"Chey, meiner lieber guter Freunde, willkommen zu dieser verruckte Abend!" Der Mann, der diese Worte ebenso herzlich wie grammatikalisch falsch ins Publikum ruft, wird mit seiner Ankündigung der "nächster, cheißer Polka" gleich den Laden zum Kochen bringen. Zuvor muss er jedoch den Rest seiner in Schlangenledergürtel und Fuchsschwänze gekleideten Band beschimpfen. Am Schluss sitzt er zerzaust, aber gutgelaunt hinter seinem Schlagzeug und führt das Publikum routiniert durch "der Abend".
Es ist ein bisschen schade, dass es diesen Mann, Pavel Popolski heißt er, gar nicht gibt. Gern würde man sich von ihm bei dem ein oder anderen Wodka persönlich die Geschichte seiner Familie erzählen lassen. Schließlich hat sein Opa Piotrek die gesamte Popmusik erfunden, nicht weniger als 128.000 Hits. Leider hat er sie sich danach klauen lassen, und so sind es nun seine Enkel, die der Welt Opas Originalversionen vorspielen müssen.
Info
DIE POPOLSKIS IN BIELEFELD
Wer "Der Familie Popolski" live erleben möchte, hat dazu Gelegenheit am 25. Februar um 20 Uhr im Bielefelder Ringlokschuppen. "Get the polka started" heißt das neue Programm, bei dem es den Musikern gelungen ist, Hip-Hop mit Tanzmusik zu vereinen. Außerdem gibt es erstmals "Polka to go". Ein Abend, den Pavel Popolski so beschreibt: "Da geht der Post ab durch der Decke!"
Achim Hagemann wird am 8. August 1965 in Recklinghausen geboren. Schon früh lernt er Schlagzeug und Klavier spielen. Nach dem Zivildienst studiert er an der Musikhochschule Düsseldorf. Nebenbei komponiert er Nummern für die Comedy-Serie "Total normal", die er gemeinsam mit Hape Kerkeling produziert. 1994 komponiert Hagemann die Musik für die Fernsehserie "Der kleine Vampir – Neue Abenteuer", für die er den Grimme-Preis erhält.
Es ist aber auch interessant, die Geschichten von Achim Hagemann zu hören. Der hat sich diesen unglaublichen Pavel mit seiner unglaublichen Familie und seiner unglaublichen Geschichte nämlich ausgedacht. Seit zehn Jahren begeistern er und seine Musiker das Publikum mit ihren Polka-Versionen berühmter Klassiker und füllen mittlerweile ganze Stadien. Bis es so weit war, hat es allerdings gedauert. "Ich glaube, das lag am Konzept", sagt Hagemann und überlegt. "Es war bis dahin einfach nicht bekannt, dass man ein Konzert mit einem Comedy-Abend verbindet."
Seit über 20 Jahren Experte für das Schräge
Vielleicht lag es aber auch daran, dass die Nummer für den Geschmack vieler zu schräg war – aber fürs Schräge ist der Musiker Hagemann nun mal ein Experte. Seiner Feder entstammen unter anderem die berühmten Kerkeling-Klassiker "Das ganze Leben ist ein Quiz" und "Hurz". Seit über 20 Jahren komponiert und schreibt er bekannte Melodien und Texte für Film, Fernsehen und Bühne.
Dass viele mit dem Namen Achim Hagemann dennoch kein Gesicht verbinden können, liegt daran, dass er den Platz in der ersten Reihe gern anderen überlässt: Anfang der 90er wirkt er mit an der erfolgreichen Comedy-Show "Total normal" – hier ruhen alle Augen auf dem quirligen Hape Kerkeling, dem damals sein Durchbruch gelingt. Und als Frontmann der Popolskis steht der Musiker zwar im Fokus der Aufmerksamkeit – doch hier erleben die Zuschauer nur das mit künstlichem Schnäuzer, künstlichem Akzent und künstlichen Klamotten ausgestattete Alter Ego Pavel.Dass der eine mit dem anderen nicht viel gemein hat, wird schnell klar, trifft man Hagemann persönlich. An diesem klaren Wintermorgen ist die Luft in Berlin-Charlottenburg so kalt, dass alles Leben im Frost erstarrt zu sein scheint. Hagemann blickt an seiner von der Kälte geröteten Nasenspitze vorbei durch die Fenster des Cafés nach draußen und schüttelt sich kurz. "Junge, dieses Berliner Wetter hat es wirklich in sich." Erst vor fünf Wochen ist der 46-Jährige vom Rhein an die Spree gezogen. Nun muss er sich erst mal zurechtfinden. "Ich hab noch nicht mal alle Kisten ausgepackt."
