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03.11.2012
Porträt
Götz Alsmann: Tolle Type
VON ANNEKE QUASDORF

Der Entertainer im Porträt | FOTO: EMI

Für einen Mann von Welt bietet die kleine Kurstadt Bad Pyrmont im verschlafenen Weserbergland ein mäßig interessantes Pflaster. Die kleinen Läden an der Einkaufsstraße haben heute geschlossen, gemächlich wandern Kurgäste mit ihren Besuchern durch den Park, und die meiste Hektik verbreiten die Enten im Schlossteich, die sich um Brotkrumen streiten.

Der Mann von Welt, der hier heute zu Gast ist, heißt allerdings Götz Alsmann, und somit liegt die Sache anders. Als Künstler und Ästhet hat er sich zunächst begeistert für Kulisse und Akustik im Innenhof des Wasserschlosses, wo er abends spielen wird. Jetzt, nach dem Soundcheck, sitzt er mit seinen Musikern in einem italienischen Restaurant. Im erlesenen Ambiente aus schmiedeeisernen Stühlen und rosengedeckten Tischen, das ausgezeichnet zu Alsmanns hellem Leinenanzug passt, trinkt er Weißwein und speist Jakobsmuscheln.

Dass der Meister zufrieden ist, liegt aber nicht nur am Pinot, sondern auch am Piano: Der Flügel, der momentan im verlassenen Schlosshof darauf wartet, dass sich später die begnadeten Finger auf seinen Tasten niederlassen, ist von akzeptabler Qualität – ein Garant für Alsmanns Laune. "Wenn ich ein schlechtes Klavier kriege, dann bin ich beleidigt, gekränkt."

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Quatsch mit Götz

Dass sich der Entertainer für keinen Spaß zu schade ist, beweist er immer wieder bei den Spielen in der WDR-Sendung "Zimmer frei", wo er mit Christine Westermann unter prominenten Gästen nach geeigneten Mitbewohnern für die Show-Wohngemeinschaft sucht. 2000 wurde das Format mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Aus dem Ruder lief eine Ausgabe aus dem Jahr 1999 mit Cherno Jobatey. Durch Anspielungen auf seine Legasthenie verärgerten die Moderatoren ihren Gast so, dass er für kurze Zeit das Studio verließ.

Kaum ein anderer deutscher Künstler am Klavier, der so variabel und fantasievoll spielt. Das ist aber nicht der Grund, warum Alsmann seit Jahrzehnten präsent ist in Konzertsälen, Funk und Fernsehen. Es ist seine Sturheit, mit der er sich dem Zeitgeist widersetzt, dem modischen und dem melodischen. Wo er auftaucht oder mitwirkt, verbreitet er das Flair vergangener Zeiten, die Eleganz der 20er Jahre, die Verstaubtheit der 50er. Das Ergebnis aus Einstecktuch, Haartolle und Swingmusik ist nicht nur unterhaltsam und wohlklingend, sondern vor allem eins: unendlich stilvoll.

Ihm selbst ist früh, mit 15, klar: In seiner jungen Brust schlägt ein altmodisches Herz. "Ich wusste, dass ich Unterhaltung machen wollte", sagt Alsmann, lehnt sich entspannt im Stuhl zurück, schlägt ein Bein über das andere und zupft sorgsam die Anzughose über dem Schuh zurecht. "Ich wollte natürlich als Musiker brillieren, aber ich wollte die Menschen auch unterhalten. Ich wollte gern, dass sie mit einem glücklichen Gesicht nach Hause gehen."

