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05.05.2012
PORTRÄT
Ralf Schmitz: Die Springmaus
Viele kennen den 37-Jährigen nur als hyperaktiven Zwerg aus Otto Waalkes Märchenfilmen - doch er kann viel mehr als herumzappeln
VON ANNEKE QUASDORF

Klein aber oho | FOTO: BORIS BREUER

Mit der deutschen Comedyszene ist das so eine Sache. Immerhin gibt es mittlerweile eine, aber das ist in vielen Fällen auch schon das einzig Positive, was sich darüber sagen lässt. Die unzähligen Spaßbeauftragten, die in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen, scheinen sich vorgenommen zu haben, den schlechten Ruf des deutschen Humors zu retten – mit Gewalt. Und so ist eine Unterhaltung entstanden, die manchmal urkomisch daherkommt, viel öfter aber schlicht albern und hyperaktiv.

Einer, der an diesem Zustand Mitschuld trägt, ist Ralf Schmitz. Seit 2003 mischt der Rheinländer mit im bunten Comedy-Zirkus und ist bei jedem quotentauglichen Stelldichein der von Berufs wegen Witzigen dabei: Er sketcht mit den "Dreisten Drei", rät bei "Genial daneben", improvisiert in der "Schillerstraße".

2004 nimmt er eine Rolle an, die sein Image bis heute prägt: Als "Sunny" ist er einer der sieben Winzlinge in Otto Waalkes zwei sehr freien Märchenverfilmung "7 Zwerge – Männer allein im Wald" und "Der Wald ist nicht genug". Der Klamauk ist stellenweise so überdreht und albern, dass auch Fünfjährige entgeistert den Kopf schütteln müssten, doch selbst da sticht Schmitz noch heraus: Wie in Zeitraffer hampelt und lispelt er sich so hektisch durch die Szenen, dass schon das Zusehen anstrengend ist.Und so gilt der 37-Jährige bis heute als der zappelige Faxenkönig mit übertriebenem Hang zu kölschem Dialekt.
Info

WERDEGANG UND AUFTRITTE

Ralf Schmitz wird am 3. November 1974 in Leverkusen geboren. Neben seinen Gastspielen in Comedy-Formaten veröffentlicht er die Bücher "Schmitz’ Katze" und "Schmitz’ Mama". 2007 singt er den Titelsong für die Animationsserie "Shaun, das Schaf". 2003 erhält er den Deutschen Comedypreis als "Bester Newcomer", 2005 die 1 Live-Krone als "Bester Comedian". Am 10. Mai tritt Ralf Schmitz mit seinem Programm "Schmitzpiepe" in Osnabrück auf. Am 6. Dezember kommt der Comedian zudem nach Bielefeld. Karten gibt es unter www.erwin-event.de

"Bloß weil man eine Facette hat, heißt das nicht, dass die andere fehlt"

Dieser Eindruck ändert sich abrupt, trifft man Schmitz abseits von Bühne oder Filmset. Der Komiker scheint tiefenentspannt und gelassen, besonnen antwortet er auf Fragen. Erkundigt man sich nach seiner Zappeligkeit muss er erstmal laut lachen. "Natürlich renne ich nicht 24 Stunden am Tag aufgedreht durch die Gegend, wie ich es immer auf der Bühne tue. Das wäre ja furchtbar. Ich kann auch in einem Gespräch einem Freund zuhören und muss nicht immer dazwischen donnern."

Was bei den Darbietungen vollkommen untergeht, jetzt aber um so stärker auffällt, ist die tiefe, angenehme Stimme des 37-Jährigen. Sie unterstreicht seinen ruhigen Auftritt. "Bloß, weil man eine Facette zeigt, heißt das ja nicht, dass die andere fehlt. Aber natürlich bin ich an sich ein zügiger Mensch, ich bin auch tendenziell positiv eingestellt." Diese Einstellung ist auch im Gespräch deutlich zu merken: Schmitz verbreitet eine gute Laune und Freundlichkeit, die nicht im Geringsten aufgesetzt oder inszeniert wirkt.
Impro-Combo | FOTO: BORIS BREUER/DPA

Vielleicht ist dieses fröhliche Naturell auch der Grund dafür, dass Schmitz sich auffallend viel öfter als seine Kollegen das Lachen verbeißen muss, wenn er seine Nummern vorführt. Kritiker werfen ihm deshalb vor, dass er sich selbst zu lustig findet. Das ist insofern unfair, als dass der Kontrollverlust über die Lachmuskeln auch damit zu tun hat, dass Schmitz Fachgebiet die große Kunst des Improvisierens ist. Da lässt sich nicht alles planen, auswendig lernen und einstudieren. "Ich interagiere ja mit den Leuten und bin oft selbst überrascht, was da kommt."

