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23.06.2012
PORTRÄT
Heute hier, morgen dort: Hannes Wader im Porträt
Bielefelder Liedermacher feiert 70. Geburtstag
VON ANNEKE QUASDORF

Markant | FOTO: PR

Braun-gelb schliert die matschige Soße über das weiße Porzellan mit dem blauen Zwiebelmuster. Sie wirft leichte Blasen und glänzt glibberig. Lecker ist anders, das findet auch der Koch selbst. "Sieht ja scheiße aus", stellt Hannes Wader fest. Starrt sinnend auf den Teller. Murmelt: "Alles falsch." Und schmeißt das Ganze kurzerhand in den Müll. Kein Versuch, das Gemisch zu retten. Weg damit, Deckel zu, fertig aus.

Es gibt keinen anderen Liedermacher in Deutschland, der die Kompromisslosigkeit so zu seinem Markenzeichen gemacht hat wie Wader. Eingebracht hat ihm das den Ruf des Unbequemen, des Streithahns, seine Sängerkollegen nennen ihn lange einfach nur "den Stinkstiefel".

Dass sich auch im Alter nur wenige Grau- zu den Schwarz- und Weißtönen gesellt haben, zeigt als eine von vielen die Kochszene aus der Dokumentation "Wader Wecker Vater Land". An diesem Wochenende feiert der Musiker seinen 70. Geburtstag. "Ich würde sagen, mit 70 ist man alt", sagt er aber nur trocken zum denkwürdigen Anlass, mit einer Stimme, die brüchiger klingt, als im Fernsehen. "Es kann ja sein, dass ich noch 50 Jahre vor mir habe. Aber die werde ich als alter Mann verbringen, das ist so. Dieser Aspekt macht mir nicht zu schaffen, aber ich kann ihn auch nicht übersehen."

Stechender Blick mit Wehmut und Milde

Das kann auch der Blick von außen nicht. Waders Bart ist jetzt silbrig-weiß und die Bardenfrisur gekürzt – im Nacken von der Hand, auf der Stirn von der Natur. Wenn der Liedermacher spielt, vor seinem Publikum, das ihm immer noch gern lauscht, muss er auf beiden Ohren ein Hörgerät tragen, um seine eigene Musik besser zu verstehen.

Info

FAMILIE

Hannes Wader wurde am 23. Juni 1942 in Bielefeld geboren. Heute lebt er mit seiner Frau, der Psychologin Cordula Finck und Tochter Dorothea Louise in Kassel. Das Paar hat außerdem noch den gemeinsamen Sohn Johann.

Und auch der Blick hat sich verändert. Stechend, bisweilen trotzig und immer herausfordernd schien der jüngere Wader sein Gegenüber anzusehen. Jetzt hat sich Wehmut dazugesellt, ein Anteil Resignation, aber auch Milde. Mit seiner kühnen Hakennase wäre der Liedermacher die Paradebesetzung für den alten traurigen König im Märchenfilm.

Vielleicht liegt das daran, dass das gute Ende irgendwie nicht kommen will. Immer noch steht Wader auf den Bühnen der Bundesrepublik, trägt altvertraute Klassiker vor oder wagt sich auf Neuland, indem er Projekte mit anderen Musikern betreibt. So weit, so gut. Eins aber haben alle Auftritte gemeinsam: So viel er auch herumreist – heute hier, morgen dort – anzukommen scheint Wader nie, zumindest nicht in sich selbst. Hat er doch stets im Gepäck, was ihn davon abhält: den Selbstzweifel. "Das ist etwas, womit ich zu leben habe: Mich und meine Fähigkeiten immer wieder zu hinterfragen, mich schützen zu müssen vor Minderwertigkeitsgefühlen", sagt er langsam, als ob er nach den richtigen Worten sucht. "Trotz Erfolgen bin ich einfach so, das habe ich so mitbekommen."

Musikalischer Durchbruch in Berlin

Hinzu kommt der Eigensinn, das Rebellische. "Ich bin so ein bisschen kindlich-trotzig. Wenn ich was machen soll, mache ich es nicht." Ein Verhalten, das sich wie ein roter Faden durch sein Leben zieht.Anfang der 60er Jahre soll das Bielefelder Arbeiterkind aus einfachsten Verhältnissen seine Ausbildung zum Dekorateur abschließen – und wird wegen Faulheit und Musizierens während der Arbeitszeit entlassen. Er flieht nach Berlin, wo ihn alle bestürmen, gegen den Kapitalismus zu singen. Er singt über alles außer den Kapitalismus und schafft seinen musikalischen Durchbruch. 1977 schließt er sich der Deutschen Kommunistischen Partei an, weil er es nicht mehr erträgt, als Einzelkämpfer verehrt zu werden – und bekommt von seinen Fans haufenweise zerbrochene Platten zugeschickt.

