14.07.2012
INTERVIEW
Kurt Krömer: "Ich bin nicht seriös"
Interview mit dem bekannten Comedian
Neue Frisur, neue Show | FOTO: DPA
Ein Jahr lang war Alexander Bojcan, besser bekannt als Kurt Krömer, nicht auf dem TV-Bildschirm zu sehen. Nun kehrt er zurück.
Herr Krömer, Sie sehen plötzlich so seriös aus.KURT KRÖMER: Seriös? Nee, das bin ich nicht. Das definiert sich für mich auch nicht über die Kleidung. Du kannst einen schwarzen Anzug tragen und völlig unseriös sein.
Trotzdem: Die bunten Anzüge sind weg, der Seitenscheitel und der Bart auch. Warum jetzt dieser unflippige Aufzug?KRÖMER: Ich rasiere mich jetzt, wenn es juckt. Das Optische ist mir nicht mehr so wichtig, es tritt in den Hintergrund. Seit ich die Haare nicht mehr glatt kämme, geht das mit der Frisur auch viel schneller.
Äußerlich gibt es also einen runderneuerten Kurt Krömer. Wie sieht es inhaltlich aus? Was unterscheidet Ihre neue Show "Krömer" von "Krömer – Die Internationale Show"?KRÖMER: Vieles bleibt wie gehabt, ich habe an meinen Fähigkeiten ein bisschen herumgedoktert, vielleicht bin ich insgesamt etwas erwachsener geworden. Dazu kommt: Ich wollte und musste schärfer werden.
BIOGRAPHIE EINES NEO-CLOWNS
Kurt Krömer wird am 20. November 1974 in Berlin-Neukölln geboren. Nach seinem Schulabschluss beginnt er eine Lehre zum Herrenausstatter, bricht diese aber nach einem Jahr ab, um als Bauhilfsarbeiter und Reinigungskraft zu jobben. Er macht ein Ökologisches Jahr im Berliner Zoo und verkauft Zeitungen in Kneipen.
Ab 1995 tritt er zum ersten Mal auf, im "Scheinbar Varieté Berlin" und im "Chamäleon-Varieté". 1999 erscheint sein erstes Soloprogramm "Wir hatten doch damals auch nichts", mit dem er im Berliner Punk-Club Supamolly auftritt. 2005 erhält Krömer den Deutschen Comedy-Preis als "Newcomer des Jahres".
2010 steht er für seine erste Kino-Hauptrolle in "Eine Insel namens Udo" vor der Kamera. 2011 erhält er den Grimme-Preis in der Kategorie "Beste Unterhaltung".
Inwiefern?KRÖMER: Nur der Fragensteller zu sein hat mich genervt. Ich komme ja vom Liveprogramm, habe jahrelang alleine auf der Bühne gestanden und ohne großen Schnickschnack zwei Stunden mein Programm gemacht. Was man heute als "Stand-up" bezeichnet, das mache ich seit 17 Jahren mehrere Stunden am Abend. Ich bin eben nicht nur Talkmaster, sondern in erster Linie ein Livekünstler. Das fließt jetzt also alles zusammen, deshalb zeichnen wir auch im Berliner Ensemble und nicht mehr im sterilen Fernsehstudio auf.
Was passiert denn genau bei "Krömer"?KRÖMER: Wir behandeln Themen, bei denen man sagt: "So etwas gehört doch nicht in eine komische Show." Also, Rassismus an sich ist ja nicht besonders spaßig, und Nazimärsche sind nicht unbedingt zum Lachen. Ich gehe da aber hin, setze mich mit der Thematik auseinander und führe Interviews mit Nazis. In diesen Einspielfilmen kann der Zuschauer sehen, wie ich die Dummheit der Leute noch einmal unterstreiche. Das zu erleben und mit anzusehen ist schon zynisch, makaber und: Satire. Anschließend möchte ich dann mit den Gästen, die ich in der Sendung habe, über Nationalsozialismus oder Afghanistan reden und gucken, was dabei herauskommt.
In Afghanistan waren Sie also auch?KRÖMER: Ja, ich dachte, ich fahre da mal hin. Man muss ja auch dorthin gehen, wo es wehtut. Dass die Bundeswehr mich als Kriegsdienstverweigerer eingeladen hatte, fand ich mutig, also wollte ich auch den nötigen Arsch in der Hose haben, dort auftreten und parallel für die neue Sendung drehen.
Machen Sie jetzt politisches Kabarett?
KRÖMER: Ich bin kein politischer Kabarettist, den Zeigefinger lasse ich weg. Nur zu sagen: "Nazis sind Schweine", das ist mir auch zu einfach. Lieber gehe ich zu den Nazis hin, führe Interviews und stelle fest: "Das sind wirklich Schweine." Ich bin vielleicht reifer geworden, aber meine Naivität habe ich mir bewahrt. Ich werde nicht hardcore politisch, es wird lustig bleiben. Sich im Gespräch mit einem Nazi naiv zu stellen, das hat für mich großen Unterhaltungswert. Ich entlarve die Leute, indem ich den Maulwurf spiele. Ich komme rein, und dann gibt es von hinten einen Schlag in den Nacken, wenn sie es verdient haben.
