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02.06.2012
PORTRÄT
Maite Kelly: Auf dem Solo-Trip
Porträt der bekannten Sängerin aus der Kelly Family
VON ANNEKE QUASDORF

Adrett

In Köln beginnt der Tag gemächlich. Zaghaft schiebt sich die Sonne durch den Frühnebel, und der Rhein scheint etwas langsamer vorbeizuströmen. In einem Café nippen ein paar ältere Damen an ihrem Kaffee, während die Kellnerinnen hinter dem Tresen leise schwatzen. Und dann kommt Maite Kelly.

Rau und herzlich tönt ihre Stimme durch das Café, während sie mit energischen kleinen Schritten ihrem Tisch zustrebt. Der Händedruck ist fest, der Tonfall bestimmt. Sie erkundigt sich nach der Anfahrt, erzählt vom Kölner Wetter, sprudelt eine Anekdote vom Vortag heraus und bestellt zwischendrin noch schnell einen grünen Tee. Unwillkürlich stellt man sich die Frage, wie lange sie wohl schon wach ist.

Dass die 32-Jährige eher nicht zu den ruhigen Menschen gehört, ist spätestens seit ihrer Teilnahme an der Fernseh-Tanzshow "Let’s Dance" klar. Quirlig und immer gut gelaunt wirbelte sie hier im vergangenen Jahr über das Parkett und trug letztendlich den Sieg davon – laut Jury auch wegen ihrer Lebendigkeit und positiven Energie.
Info

WERDEGANG

Maite Star Kelly wird am 4. Dezember 1979 als elftes von zwölf Geschwistern in Berlin geboren. Nach ihr folgt noch Bruder Angelo. Schon als Kind schreibt sie Songs für die Kelly Family und begleitet ihre Geschwister an Instrumenten und per Gesang. Nach dem Tod ihres Vaters lebt Kelly 2004 für sechs Monate im westafrikanischen Togo, wo sie ein Projekt unterstützt, das zum Ziel hatte, eine Universitätspfarre für junge Menschen zu gründen. Maite Kelly gehört der katholischen Kirche an und ist tiefgläubig

Topgestylt und wie aus dem Ei gepellt

Nicht erwähnt wurde allerdings der Vorher-nachher-Bonus, der die Faszination der Zuschauer abseits aller Sympathien ordentlich angekurbelt haben dürfte. Kannte man Maite Kelly bis dato doch nur als eine von zahlreichen zotteligen Sängern einer der erfolgreichsten und zugleich meist- verspottetsten Bands der Musikgeschichte. Mit der Dicken aus der Kelly Family hatte die neue Maite optisch allerdings nichts mehr gemein: Sie trug blondierte Hochsteckfrisuren statt langer Mähne, Netzstrümpfe und Petticoats statt samtiger Walle-Walle-Gewänder und künstliche Wimpern statt Blumenkranz.

Auch heute, an diesem verschlafenen Morgen, wirkt Kelly topgestylt und wie aus dem Ei gepellt: Ihr knielanges Seidenkleid ist aus puderfarbener, weißbetupfter Seide, die Pumps haben ordentliche Absätze, und die hellblonden Haare hält sie mit einem dünnen Reif zurück. Mit dem allgemeinen Entzücken über ihr anderes Aussehen kann die Sängerin allerdings nicht viel anfangen, und "neu" ist das alles für sie auch nicht. "Das war nie ein plötzlicher Umschwung, sondern eine ganz normale Entwicklung. So etwas macht jede junge Frau durch, das ist ja gerade das Spannende am Erwachsenwerden."

Genau deshalb ist die 32-jährige Maite für die meisten Menschen aber eben neu: Verschwindet sie doch genau dann von der Bildfläche, als dieses Erwachsenwerden beginnt. Als sie Anfang 20 ist, erkrankt ihr Vater Dan, der bislang alles zusammenhielt, schwer, die Band löst sich mehr und mehr auf.

"Meine Teeniezeit war sehr abgeschottet"

Was für die meisten Fans ein Fiasko ist, erlebt Maite als Chance. Ganz allein geht sie in die USA, um ihren High- school-Abschluss zu machen. "Das war eine Zeit, wo wir alle anfingen zu suchen. Nach Struktur. Nach einer Richtung. Ich hatte in dieser Zeit ein wahnsinnig großes Bedürfnis, meine verstorbene Mutter kennenzulernen und damit auch mich selbst. Außerdem wollte ich immer in die Schule gehen, etwas ganz Normales tun. Ich hatte einfach Nachholbedarf. Und ich wollte wissen, wie sich Teenies verhalten, wenn die ganz unter sich sind. Meine Teeniezeit war sehr abgeschottet."
Beim Konzert | FOTOS: DPA

Abgeschottet deshalb, weil in diesen Jahren der große Erfolg der Kelly Family kommt. Auf eine gewisse Weise ist Maite in dieser Zeit zwar freier als alle anderen Teenager: Sie reist durch die Welt, steht bis spätabends auf Bühnen in den USA, Brasilien, Südafrika und China. Und Vater Dan, den die Öffentlichkeit als Familien-Tyrannen kritisiert, führt bisweilen ein eher lockeres Regiment. "Mein Vater hatte ganz klare Prinzipien. Man wusste: Das und das ist streng verboten. Aber in allem anderen hatten wir komplette Freiheit. Wir hatten eben keine Mutter, die guckt, ob wir um sieben Uhr essen und um acht Uhr ins Bett gehen."

