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13.10.2012
Porträt
Martina Hill: Achtung, lustig!
Seit 2007 gewinnt die 38-jährige jährlich den Comedypreis
VON PAULA BERG

Martina Hill | FOTO: PR

"Oh Mann, ich wünschte, ich würde Sport machen", sagt Martina Hill fast vorwurfsvoll zu sich selbst. "Aber ich bin so faul. Ich bin eine echte Couch-Potatoe. Ich kann stundenlang nur so dasitzen oder -liegen und an die Decke gucken. Oder aus dem Fenster in den Himmel. Spazieren gehen, und dann vielleicht irgendwo einen Kaffee trinken, herrlich. Das macht mich glücklich . . ."

So. Faul ist sie also. Und wie ist es dann zu erklären, dass Martina Hill für ihre Sat 1- Comedy-Serie "Knallerfrauen" gerade erst wieder den Deutschen Fernsehpreis abgesahnt hat? Bestimmt nicht damit, dass sie träge an die Decke starrt. "Nein, natürlich nicht", gibt die blonde Wahlkölnerin zu und lacht. "Wenn ich nicht auf dem Sofa liege, bin ich sehr fleißig."

Info

Preisverdächtig

Seit 2007 gewinnt Martina Hill jährlich einen Preis: den Deutschen Comedypreis, den Deutschen Fernsehpreis, die österreichische Romy – mal als Ensemblemitglied, mal als beste Schauspielerin. 2012 gab’s wieder den Deutschen Fernsehpreis, für "Knallerfrauen" als beste Comedy-Show.

Im Klartext heißt das: mit ihrem Team Sketche über Frauen in ungewöhnlichen – und für die Zuschauer brüllend komischen – Situationen entwickeln und schreiben, dann mehrere Wochen lang Tag für Tag vor der Kamera stehen und spielen. "So richtige Wochenenden gibt’s in diesen Phasen nicht, geregelten Feierabend auch nicht", sagt sie. Stattdessen sprudeln permanent Ideen: "Das ist ein kreativer Prozess, in den ich voll eintauche." Nach diesem Turbo-Programm braucht Martina Hill dann eigentlich auch gar keinen Sport mehr: "Nach dem Dreh zur aktuellen Staffel ,Knallerfrauen‘ war ich fünf Kilo leichter. So viel Bewegung ist mein Körper einfach nicht gewohnt."

Die Gedanken an ihr Sofa sind in diesen Phasen ganz weit weg. Und wenn Martina Hill ehrlich ist, gibt es da auch etwas, was sie noch glücklicher macht, als herumzulümmeln: "Es ist einfach ein tolles Gefühl, dass es Zuschauer gibt, denen meine Arbeit gefällt", sagt sie und atmet tief ein. Dann fügt sie verschmitzt hinzu: "Auch wenn das in meinem Fall bedeutet, dass sie dann über mich lachen." Und das tun sie.

Sie ist der Shootingstar der deutschen Comedy-Szene

Martina Hill ist zurzeit der Shootingstar der deutschen Comedy-Szene. Nicht nur mit ihren "Knallerfrauen". Sie tritt auch in Oliver Welkes Nachrichtenparodie "Heute-Show" auf und gibt dort als Tina Hausten nervtötend die Statistikfrau. Dann wieder schlüpft sie für "Switch Reloaded" in Promi-Rollen – manchmal nicht weniger nervig, zum Beispiel mit ihrer inzwischen berühmten Piepsstimme als Heidi Klum. Neuerdings hat sie noch Renate Künast im Programm. Grummelig, immer ein bisschen schlecht gelaunt. Sie kann aber auch Gundula Gause, die Claus Kleber im "Heute-Journal" in den Wahnsinn treibt, oder Daniela Katzenberger mit ihrem ewig erstaunten Gesichtsausdruck.
Erfolgreich, ob allein oder im Team | FOTO: DPA

Hinter jeder dieser Rollen liegt wochenlanges Training, in dem Martina Hill sich die Originale auf Video ansieht. Sie versucht dabei, sich deren Eigenarten abzugucken: Wie lacht Heidi Klum? Wie bewegt Renate Künast ihre Stirn beim Sprechen? Gleichzeitig versucht sie, ihren eigenen Blick auf die Figur zu schärfen. "Die Hill’sche Farbe", wie sie sagt. Wie ein Karikaturist. "Wenn sie denselben Menschen von fünf Parodisten darstellen lassen, haben sie am Ende fünf unterschiedliche Interpretationen", erklärt sie. Und genau das macht ihre Arbeit für sie aus.

