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16.06.2012
PORTRÄT
Der Sacher-Chef: Hotelier Reiner Heilmann
Wie ein junger Mann den Weg aus Ostwestfalen nach Wien findet und seit 21 Jahren das berühmte Hotel leitet
VON JÖRG RINNE

Vor Ort | FOTOS: BERNHARD DEGEN / FALSTAFF

Kein Zweifel, der Mann, der das Foyer des berühmten Hauses in der Philharmonikerstraße betritt, ist der Chef. Oder, wie es viel besser zu Wien passt, der Herr Direktor. Dabei tritt Reiner Heilmann äußerlich unaufgeregt unauffällig auf. Dezenter Anzug, dezente Krawatte. Und trotzdem richten sich alle Blicke auf den 48-jährigen Deutschen. Ein freundliches Kopfnicken, ein sympathisches Lächeln, ein paar nette Worte – die Gäste im Hotel Sacher wissen es zu schätzen.

"Betten verkaufen alle", lässt Heilmann ein Stück seiner Philosophie durchblicken. "Unser Gast will sich an Personen orientieren." Und davon gibt es zahlreiche in dem altehrwürdigen Bau aus dem Jahr 1876 gegenüber der prächtigen Staatsoper: 370 Mitarbeiter sind für 149 Zimmer zuständig, eine Quote, die im Hotelgewerbe nicht unbedingt üblich ist. "Häuser in Privatbesitz denken langfristiger", sagt Heilmann, und seine Augen blitzen kurz auf.

Rückblende: Als jüngstes von drei Kindern wächst Reiner Heilmann in Melle-Wellingholzhausen auf. Seine Eltern, die Mutter stammt aus Spexard im Kreis Gütersloh, betreiben an der Grenze Niedersachsens zu Ostwestfalen das Hotel Heilmann, die Gaststätte am Ort, die die Bewohner von der Taufe bis zur Beerdigung begleitet. Kein Wunder also, dass der junge Reiner seinen Weg in der Gastronomieszene sucht, zur Freude seiner Eltern, die endlich einen potenziellen Nachfolger im Haus haben. Im Landhaus Uffmann in Borgholzhausen absolviert der Nachwuchsmann eine Ausbildung zum Koch. Doch das genügt ihm nicht. Noch vor seiner Bundeswehrzeit zieht es ihn zur Hotelkette Maritim an die Ostsee, später in ein Restaurant nach Versmold, das die Speditionsfamilie Nagel eröffnet. Immer lernt er Neues, bildet sich weiter.
Info

ZWISCHEN TRADITION UND MODERNE

Das Hotel: Erbaut 1876 von Eduard Sacher; seit 1962 vollständig im Besitz der Familie Gürtler; 86 Zimmer und 63 Suiten auf sieben Stockwerken; Zimmerpreise: 460 Euro (Superior-Doppelzimmer) bis 5.920 Euro (Präsidentensuite).

Das Sacher-Eck: Die elegante Weinbar fürs junge Publikum wird 2003 eröffnet.

Die Torte: Seit 1999 wird das Original (das Rezept ist natürlich geheim) in einer eigenen Produktionsstätte hergestellt. Nötig sind 34 Arbeitsschritte. Verwendet werden österreichische Zutaten: Teebutter, Kristallzucker, Mehl, Eier aus Boden- und Freilandhaltung.

"Es war Liebe auf den zweiten Blick"

Dann die Wende, die ein ganzes Leben beeinflussen sollte: "Ich wollte vor meiner Rückkehr in den elterlichen Betrieb unbedingt noch ins Ausland", erinnert sich Reiner Heilmann. Probleme mit den Arbeitsgenehmigungen verhindern mehrfach ein Engagement in Asien. Eher zufällig führt der Weg dann in den Nahbereich, über die Alpen nach Wien. Eine Freundin zeigt ihm auf einer Tagesreise die Stadt, und der junge Mann ist zunächst durchaus angetan von der Donaumetropole.