Doch in all dieser Ungebundenheit sehnt sich der Teenager nach einem normalen Leben, nach Freundinnen, Verabredungen, Dates. "Die einzigen Teenies, die ich kennengelernt habe, waren die, die für meinen Bruder geschrien haben", sagt Kelly und lacht.

Die einzige Kelly, die es musikalisch auch allein geschafft hat

Sie lacht und lächelt überhaupt sehr viel, und ihr englischer Akzent kommt viel stärker durch, wenn sie von dieser Zeit spricht: Von Vater Dan, der sich nach dem Tod der Mutter einfach von Papa in "Mapa" umbenennt und auch sonst alles tut, um die Lücke zu füllen. Von ersten Experimenten mit Mickey-Maus-Unterwäsche, die den belustigten Brüdern nicht verborgen bleiben – zumal im engen Bus oder Hausboot, wo jedes Familienmitglied mal Wäsche machen muss.

Und von dem Gefühl, Teil des Erfolgsunternehmens Kelly zu sein. "Als mein Vater noch Chef war, ging alles in eine Richtung. Und es gibt nichts Schöneres, als wenn ein Team ohne Zweifel oder Bedenken einfach nach vorne schaut, man zusammen über Fehler spricht, Pläne macht. Diesen gemeinsamen Enthusiasmus, den vermisse ich."

Dennoch genießt das Mädchen aus der Großfamilie heute ihren Solo-Trip. Sie ist die einzige Kelly, die es musikalisch auch allein geschafft hat. Im September vergangenen Jahres erschien ihr erstes Solo-Album, davor sang sie im Musical "Hairspray".

Große Stärken: Heiterkeit und Selbstironie

Vielleicht hängt der Erfolg damit zusammen, dass sie sich zu inszenieren weiß. Während andere Frauen Speckfalten und Pölsterchen verstecken, setzt sich das Vollweib Maite mit all seinen Rundungen mutig und gekonnt in Szene. Das gefällt nicht jedem und sorgt bisweilen für viel Spott.

Gewöhnen kann sie sich daran nicht, darüber lachen schon besser. "Ich bin jetzt gerade in den Zeitungen zum achten Mal dicker geworden. Und dann doch wieder dünner. Was alles nicht stimmt. Das Einzige, was da hilft, ist Humor. Darüber lachen, sich selbst nicht zu ernst nehmen."

Das nimmt man ihr sofort ab, denn Heiterkeit und Selbstironie sind Maite Kellys große Stärken. Immer wieder muss sie laut lachen, mit ihrer rauen, etwas heiseren Lache, wenn sie erzählt, wie das dicke Mädchen Maite es geschafft hat, sich mit seiner Figur abzufinden. "Ich durfte ja immer vorn sitzen. Weil ich auf der Rückbank zu viel Platz weggenommen habe. Wenn du zu fünft hinten sitzt, zählt jeder Zentimeter. Und ich habe einfach gedacht: Die paar Vorteile, die dir das bringt, die musst du mitnehmen."

Mit Ehemann und zwei Töchtern in Köln sesshaft geworden

Dieser Pragmatismus hilft ihr – und Vater Dan, der seiner Tochter stets das Gefühl vermittelt, etwas ganz Besonderes zu sein. Der sie tröstet, wenn sie weinend vom Flohmarkt kommt, weil alle Schwestern etwas gefunden haben, nur sie in ihrer Größe nicht. "Mein Vater hat Bilder von großen Jazzdiven an die Wände geklebt, diese schweren, starken Frauen. Und dann hat er immer zu mir gesagt: Maite, eines Tages wirst du so sein: eine große Diva. Ich glaube, das war ganz wichtig, dass der Vater sagt: Du bist toll so, wie du bist, und du hast eine große Berufung. Und diese Berufung beinhaltet auch deine Schwäche, deine Menschlichkeit."

Heute hat sie sich akzeptiert, wie sie ist. Keinen geringen Anteil an diesem Erfolg dürfte allerdings auch noch ein anderer Mann haben: Ehemann Florent, mit dem sie bereits seit 2005 verheiratet ist. Gemeinsam mit den beiden Töchtern, der sechsjährigen Agnés Therese Barbara und der vierjährigen Josephine Catherine Françoise, lebt das Paar in Köln.

Deshalb drängt jetzt auch die Zeit. Kelly muss los, die Töchter warten. Noch einmal klingt die raue Lache durchs Café. Hier sind jetzt alle hellwach.


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