18.08.2012
PORTRÄT
Reinhold Beckmann: Jetzt singt er auch noch
Porträt des bekannten Moderators - und Musikers
VON ANNEKE QUASDORF
Auf der Bühne | FOTOS: DPA
Mittagszeit in Hamburg-Hoheluft. Auf der Dachterrasse eines schicken Loftbüros sitzen Mitarbeiter in kleinen Grüppchen an großen Holztischen, genießen die Sonne und ihr Mittagessen. "Hat jemand gekocht?", fragt Reinhold Beckmann hoffnungsvoll und steckt schnuppernd den Kopf durch die geöffnete Terrassentüren Alle schütteln den Kopf. "Wir hatten keine Zeit, Reinhold", teilt ihm eine Mitarbeiterin mit breitem Grinsen mit.
Dass er sich daraufhin mit den frischen Erdbeeren in seinem Büro behelfen muss, hat der Moderator nämlich selbst zu verantworten: Kurz entschlossen hat er heute, am Montag, das Thema seiner Talksendung am Donnerstag gekippt. Zu langweilig, zu weit weg, hat der große Talkmeister befunden.
LIVE UND IN FARBE
Wer sich von den musikalischen Fähigkeiten Reinhold Beckmanns überzeugen möchte, hat dazu am 25. August die Gelegenheit. Dann spielt Beckmann mit seiner Band ab 19.30 Uhr auf der Sommerbühne auf dem Kleinen Domhof in Minden. Im Programm: Ironische Geschichten, schräge Rumbaklänge und sentimentaler Jazz.
Und so recherchieren jetzt alle wie wild, um etwas Neues auf die Beine zu stellen. "Das muss manchmal sein", sagt Beckmann mit vollem Mund und schiebt genießerisch noch eine dicke Beere nach. "Wenn die Aktualität es erfordert, dann reagieren wir sehr kurzfristig. Das hat oft auch einen sportiven Charakter, wenn wir uns fragen: Schaffen wir das jetzt? Es sind nur noch acht Stunden bis zur Sendung."
Musik, die neue, alte Liebe
In der Tat wirkt Beckmann überhaupt nicht gestresst, sondern gut gelaunt und locker. Aber er ist ja auch ein alter Hase im Geschäft. Seit über 20 Jahren sehen die Deutschen sein Gesicht im Fernsehen, sei es als Fußballmoderator oder Talkmaster seiner eigenen Sendung "Beckmann". Er entwickelte das Sportformat "ran" für den Sender Sat 1 und begleitete vor der Kamera zuletzt die Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine.
Wer so präsent ist, der hat nicht nur Fans unter seinen Zuschauern, sondern auch viele Kritiker. Die finden Beckmann und vor allem das, was er selbst seine "Spreche" nennt, zu glatt, zu wichtigtuerisch, zu künstlich sinnierend. Dass dieser Habitus, ob man ihn nun mag oder nicht, zu großen Teilen den laufenden Kameras und einer professionellen Darbietung als Moderator geschuldet ist, wird erst klar, besucht man den 56-Jährigen in seinem Hamburger Büro.
Hier ist er Journalist und kein Talkmaster, ein Unterschied, der schon beim Outfit beginnt: Statt Anzug und Krawatte trägt Beckmann hellblaue Jeans, das gekrempelte graue Hemd hängt lässig über der Hose, und seine typische randlose Brille ersetzt ein modernes schwarzes Retro-Modell. Der größte Kontrast: Beckmann plaudert, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, Umgangssprache statt glattgebügelter, gut vorbereiteter Sätze. Sympathisch macht ihn das und nahbar.
Besonders bei einem Thema gerät er ins Schwärmen: Musik, seine neue, alte Liebe. Seit zwei Jahren gibt es Beckmann live nämlich nicht nur im Fernsehen, sondern auch auf der Bühne. Mit seiner Band zieht der Moderator als Musiker, singend und Gitarre spielend, durch die deutschen Lande. Ein alter Traum, den zu verwirklichen er sich erst mal trauen musste. "Ich hatte immer großen Respekt vor der Professionalität der Musiker. Deshalb war ich mir zunächst auch nicht sicher, ob ich das hinkriege. Aber mittlerweile genieße ich’s sogar sehr."
