers selbst.
Auch in diesem Gespräch, zu dem der Moderator in sein Büro am hübschen Rathenauplatz in Köln geladen hat, wird die Wahrheit nicht herauskommen. Caspers sieht genauso aus wie im Fernsehen: brauner Kurzhaarschnitt, lässige Klamotten, große schwarze Kastenbrille. Damit passt er gut zur Retro-Tapete in seinem Büro. Doch zurück zu dieser Borneo-Sache. "Meine Mutter spricht nicht mehr davon", ist der gelassene Kommentar zur Frage. "Sie meinte mal: Darüber redet sie nur noch mit ihrem Therapeuten. Was immer das zu bedeuten hat."
STATIONEN EINES ENTDECKERS
Schule: "Ich mochte am liebsten Deutsch und Englisch. Diese typischen Laberfächer eben. Da konnte man alles sagen, solange man es gut begründen konnte. Ich war sehr gut darin."
Zivildienst: "Ich wollte nicht im Dreck herumrobben, und mir war klar: Wenn ich zur Bundeswehr gehe, wird es darauf hinauslaufen. Außerdem wollte ich keine Waffen in die Hand nehmen."
Fernsehen: " Im Studio zu sein ist total langweilig. Man sitzt die ganze Zeit rum und wartet, dass alle fertig sind. Und wenn alle fertig sind, dann macht man wieder fünf Minuten was, und dann sitzt man wieder eine Stunde rum."
Zukunft: "Ich könnte mir vorstellen, einen Sandwichladen zu eröffnen. Hier in Köln. Oder woanders."
"Die Wahrheit ist oft langweilig, es kommt auf die Verpackung an"
Dabei sei es belassen – denn dass es dem 40-Jährigen durchaus Spaß macht, seine Mitmenschen an der Nase herumzuführen, hat er bereits an anderer Stelle zugegeben. "Die Wahrheit ist oft langweilig. Es kommt immer auf die Verpackung an", hat er mal in einem Interview zu der Geburts-Geschichte gesagt.
Vielleicht braucht es diese Einstellung, um so erfolgreich (Kinder)Fernsehen zu machen, wie Caspers es macht. Mit seiner einmaligen und anschaulichen Art, Wissen unters Volk zu bringen, hat der Moderator es bis zum Olymp des Kinderfernsehens geschafft: An der Seite der Ikonen Armin Maiwald und Christoph Biemann moderiert er seit Jahren "Die Sendung mit der Maus".
Aber auch ohne das berühmte Zugpferd "Maus" ist der Mann erfolgreich: Seine Familiensendung "Wissen macht Ah" hat Kultcharakter. Das liegt vor allem daran, dass der Moderator seinem Namen hier alle Ehre macht: Während Co-Moderatorin Shary Reeves erklärt, was Farbenblindheit ist oder warum Glas zerbricht, kaspert ihr Kollege sich mit kleinen Experimenten durch die Sendung, inhaliert Helium oder baut die Cheops-Pyramide nach. Die Kleinen lieben, dass er dabei für jeden Quatsch zu haben ist, plötzlich einen Purzelbaum schlägt oder in der Nase popelt, wenn es dem Verständnis dient. Die Großen lachen über Caspers trockenen, ironischen Humor, die Fähigkeit, nichts ernst zu nehmen, auch sich selbst nicht.
Verschmitztes Lächeln - aber kaum Auskunft
Was im Fernsehen so lustig rüberkommt, kann in der Realität allerdings schon mal zum Problem werden – zumindest für denjenigen, der ein paar wirklich verwertbare Antworten von Ralph Caspers haben möchte. Zum einen gibt er zu seinem Privatleben grundsätzlich keine Auskunft. Zum anderen ist es bisweilen etwas schwierig, den Auskünften, die man bekommt, Glauben zu schenken.Das liegt nicht nur daran, dass man die Borneo-Geschichte im Kopf hat, sondern an den Antworten selbst. Zum Beispiel würde man sich doch vorstellen, dass jemand, der so tolle Fernsehformate macht, sich bewusst dafür entschieden hat. Eine Vision oder eine Mission oder sonst etwas Schönes, pädagogisch Wertvolles vor Augen hat. Aber nö. Der Mann, der selbst drei Kinder hat, sagt dazu nur: "Das einzige, was ich von Pädagogik weiß, ist, was John Locke mal behauptet hat: ,Es kann nicht schaden, Kinder auch im Winter mal im T-Shirt draußen rumlaufen lassen.’" Spricht’s, faltet die Hände über dem Bauch und lächelt sein Gegenüber seelenruhig und freundlich an.