Die Verkleidung ist für Ihre Sketche ein Muss

Sie adaptiert nicht, sie bringt sich ein mit Haut und Haar. Nur optisch wird sie komplett zu einer anderen. "Sie glauben gar nicht, was eine geklebte Nase in einem auslösen kann kann", sagt sie. "Würde ich während der Verwandlung die Augen geschlossen halten und mich erst wieder im Spiegel sehen, wenn die Maske fertig ist, würde ich wahrscheinlich laut schreien vor Schreck. Aber meist lache ich mich schlapp, weil das Ergebnis so verblüffend ist und ich mich selbst nicht wiedererkenne." Zum Beispiel, wenn die Renate Künast im Spiegel genau dann spricht, wenn sie selbst den Mund aufmacht.
Martina Hill kommt aus Berlin, der Vater Lokführer, die Mutter Krankenschwester – eine ganz normale Familie also mit einer hübschen Tochter, die eher schüchtern war. In der Schule war sie in der Theater-AG, "allerdings als Souffleuse, nicht als Schauspielerin. Ich hätte mich damals um nichts in der Welt auf eine Bühne getraut."

Wie aber ist sie dann zu der Frau geworden, die sich Jahre später im Fernsehen für nichts zu schämen scheint? Die sich nicht scheut, in "Knallerfrauen" an ihre Grenzen zu gehen? Sie spielt Szenen, in denen sie sich von einem Personal Trainer sehr sexuell entspannen lässt – kaum eine Körperstelle, die er nicht begrapscht. Sie blamiert sich im Restaurant mit Essen im Gesicht oder garniert ihren Auftritt als Schickimicki-Chefin mit gedankenverlorener Popelei, bis die Nase wackelt. Und das bereits in der zweiten Staffel – in insgesamt also rund 200 Sketchen.

"Ganz genau kann ich mir das auch nicht erklären", gesteht Hill. "Ich habe einfach irgendwann gemerkt, dass ich Spaß daran habe, andere zum Lachen zu bringen." Ihren Durchbruch hatte sie erst mit Anfang 30, davor gab es den Berufswunsch Radiomoderatorin oder Synchronsprecherin. "Dafür habe ich sogar meine Bühnenscheu überwunden und bin auf eine Schauspielschule gegangen", erzählt sie.

Vor dem Durchbruch musste Hill sich als Kellnerin durchschlagen

Die großen Angebote blieben danach aber aus. Ein bisschen Werbung hat sie gemacht, das war’s. "Das war keine leichte Zeit", sagt sie heute. "Ich hatte zwar hier und da mal ein Vorsprechen, aber keins hat mich wirklich weitergebracht. In der Zeit habe ich mich als Kellnerin durchgeschlagen und hatte die Hoffnung, im Schauspiel Fuß zu fassen, schon aufgegeben." Und dann gab es plötzlich ein Comedy-Casting, zu dem sie eingeladen war. Das war 2004.

Vom Original optisch kaum zu unterscheiden | FOTO: DPA

An dieser Stelle kommt wieder ihr Sofa ins Spiel, denn vor diesem Casting hatte Martina Hill eine Grippe und lag flach. "Ich habe in dieser Zeit wahnsinnig viel ferngesehen und mir alle Ally-McBeal-Staffeln reingezogen", erzählt sie. "Danach konnte ich die Anwältin nahezu perfekt zitieren und nachmachen. Genau damit habe ich dann vorgesprochen – und mein erstes Fernsehengagement bekommen."

Die entscheidende Voraussetzung für sie war damals, dass es für dieses Casting keine Vorgaben gab. "Die einzige Vorgabe war: Machen Sie irgendetwas! Hauptsache, es ist lustig", erinnert sie sich. "Das war’s! Diese kreative Freiheit hat mich damals wahnsinnig beflügelt."

Vielleicht ist das das Geheimnis von Hills Erfolg: sich einbringen zu können, aber erst mal keine Grenzen zu haben. Auszuprobieren, ohne blockiert zu werden. "Darin gehe ich auf. Und wenn ich mich wohl fühle und hinter einer Sache stehe, mache ich mich auch mit Freude vor der Kamera zum Horst!"

Danach kann Hill sich nach monatelanger Arbeitsphase auch mal wieder entspannt auf ihr Sofa legen und nichts tun – außer vielleicht, davon zu träumen, doch noch mal irgendwann zum Sport zu gehen. Demnächst, nach der nächsten Staffel. Vielleicht.


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