Diese Gesichter findet er aber nicht auf den Rockkonzerten, die er besucht. "Die Leute da sind ein bisschen durch die Gegend gesprungen und haben sich eine schöne, dicke Tüte reingepfiffen, und das war’s dann auch." Im Dixieland-Frühschoppen dagegen stößt der junge Götz auf ganz viel Glück, und damit ist die Sache für ihn klar: "Es gab keine Alternative. Es musste Musik sein, und es musste das Klavierspiel sein."Die Eltern haben keine Einwände gegen die beruflichen Pläne ihres Sohnes. "Junge, sieh zu, dass du die Auftragsbücher vollkriegst" ist alles, was der Vater, ein Handwerker, seinem Sohn mit auf den Weg gibt. Sowieso ist im Hause Alsmann alles anders als in typisch westfälischen Familien. "Meine Mutter kam aus Jugoslawien, und da ist man nicht westfälisch. Bei uns zu Hause ging es entsprechend laut zu, wie in so einem alten Sophia-Loren-Film, wo alle schreien. Meine Eltern waren verrückt, im ganz positiven Sinne. " Oft bringt der Vater seine Söhne so zum Lachen, dass sie sich fast in die Hosen machen, spielt bei Mahlzeiten mit dem Essen oder trägt seine Kleidung auf links. Als er mitbekommt, dass sein Sohn im Kindergarten das erste Mal ein Klavier gehört hat und total fasziniert ist, kauft er für ein paar Mark in einem Studentenwohnheim eine altersschwache Klimperkiste – nicht, ohne Götz zuerst zum Blockflötenunterricht zu schicken. "Man musste ja gucken, ob der Junge dabei bleibt."

Der Junge bleibt dabei. Wie viele Instrumente Alsmann heute spielt, weiß er selbst nicht. Bei Live-Auftritten sind es in der Regel nur drei: Klavier, Akkordeon und Ukulele. Bei Plattenaufnahmen kommen Mandoline, Banjo und Gitarre dazu. "Ich spiele keine Blasinstrumente", sagt er nach kurzem Überlegen. "Aber ansonsten eigentlich alles. Nur nichts richtig." Spricht’s und lächelt.

Dieses Lächeln ist offen, echt, warm und sehr überraschend, steht es doch in starkem Kontrast zu der Distanz, die Alsmann bisweilen mit seinem preziösen Auftreten schafft. Besonders im Kreis seiner Musiker, kernigen, grundsympathischen Männern, hebt ihn diese Kühle hervor. Sie ebbt auch dann nicht ab, wenn er einen Fan begrüßt.

Davon laufen an diesem Tag in Bad Pyrmont viele durch den Park. Meist sind es Frauen, die die markante Tolle zwischen den Haarschöpfen im Restaurant ausmachen, sich vorsichtig heranpirschen und um ein Autogramm bitten. Alsmann, ganz Profi und Charmeur, zeigt sich dann von seiner nettesten Seite, parliert, flirtet, umschmeichelt so gekonnt, dass er selbst gestandenen Frauen ein mädchenhaftes Kichern entlockt. Das alles wirkt sehr liebenswürdig. Richtig herzlich ist es nicht.

Vielleicht stört auch nur die feine Ironie, die in vielen seiner Sätze mitschwingt. Obwohl er auch sich selbst damit auf die Schippe nimmt, lässt sie keinen Zweifel daran, dass sich Götz Alsmann selbst ganz gut gefällt. Allerdings hat er auch erlebt, wie es ist, wenn man niemandem gefällt. Als Kind hat der eher zarte Schüler auf dem Jungengymnasium einen schweren Stand, kann sich erst dadurch Respekt verschaffen, dass er den Klassenclown gibt. Auch nach der Schule, Ende der 80er, läuft es erstmal schlecht. "Da hatte ich einfach mit nichts Erfolg. Das waren bittere Jahre." Wieder rettet sich der junge Götz mit seinen Kaspereien. "Ich musste nicht hungern, aber ich habe nur vom Unfugmachen gelebt." In solchen Zeiten bleibt einem wohl nichts anderes übrig, als sich selbst zu feiern.

Heute darf der Musiker sich feiern lassen, zum Beispiel vor fünf Jahren vom WDR, der zu seinem 50. Geburtstag extra einen Götz-Alsmann-Abend gestaltet. "Das sind Momente, über die ich mich freue. Dafür bin ich eitel genug." Breites Grinsen. "Aber ich bin uneitel genug, es zuzugeben."


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