Lehrjahre in der "Springmaus"

Gelernt hat Schmitz das, wovor sich viele andere Komiker fürchten, im Bonner Improvisationstheater "Die Springmaus". Dessen Regisseur Bill Mockridge entdeckt den jungen Künstler, der sich nach Schauspiel-, Tanz- und Gesangsausbildung in verschiedenen Comedyensembles durchschlägt und engagiert ihn auf der Stelle.

Und so ist es eigentlich auch Mockridge, auf dessen Konto der Zappelphilipp Schmitz von heute geht. Denn das Wichtigste vermittelt der Meister dem Schüler in einem knappen Satz: "Lass deine quirlige Energie raus und halte nie deine Klappe." Darüber hinaus lernt der Komiker in seiner Ausbildung vor allem eins: keine Angst zu haben. "Ich glaube, das ist das Wichtigste an der Improvisation: Die Angst davor zu verlieren, rauszugehen, nichts zu haben und zu denken: Oh Gott, was mache ich jetzt, wenn mir nichts einfällt. Diesen Gedanken muss man ganz schnell loswerden. Sonst entwickelt man sich nicht frei."

Schmitz hat diese Probleme nicht. Schon bald ist er einer der beliebtesten Darsteller der Springmaus. Schnell ist auch die Sparte gefunden, in die er bis heute gesteckt wird: "Es gab dort mehrere Ensembles. Und dann haben ganz viele Leute gesagt: Ich möchte gern die Gruppe sehen mit dem kleinen Mann." Der Kleine, das ist er bis heute, und das, obwohl er mit seiner Körpergröße von 1,68 beileibe nicht der Winzling ist, den sein Spitzname suggeriert.

Das Tempo ist sein Fachgebiet

Stören tut ihn das nicht. "Die Leute brauchen so ein Identifikationmerkmal ja auch. Ich selbst empfinde mich nicht als klein, das macht es einfach." So einfach, dass Schmitz über sich selbst lachen kann. "Hin und wieder mache ich einen Gag über meine Größe, aber das kommt vielleicht einmal in zweieinhalb Stunden vor. Der Witz erschöpft sich ja auch sehr schnell. Man wird keine Nummer finden, die nur darauf abzielt, dass ich klein bin. Mach ich nicht. Find ich auch zu langweilig."

Was er nicht langweilig findet, sind Einlagen wie sein Geräuschekrankheits-Sketch, den er beim Comedy-Preis 2011 vorführte und der sein großes Talent zeigt: Als Professor stellt er darin eine erfundene Krankheit vor, bei der Menschen auf bestimmte Worte mit Pfiffen, Schnarchen oder Miauen reagieren und zeigt die Auswirkungen gleich in seiner weiteren Rede. Es ist eine Nummer, die strotzt vor witzigen Einfällen, komischer Begabung und schauspielerischem Können und sie kommt ganz ohne Faxen oder hektisches Gezappel aus.

Das Tempo ist sein Fachgebiet und diese Facette blitzt auch im Gespräch immer wieder auf. Schmitz beginnt einen Satz langsam, doch je länger er dauert, desto schneller wird er, ohne sich zu verhaspeln oder undeutlich zu sprechen. Er kann eben was, der Zappelphilipp. Das Problem ist, dass er unterschätzt wird. Vielleicht wollten deshalb so wenige seine eigenen Fernsehsendungen sehen. Sowohl "Schmitz komm raus" als auch "Schmitz in the City" stellte Sat1 wegen fehlender Quote schnell wieder ein.

Mit der "Schmitzpiepe" unterwegs durch Deutschland

Seine Bühnenshows hingegen sind meist ausverkauft. Gerade tourt Schmitz mit seiner neuen Show "Schmitzpiepe" durch Deutschland. Ein roter Faden lässt sich hier nicht wirklich erkennen – eines aber ist Programm: die Einbindung der Zuschauer. Sie sind der Impuls für seine Improvisationen. Angst, bloßgestellt zu werden, muss deswegen aber niemand haben. Weil Ralf Schmitz neben Improvisationstalent und Stakkato-Können noch eine wichtige Sache mitbringt: Herz. "Ich will niemandem zu nahe treten oder jemanden persönlich angreifen. Und ich möchte auch nicht auf Kosten von Menschen witzig sein. Man darf sich zwar nicht alles verbieten oder verbieten lassen. Aber es gibt für jeden Grenzen, die er sich setzt und die er auch nicht überschreiten will."

In Zeiten von Reality Shows und Moderatoren wie Oliver Pocher ist das so sympathisch, das man Schmitz auch verzeihen würde, wenn er sich für Otto Waalkes auch noch ein drittes Mal die Zwergenmütze aufsetzen würde.


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