Keine Parallelen zum Alter Ego auf der Bühne
Man muss sich ein bisschen vorbeugen, um ihn zu verstehen, denn Hagemann spricht sehr leise. Schüchtern oder unsicher kommt er deshalb nicht rüber, sondern gelassen und bedacht, Typ "In der Ruhe liegt die Kraft". Nachdem man ihn jahrelang nur mit angeklebtem Pavel-Schnäuzer gesehen hat, wirkt Hagemanns Lippe ohne Bart seltsam nackt. Gibt es denn überhaupt Parallelen zu seinem Bühnen-Alter-Ego? "Ich finde nicht", sagt Hagemann und lacht erstmal. "Pavel ist ein Despot, ein Choleriker, ziemlich vernagelt. Ich bin nicht so darauf erpicht, andere ständig runterzudrücken oder zu maßregeln, ich bin viel harmoniesüchtiger und halte mich gern im Hintergrund."
Deshalb hat er in der Geburtsstunde der Popolskis auch versucht, einen anderen Frontmann zu finden. Weil keiner an den Erfolg der Gruppe glaubte, gelang ihm das nicht. Vielleicht sollte es so sein, dass der Künstler, der den Hintergrund so liebt, plötzlich im Scheinwerferlicht stand und sie zum ersten Mal selbst präsentierte, seine Ideen, die so viel Aufschluss geben über den begabten Künstler, Entertainer, Comedian, der dahintersteht.
Auf den Einfall, das Klischee vom klauenden Polen umzudrehen, ihn zum Beklauten zu machen, muss man schließlich erst mal kommen. Diese Idee dann noch so erfolgreich umzusetzen, dass tausende Menschen es sehen wollen, zeugt von großem musikalischen Können und viel Feingefühl für Humor und Inszenierung.
Mit Hape Kerkeling in der Grundschule
Wenn es Hagemann aber nie um den Mittelpunkt, die erste Reihe ging, worum denn dann? Die Antwort ist einfach: um die Musik. Sie ist Dreh- und Angelpunkt in seinem Leben, solange er denken kann. "Mir war immer die Richtung klar, der Kurs, wo ich hinwollte: Ich wollte was mit Musik machen, und ich wollte was mit eigenen Ideen machen, nicht nur nachspielen oder reproduzieren. Der eigenen Idee zu folgen, war für mich immer das Tollste am Musikmachen, und das hat sich bis heute nicht geändert."
Er ist in der dritten Klasse, als er die Person trifft, mit der er diesen Kurs für Jahrzehnte einschlägt: Dass der kleine Hans-Peter Kerkeling später mal Deutschlands berühmtester Entertainer werden wird, weiß damals noch keiner. Klar ist aber sofort: Die Chemie zwischen den beiden stimmt. In der Oberstufe gründen sie ihre Schülerband "Gesundfutter", Grundstein für eine musikalische Zusammenarbeit über Jahrzehnte.
Es ist aber auch diese Verbindung, in der Hagemann irgendwann erkennt: Er kann zwar gut im Hintergrund stehen – aber nicht im Schatten von jemand anderem. "Ich wollte nicht mein Leben lang der Piano-Partner bleiben. Ich dachte, wenn ich mich jetzt nicht emanzipiere und meinem eigenen Weg folge, dann ende ich immer als Beifahrer."
Diese Emanzipation kühlt die Freundschaft kurzzeitig ab, zerstört sie aber nicht. Der Beweis: Hapes neues Musical "Kein Pardon". Für das hat Hagemann den Großteil der Musik geschrieben. Das kann er jetzt wieder. Schließlich ist er auf der Bühne nicht mehr der Beifahrer, sondern hält das Steuer selbst fest in der Hand. Auch wenn er sich dafür einen Schnauzbart ankleben muss.
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Kommentare
Ion Doe schrieb am 12.02.2012 09:52 Uhr
Sehr gute Recherche, Hurz !
claudia schrieb am 11.02.2012 16:21 Uhr
Einfach nur TOLL !!! Tolle Musiker u. Sänger! Super Spaß und super Musik! DANKE
Hotte schrieb am 11.02.2012 16:03 Uhr
Vielen Dank für diesen Artikel, endlich mal KEIN wursteliges Werbe-Geschreibsel über Anna-Maria-Zimmermann und Konsorten, sondern ein wirklich gelungenes und gut recherchiertes Portrait !
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