"Late Night" ist ein schwieriges Pflaster. Ein Beispiel: Gerade erst ist Harald Schmidt bei Sat 1 gescheitert.
KRÖMER: "Krömer" hat absichtlich den Untertitel "Late Night Show", damit jetzt alle diskutieren, ob das funktionieren kann oder nicht. Was Schmidt macht und was ich mache, ist aber nicht zu vergleichen. Wenn er auf das sinkende Schiff Sat 1 aufspringt, dann muss er damit rechnen, dass es nicht klappt. Sat 1 ist Privatfernsehen, da ist die Quote entscheidend, da kann er machen, was er will.
Ihnen ist die Quote egal?
KRÖMER: Die Obersten bei der ARD gucken nicht auf den Sendeplatz nach dem Wort zum Sonntag. Da ist denen egal, was passiert, solange ich nicht auf die Bühne komme und den Hitlergruß mache. Ich habe keinen Druck, was die Quote angeht, keine Vorgabe. Aber den "Musikantenstadl" um 20.15 Uhr, den dürfte ich wohl nicht übernehmen.
Würden Sie gern die große Show zur besten Sendezeit moderieren?
KRÖMER: Davon habe ich mich echt verabschiedet. Da brauchst du die Masse. Ich würde mich dort selbst zerstören. Jedes Mal, wenn ich einen etwas härteren Witz gegen die FDP machen oder mir eine Zigarette anzünden würde, gäbe es Alarm. Ich möchte mich nicht zurücknehmen. Die Sendung muss anarchisch bleiben.
Sie bezeichnen sich heute selbst als "Neo-Clown". Was soll das sein?
KRÖMER: Ich finde den Begriff "Comedian" scheiße. Wenn ich auf Partys angesprochen werde von Leuten, die mich nicht kennen und die fragen: "Was machst du beruflich?" und ich sage "Komiker", dann kommt immer die Antwort: "Comedy finde ich scheiße." Ich sage dann: "Ja, ich auch". Comedy ist ein sehr negativ belasteter Oberbegriff, man denkt gleich an RTL und Sat 1. Bei mir geht es nicht so sehr um das reine Witzeerzählen. Bei mir geht es um Situationskomik und um das, was sich spontan entwickelt. Wir sprechen nichts ab, es gibt keine Vorgespräche, denn da verschießen die Leute oft schon ihr ganzes Pulver in der Garderobe.
Sie können recht fies werden auf dem Bildschirm. Sind Sie privat netter als im Fernsehen?
KRÖMER: Privat bin ich ziemlich zurückhaltend. Auch rücksichtsvoller. Da bin ich weder den ganzen Tag am Pöbeln, noch bin ich ständig lustig. Ich komme aus einem ganz normalen Elternhaus und habe mir diese Normalität bewahrt. Ich weiß, wie man mit Menschen umgeht und was Respekt ist. Sonst würde so eine Nummer wie die in Afghanistan nicht funktionieren.Ihr Vater hat auf dem Bau gearbeitet. Sie auch?
KRÖMER: Mein Vater ist gelernter Tischler, meine Mutter ist Schneiderin. Wir sind eine richtige Arbeiterfamilie.
Hat Sie das geprägt?
KRÖMER: Ja, das prägt mich immer noch. Ich merke das, wenn ich mit Medienleuten zu tun habe, da sind ja oft irgendwelche affektierten Fatzkes dabei. Dann kommt bei mir oft der Proletarier hoch. Ich bin sehr geerdet und weiß, was wichtig ist und was nicht.
Was haben Sie denn überhaupt gelernt?
Krömer: Nichts richtig. Hilfsarbeiter. Meine Lehre zum Kaufmann im Einzelhandel habe ich nach einem Jahr abgebrochen. Ich hatte dann sehr viele Jobs, habe Zeitungen ausgetragen, Teller im Hotel gewaschen oder in einer Grundschule geputzt.
Sie sind in Neukölln geboren, in Wedding aufgewachsen. Ist Alexander Bojcan respektive Kurt Krömer ein Paradebeispiel dafür, dass auch Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen etwas werden können?
KRÖMER: Ja. Ich war im Wedding auf einer Gesamtschule, da ist es schon so gewesen, dass viele das gemacht haben, was auch ihre Eltern machten. Oder dass welche arbeitslos wurden. Einige sind auch an Drogen gestorben. Aber dann waren auch Leute dabei, bei denen zeigt sich: Egal, wo du herkommst, du kannst dir alles erarbeiten. Einer mit Migrationshintergrund, ein Türke aus dem Wedding, der hat dann Abi gemacht, studiert und ist heute Zahnarzt. Der hatte auch seinen großen Traum. Er denkt wahrscheinlich heute so wie ich: Keiner hat es einem zugetraut, aber man hat es doch geschafft. Deshalb ist man stolzer als das Akademikerkind, das immer alles zur Verfügung hatte.
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