Beide Leidenschaften zum Beruf gemacht
Da stört es ihn, den "Glatten", auch nicht, wenn auf der Bühne nicht alles so maßgeschneidert abläuft wie vor der Kamera. Der Musiker Beckmann verspielt sich, verspricht sich oder vergisst sogar mal ganze Liedzeilen. "Es soll auch nicht alles überperfekt sein. Dann wird’s langweilig und es kribbelt nicht mehr. Beim ersten Konzert nach der Sommerpause flog mir bei einer Ballade plötzlich der Text aus dem Schädel. Black-out! Ich habe dann die ersten beiden Strophen improvisiert, irgendwas gesungen, was mir gerade einfiel. Und es reimte sich sogar. Bei der dritten Strophe war ich dann zum Glück wieder auf Kurs."
Jetzt singt er also auch noch, und damit ist ihm gelungen, was wohl die wenigsten Menschen schaffen: seine Leidenschaften, den Fußball und die Musik, zum Beruf zu machen.
Beides hat Beckmann aus seiner Kindheit mitgenommen. Im kleinen Städtchen Twistringen nahe Bremen ist Fußball das einzig Verbindende. Vereine gibt es nicht und so organisieren sich die Twistringer Jungs in Straßenverbänden. "Da spielte die Luchtenburg gegen die Topheide, die Topheide gegen die Harpstedter Straße."
Twistringen, Amerika, Hamburg
So lernt man, Ellenbogen einzusetzen, und die kann der Junge auch zu Hause gebrauchen – gegen seine zwei älteren Brüder. Fünf und sieben Jahre liegen zwischen den beiden Großen und dem Kleinen, nie darf er mit, wenn die irgendwo hingehen. "Da wird man rebellisch." Auf der anderen Seite bekommt der kleine Reinhold durch die großen Brüder viel mit, hört bereits mit zehn Jahren die Beatles, die Beach Boys und die Rolling Stones, fiebert dem Wochenende entgegen, wenn bei Radio Bremen endlich wieder die englische Hitparade gespielt wird. "Die gab es nur einmal die Woche, und wir saßen mit großen Ohren davor!"
Eines hat der Kleine den Großen allerdings voraus: Er ist der Einzige, der zum Gymnasium darf. In den Jahren zuvor war das in Twistringen und damit auch im soliden Hause Beckmann, der Vater ist Futtermittelhändler, die Mutter Hausfrau, verpönt. "Das war typisch Kleinstadt, sich nicht trauen, bescheiden bleiben wollen. Die Kinder auf die höhere Schule zu schicken hieß, sich für was Besseres zu halten. Oder zumindest bestand die Gefahr, dass das von außen so gesehen wurde. Bei mir änderte sich das langsam."
Nach dem Abitur folgen ein Amerika-Aufenthalt, eine Lehre als Radio-, Fernseh- und Videotechniker, bevor er über den WDR ins Fernsehgeschäft einsteigt. Sein parallel begonnenes Studium wird er nie abschließen. "Mir ist einfach der Beruf dazwischengekommen." Der Rest ist Fernsehgeschichte.
Engagement für den Nachwuchs
Bei so viel Leben auf der Sonnenseite muss man sich als bekannte Person vermutlich irgendwann engagieren. Reinhold Beckmann allerdings hat einen authentischen Weg gefunden: fast vor seiner Haustür. Weil er in Hamburg wohnte und sich durch seinen Zivildienst in einer Bildungsstätte mit Jugendarbeit auskannte, gründete er vor 13 Jahren seine Stiftung "Nestwerk". Die kümmert sich um sozial benachteiligte Kinder in Hamburger Problemvierteln.
Schwerpunkt sind Projekte mit – wen wundert’s ?– Fußball- und Musik. Außerdem gibt es mittlerweile eine Ausbildungsoffensive. "Es ist schlimm zu sehen, wie für manche Jugendliche mit 16 Jahren der Lebensweg beinahe schon abgeschlossen ist. Am Anfang sind wir auch oft an unsere Grenzen gekommen. Da gab es Jugendliche, die ein solches Aggressionspotential hatten, dass du mehrmals täglich mit Ausrastern konfrontiert warst. Und es war nicht so einfach, Grenzen zu setzen."
Nach Erlebnissen wie diesen kehrt Reinhold Beckmann nach Hause zurück, zu Ehefrau Kerstin, einer Ernährungsberaterin, Sohn Vincent, Werder-Fan und Schlagzeuger, Tochter Greta, die gern am Klavier improvisiert, zu Hund Tony, einem Kater und zwei Kaninchen. Und vielleicht ertappt er sich selbst bei dem Gedanken, dass in seinem Leben tatsächlich alles gut läuft. Und glatt. Ein ganz kleines bisschen.
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