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06.10.2012
Interview
Kaya Yanar: Was guckst du!?
Der Comedian im Interview

Star-Comedian | FOTO: DPA

Herr Yanar, "Was guckst du" – wie oft hören Sie diesen Satz auf der Straße?
KAYA YANAR:
In 90 Prozent aller Fälle. Die Leute kennen dann oft nicht mal meinen Namen, sagen nur: He! Das ist doch der Kana. . . Jaya. . . der Was-guckst-du-Mann! Die restlichen 10 Prozent nehmen den anderen bekannten Spruch: Du kommst hier net rein! Witzig fand ich es, als die deutschen Beamten von der Passkontrolle am Flughafen den mal gebracht haben. Aber mit todernstem Gesicht!

Ausland ist ein gutes Stichwort: Sie treten mit Ihrem Programm mittlerweile auch in der Türkei auf, waren gerade in Antalya. Gibt es Unterschiede von Land zu Land?
YANAR:
In der Türkei trete ich ja auch meist vor Deutschen auf, vor Touristen. Insofern gibt es da keinen Unterschied, außer dass die Stimmung extremst ausgelassen ist. Ich habe aber auch schon mal in Istanbul im türkischen Basar gespielt vor einem Publikum, das aus Türken bestand, die mal in Deutschland gelebt haben. Und es gab die Lacher an denselben Stellen. Da scheint der Humor also kosmopolitisch zu sein.

Info

Völkerverständigung mal lustig

Bekannt wurde Yanar vor allem durch die Sat-1Comedysendung "Was guckst du?!", für die er mehrfach ausgezeichnet wurde. Der heute 39-Jährige, geboren in Frankfurt als Sohn türkisch-arabischer Eltern, gilt als Schlüsselfigur für die Entwicklung multikultureller Kulturerzeugnisse und erhielt die Grüne Palme für besondere Verdienste um die Völkerverständigung. Yanar moderierte weitere Fernsehshows, hat ein Buch veröffentlicht und stand als Schauspieler vor der Kamera. Seine Solobühnenprogramme sind ebenso erfolgreich wie seine Fernsehprojekte.

"Kaya Yanar: All inclusive!": Donnerstag, 25. Oktober, Lipperlandhalle, Lemgo, und Freitag, 26. Oktober, Kampa-Halle, Minden.

Sie sprechen ja nach eigener Aussage nicht gut Türkisch. Würden Sie es lernen, um ein Programm für Türken zu schreiben, die kein Deutsch verstehen?
YANAR:
Ich frische meine verkümmerten Türkischkenntnisse immer wieder mal auf. Ich bin ja oft in der Türkei, auch um meine Mutter zu besuchen. Aber ein Programm von zwei Stunden könnte ich auf keinen Fall bestreiten. Es kommt ja nicht nur auf das Timing an, sondern auch auf die richtigen Wörter.

Stets zum Scherzen aufgelegt

Sie sind schon seit zehn Jahren im Geschäft. Denken Sie manchmal darüber nach, ob dieses Spiel mit den Nationen und ihren Klischees auch in Zukunft noch funktioniert?
YANAR:
Ich glaube, so lange es diese Klischees gibt, so lange kann man mit ihnen spielen, und so lan-ge sind die Leute empfänglich für den Humor. Aber man muss natürlich immer mal wieder aussortieren. Die Klischees und die Themen in Deutschland haben sich seit meinen Anfängen auf der Bühne verändert. Jetzt sprechen die Leute über Beschneidung statt über Schnauzbart und Döner. Aber Themen gibt es immer, solange es Spannungsfelder zwischen den Kulturen gibt.

Sie reisen sehr gern. Sind das Feldstudien?
YANAR:
Ich versuche tatsächlich jedes Land zu bereisen, dessen Bewohner ich parodiere. Das ist besser, als eine Diagnose aus der Ferne zu stellen. Ich werde öfter mal von Griechen gefragt, wieso sie nicht in meinem Programm vorkommen. Die sagen: Wir liefern dir doch eine Steilvorlage nach der anderen. Aber ich war das letzte Mal vor 13 Jahren da. Mir ist es wichtig, auf der Bühne sagen zu können: Ich war dann und dann in Athen, und folgende Geschichte ist mir passiert. Dann ist das authentisch, und das spüren die Leute. Das möchte ich mir nicht nehmen lassen.

Welche Nation reizt Sie gar nicht zum Nachmachen?
YANAR:
Ich kann keine Türken-Gags mehr machen, die Nummer ist auserzählt. Deshalb schaue ich jetzt nur noch auf andere Länder.

Zum Beispiel?
YANAR:
Ich war vor zwei Jahren das erste Mal in Indien, das war sehr spannend. Und vor einigen Wochen war ich in Hongkong und habe viele Eindrücke für ein neues Programm gesammelt.