Wie anstrengend, bisweilen selbstzerfleischend dieser Wadersche Gemütscocktail sein kann, zeigt hautnah eine andere Szene: Es ist Pause auf einem seiner Konzerte, draußen, vor der Bühne, klatschen noch begeistert die Zuhörer, drinnen, in der Garderobe aber ist von Begeisterung nichts zu merken.

Ganz oder gar nicht, schwarz oder weiß - das ist die Wader-Welt

Gegen das kalte Neonlicht zeichnet sich schwarz Waders Silhouette ab, auf und ab tigernd, fahrig Gitarrenakkorde klimpernd, verzweifelt, halb mit sich selbst, halb mit dem Kameramann redend. "Ich bin jetzt nicht gut drauf" , sagt er. "Das macht mich furchtbar fertig dies ganze Konzert. Meine Frau meint, ich wär gut, ich finde es unglaublich beschissen. Mir zittern die Knie, ich mache alles falsch, die Gitarre stimmt nicht, ich stottere dummes Zeug rum. Das kommt wahrscheinlich nur mir so vor. Weil ich das nicht schaffe, was ich schaffen will."

Gutes Team | FOTO: DPA

Ganz oder gar nicht, schwarz oder weiß, das ist die Wader-Welt, in der Zwischentöne ihn nicht nur stören, sondern verstören, bis zum Ausrasten. "Trotz alledem" ist nicht nur der Titel eines seiner berühmtesten Lieder, sondern Antrieb, Lebensmotto und stärkstes Prinzip zugleich.

Wer auf so hohen Idealen balanciert, der kann tief fallen. Genau das passiert Wader wieder und wieder in seinem Leben. Darunter sind auch Tiefschläge, von denen er sich nie erholt hat. Anfang der 70er Jahre wird er wegen Verdachts auf Zugehörigkeit zur Terrorgruppe RAF festgenommen, weil die Terroristin Gudrun Ensslin unter falschen Namen in seiner Wohnung mit Sprengstoff experimentiert. Jahrelang laufen Verfahren und Medienboykotte gegen ihn, eine Zeit, die er zum Skelett abgemagert und als Alkoholiker verbringt, und wenn er heute davon erzählt, wird klar, dass zumindest bei ihm die Zeit keine einzige dieser Wunden geheilt hat, so flackern seine Augen. Der zweite Tiefschlag ist die Wende, der Zusammenbruch des Sozialismus, ein weiteres Ideal, auf dem Wader allzu fest gebaut hat.

Auf Tour mit Konstantin Wecker

Lass doch los, möchte man ihn in seinem Idealismus und seiner Sturheit gern anschreien, das ist es doch, womit du dir selbst im Wege stehst. Aber nicht zu hastig, "bei mir kommt immer alles so ein bisschen verspätet", so beschreibt sich Wader schließlich selbst.

Und einen ersten Schritt zur Lockerheit hat er ja vor zwei Jahren gemacht. Da ging er, der Eigenbrötler, der Minimalist, dem zeitweise schon sechs Seiten auf der Gitarre zu viel waren, mit – ausgerechnet! – Hansdampf Konstantin Wecker und einer Band auf Tour. Musste plötzlich Hüften schwingen und "entertainen". Ungeheuer schwer fiel ihm das. "Aber als ich dann sicherer wurde. . . hat es mir einen ungeheuren Spaß gemacht." Leise kommt das Letzte, zögerlich, eher gebrummelt als gesagt, aber es ist da. Na also. Es geht doch.

Kommentare
Waders Musik ist für mich einer der Gründe, den Wahnsinn dieser Welt überhaupt noch durchzustehen und nicht die Hoffnung aufzugeben!!
Ganz, ganz, ganz grosses Tennis, doch leider seltenst in den systemzugehörigen Medien....aus bekanntem Grund!
Danke Hannes!!!

Mein Lieblings-Wader-Lieder: Der Tankerkönig

Großes Tennis!


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