Dieses Lächeln ist eigentlich kein Gesichtsausdruck, sondern eine Wunderwaffe. Es ist gerade so verbindlich, dass man sich einbilden kann, Caspers meine, was er sagt, und gleichzeitig so verschmitzt, dass völlig klar wird, dass dem nicht so ist. Oder vielleicht doch? Ausgestattet mit dieser Wunderwaffe jedenfalls wird der Mann, der den Dingen so gern auf den Grund geht, selbst ziemlich unergründlich. Und das gefällt ihm sichtlich.
Geboren im Dschungel
Die folgenden Angaben sind deshalb ohne Gewähr: Ralph Caspers wird also irgendwann, offiziell aber am 18. Januar 1972 auf Borneo geboren. Weil die Schwester, die ihm folgt, nicht auch im Dschungel auf die Welt kommen soll, gehen die Eltern nach Deutschland zurück. Was der Vater beruflich macht, ist so geheim, dass Caspers nicht darüber sprechen kann. Klar ist nur, dass die Familie in den folgenden Jahren oft umzieht und der kleine Ralph deshalb unter anderem in Caracas und Alaska lebt. "Das war eine ziemlich kalte Zeit. Aber es war auch schön, weil wir viele Hunde hatten."
Nach seinem Abitur, das Caspers wieder in Deutschland ablegt, Ferienjobs im Schlachthof und in der Pathologie und einem Zivildienst in der Schwerstbehindertenbetreuung landet er schließlich an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Schnell wird klar: Der junge Ralph verfügt über viel Fantasie und ist deshalb prädestiniert für die Entwicklung von Fernsehformaten. Das tut er zunächst aber nur hinter der Kamera: Für die Quizshow "Geh aufs Ganze" denkt er sich die Spiele aus. Ein Jahr später jedoch moderiert er bereits seine eigene Sendung für Super RTL: "Muuh, das Tiermagazin." Dem Kinderfernsehen ist er seither treu geblieben.
Vielleicht liegt es an dieser Thematik, dass Caspers sich mitten im Gespräch doch noch zur Ernsthaftigkeit entschließt. Denn nun geht es um den Kern seiner Arbeit, um Wissen sammeln und Zusammenhänge zeigen. Plötzlich springt er auf, holt einen schwarzen Gegenstand, der zwischen Bücherstapeln und Zeitschriften auf seinem Schreibtisch liegt. Es ist ein Stativ für ein Smartphone, dessen Entwicklung der Moderator auf einer Internetseite für junge Erfinder finanziell unterstützt hat. Zum Dank hat er eins bekommen.
Mit Ehrfurcht zur ersten "Maus"-Sendung
Und während er die Erfindung vorführt und ihre Raffinessen erläutert, verschwindet der Provokateur, der Spaßvogel. Was bleibt, ist der Entdecker Caspers mit seiner großen Faszination für das Verstehen, die aus jeder seiner Sendungen strahlt und sie so lebendig macht. Trotzdem muss er selbst überlegen, was ihn an seiner Arbeit fesselt. "Mir macht es einfach Spaß, mir Sachen auszudenken, sie umzusetzen und mir später anzugucken, was daraus geworden ist. Im Grunde sind das alles Sachen, die ich selbst gern gucken würde. Das ist das Faszinierende und ein großes Glück."Und dann erzählt er von seinen Anfängen bei der Maus. Wie er voller Respekt und Ehrfurcht neben den Urgesteinen Armin und Christoph stand und ihnen bei der Arbeit zusah. "Das mit der Ehrfurcht hat sich gelegt. Aber auch heute ist es immer noch ein bisschen wie beim Meister und beim Gesellen. Weil ich immer noch ganz viel von den beiden lerne. Das ist toll."
Also nochmal zurück auf Anfang, zur Pädagogik. Plötzlich denkt sich der Kinderfernsehen-Macher nämlich doch ganz schön viel beim Kinderfernsehen-Machen. Pädagogik will er das allerdings nicht nennen. "Kinder ernst zu nehmen, hat nichts mit Pädagogik zu tun. Ich glaube, Kinder werden viel unterschätzt. Sie ernst zu nehmen, bedeutet auch, sie zu behandeln wie alle anderen und nicht wie dumme Haustiere. Und so sollte man sich nicht scheuen, auch Kinder auf den Arm zu nehmen." Bleibt nur zu hoffen, dass ihm dabei nicht irgendwann mal eine lange Nase wächst.
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