Sie müssen auf der Bühne oft selbst über Ihre Nummern lachen. Nehmen Sie sich vorher vor, es nicht zu tun?
YANAR:
Im Gegenteil, ich hoffe sogar, dass es passiert. Ich lache auch immer wieder an verschiedenen Stellen. Das liegt daran, dass ich keine fes-te Struktur habe. Es gibt natürlich feste Nummern, die erwarten die Leute auch. Aber wann die kommen, ist von Auftritt zu Auftritt unterschiedlich.Das heißt, Sie improvisieren.
YANAR:
Auf jeden Fall. Weil mir vielleicht gerade in dem Moment etwas Neues einfällt oder ich an dem Tag etwas Witziges erlebt habe. Dann habe ich selbst auch den größten Spaß, bei Nummern, die auf der Bühne entstehen. Ich bin sowieso nicht gut darin, Gags im stillen Kämmerlein zu schreiben. 90 Prozent der Gags entstehen auf der Bühne und da gehe ich voll mit.

Oft müssen Sie gar nichts sagen, sondern brauchen nur den typischen Yanar-Blick aufzusetzen, dann lachen die Leute schon. Ist Mimik wichtiger als Sprache?
YANAR:
Nein, aber mindestens genauso wichtig. Ich glaube, dass die Leute das von mir erwarten, weil ich nun mal dieses Knautschgesicht habe. Das hat übrigens Jahre gedauert, bis ich das überhaupt selber entdeckte. Aber unter dem ganzen Herumgekaspere muss irgendwo ein Witz stecken, sonst ist es nur Blödelei.

Was glauben Sie: Sind wir schon so weit, dass nicht nur ein Deutschtürke, sondern auch ein Deutscher Witze über andere Nationen machen kann?
YANAR:
Klar ist es für mich leichter, solche Witze als halber Ausländer zu machen – weil ich mich dabei auch immer selber auf die Schippe nehme. Generell kommt es meiner Ansicht nach aber nicht so sehr auf die Nationalität an, sondern auf die Einstellung: So lange der Zuschauer merkt, dass ich Witze über eine Nation mache, die ich eigentlich mag, ist alles in Ordnung. Ich würde mir sogar wünschen, dass mal ein Deutscher auf die Bühne geht und sagt: "Ich war letzte Woche im Cluburlaub in Antalya, und das ging gar nicht" – und sich dann übers Essen auslässt.

Gibt es Situationen, in denen Sie sich ganz als Deutscher fühlen?
YANAR:
Das ist ganz merkwürdig. In Deutschland sage ich immer: Ich bin Deutscher, aber eine special Edition. Deshalb fahre ich auch etwas temperamentvoller, so wie wir Südländer halt fahren. Kaum bin ich aber im Ausland, bin ich hinter dem Steuer deutscher als deutsch und nur am Schimpfen, warum sich keiner an die Regeln hält. Gerade türkische Autofahrer sind chaotisch, die machen mich fertig.

Knautschgesicht | FOTO: DPA

Und hier sind Sie eher Türke?
YANAR: In Deutschland mer-ke ich zumindest, dass ich viel Türkisches in mir trage, das Temperament, die Emotionalität, das Erzählen von langen Geschichten und nicht nur Pointen auf der Bühne. Aber im Endeffekt nehme ich das alles nicht zu ernst. Ich bemerke zwar verschiedene Einflüsse in mir, aber ich definiere mich nicht über sie oder benutze sie als Ausrede.

Sie sind Pescetarier, das heißt, Sie essen kein Fleisch, aber Fisch. Und Sie engagieren sich auch sonst sehr für den Tierschutz – ein Thema, bei dem Ihnen das Lachen vergeht?
YANAR:
Da gibt es keine Comedy. Wenn ich sehe, wie Tiere behandelt und abgeschlachtet werden, dann muss ich das anprangern. Ich bin kein Missionar, und die Leute können tun und lassen, was sie möchten. Aber ich glaube, dass viele Menschen gar nicht wissen, was es für Zusammenhänge und Zustände gibt. Die machen sich keine Gedanken darüber, dass sie sechsmal die Woche Fleisch essen. Da möchte ich gern eine Anregung geben.

Hat es eine andere Schlagkraft, wenn sich ein Spaßmacher für ernste Themen einsetzt?
YANAR:
Gute Frage. Da ist vielleicht was dran. Aber da hab ich mir keine Gedanken drüber gemacht. Mich hat das Thema Tierschutz einfach berührt. Und wenn die Leute, die mich kennen, sich über diesen Weg damit auseinandersetzen, dann finde ich das eine gute Sache.

Das Gespräch führte Anneke Quasdorf.

Kommentare
Ich weiß nicht, wie man darüber lachen kann. Es ist traurig genug, dass man noch heute von Leuten mit Migrationshintergrund, eben auf genau diese Art angepöbelt wird.

Voll langweilig und übertrieben albern dieser Typ.
Ich mag diesen arroganten Typen nicht leiden.Was bildet der sich eigentlich ein und worauf?


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