Das Hotel Imperial ist 1987 – Heilmann ist gerade 23 Jahre alt – die erste Wahl. "Das war natürlich eine ganz andere Welt", lässt Heilmann seine Ankunft in der österreichischen Hauptstadt Revue passieren. Er erlebt Wien im Wandel, weg vom Image der Verstaubtheit, hin zur Moderne. "Die großen Musical-Produktionen zogen jüngere Leute in die Stadt und sorgten für einen Entwicklungsschub." Und spätestens nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde aus der City im Osten das Zentrum Europas.Und dennoch: Richtig angekommen ist Reiner Heilmann noch nicht. "Es war Liebe auf den zweiten Blick", gibt er heute unumwunden zu. Noch einmal versucht er den Absprung, in die Schweiz und nach London. Nur drei Monate später ist er zurück und steht vor dem Hotel Sacher. "Der richtige Ort in der falschen Stadt", sagt er sich. Und da ist ja auch noch der elterliche Betrieb in Wellingholzhausen...

Dem Wiener Charme erlegen

Doch plötzlich verändert sich sein Blick. Das Haus Sacher nimmt ihn gefangen – mit Haut und Haaren. Eine schlüssige Erklärung dafür hat er nicht. "Vielleicht war ich es auch, der sich verändert hatte." Dabei ist nicht alles rosig, was glänzt. "Es gab einen enormen Renovierungsbedarf." Und fast entschuldigend fügt er hinzu: "Nein, es war nicht verstaubt, aber es hatte einen feinen Belag." Erst als Assistent, dann als stellvertretender Direktor und seit 1991 als Chef des Hauses lenkt er dessen Geschicke im Auftrag der Besitzerfamilie Gürtler.

Bei Nacht noch herrschaftlicher

Ein Halb-Westfale in Wien – wie kann das gelingen? Reiner Heilmann lacht: "Ich war ein absoluter Exot!" Ein Norddeutscher im Sacher sei ein Widerspruch in sich. Allein die Sprache, der Wiener Schmäh – "da musste ich mich umstellen".

Mittlerweile hat er’s geschafft. Nicht zuletzt durch seine Heirat mit einer Österreicherin, mit der er zwei Jungen großzieht. Und dann gerät er ins Schwärmen, wenn er berichtet, welche Lebensqualität die Stadt bietet, welchen Charme sie auf ihn ausübt. "In Wien wird die Hektik zurückgedrängt." In Deutschland dagegen sei der Ablauf härter, schneller, hektischer. Heilmann kann das beurteilen, denn regelmäßig zieht es ihn in die alte Heimat zurück, nicht zuletzt, um seiner Frau und seinen Söhnen die Schönheit der Landschaft zu zeigen, wie er stolz und auch ein bisschen wehmütig berichtet. "Ich trage Westfalen im Herzen."Und das glaubt man ihm sofort. Spätestens wenn er von seinen Hobbys berichtet, zu denen – natürlich – Pferde gehören.

Seit 21 Jahren bei Sacher

21 Jahre steht und spricht Reiner Heilmann nun für das Haus Sacher. Außergewöhnlich in der schnelllebigen Szene, in der die Führungskräfte in der Regel nach drei bis fünf Jahren ausgewechselt werden. "Wir denken über Generationen", beschreibt er seine Marke. Und bevor die Nachfrage ausgesprochen wird, fügt er hinzu: "Aber die Tradition darf nicht verstauben. Alt ist nie gut." Und deshalb renoviert der Direktor gerne. Jüngst hat er in fünfeinhalbjähriger Bauzeit zwei ganze Stockwerke aufgesetzt und das Gebäude "vom Keller auf den Kopf gestellt", wie er strahlend berichtet. Dafür wurde sogar die traditionelle Tortenproduktion in den 11. Bezirk ausgelagert.

Sein Blick geht einen Moment ins Leere, Gedanken sammeln sich: "Das Hotel ist mein Baby", sagt er leise, aber bestimmt. Niemand würde ihm widersprechen.


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