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17.11.2012
Porträt
Jürgen Vogel: Der Widerspenstige
Der Schauspieler im Porträt
VON ANNEKE QUASDORF

Jürgen Vogel: Der Widerspenstige

Ein Interview. Ausgerechnet. Es gibt nichts Nervtötenderes, was man Jürgen Vogel zumuten könnte, als das: Gequatsche über seinen neuen Film, Fragen zu seinem Privatleben oder, wie er es nennt: Presserummel. So schlimm? "Ein Interview ist so gut wie die Fragen, die gestellt werden. Und gute Fragen begegnen einem nicht oft", sagt er und grinst das typische, unverschämte Vogel-Grinsen.

Unterm Strich muss man wohl sagen, reißt er sich an diesem Tag im Foyer eines Kleinkunstkinos am Riemen. Lediglich das heftig wippende Knie unter der Tischplatte verrät seine Genervtheit. Dennoch gleicht er mehr einem bockigen Nachhilfeschüler, als einem von Deutschlands Oberliga-Schauspielern. Es ist allerdings auch genau diese Attitüde, wegen der Vogel überhaupt drin ist in Deutschlands Schauspieler-Oberliga: Genauso freimütig, direkt und schnodderig wie im Pressegespräch kommt er auch auf der Leinwand rüber, immer eher Typ Bauarbeiter als Intellektueller, ein Macher, kein Grübler, dessen Sätze stets so wirken, als seien sie ihm gerade eingefallen.

Selten setzt er auf so leicht konsumierbare Rollen wie im Kassenschlager "Keinohrhasen", wo Vogel sich selbstironisch so darstellte, wie viele ihn gern hätten: mit wallender Haarpracht und makelloser Zahnreihe. Stattdessen reizen ihn die Charaktere, die keiner mag. Nazi, Vergewaltiger, Fremdgeher, Jürgen Vogel hat sie alle gespielt, und zwar so, wie es niemand erwartete: mit Sympathiefaktor. Fragen sollte man danach allerdings besser nicht, das ist nämlich noch so eine Sache, auf die er gar nicht kann: Pseudopsychologisches Gerede über seine Rollen. "Das langweilt mich."

Info

"Mir sind Preise nicht wichtig"


Dafür, dass Jürgen Vogel keinen Wert auf Auszeichnungen legt, hat er in seinem Leben schon ganz schön abgeräumt: Zu Hause stehen unter anderem mehrere Bayerische Filmpreise (unter anderem für "Rosamunde" und seinen Durchbruchsfilm "Kleine Haie") und ein Deutscher Fernsehpreis (für "Das Leben ist eine Baustelle"). Besonders gefeiert wurde der Schauspieler für seine Darstellung des Vergewaltigers Theo Stoer in dem Drama "Der freie Wille", für das er auch als Koautor und Produzent tätig war.

Alles andere als ein netter Kerl, also eine typische Vogelrolle?


Schade. Wäre im Fall seines aktuellen Films "Gnade" interessant geworden. Kauzig spielt Vogel hier den Ingenieur Niels, der mit seiner Frau einen Unfall vertuscht und sich darüber aus seiner Bärbeißigkeit schält. Wieder alles andere als ein netter Kerl, also eine typische Vogelrolle? "Ich verwende das Wort Sympathie nicht für Figuren, die ich spiele, das ist tabu. Es geht darum, dass sie Menschen sind. Die Nähe ist viel wichtiger, um sich mit der Thematik eines Films auseinanderzusetzen, als die Distanz, die einen außen vor lässt. Es war für mich ein einschneidendes Erlebnis, als ich das verstanden habe."

Es ist eine Strategie, die seinem Wesen entspringt: Nicht groß nachdenken, nichts verkomplizieren, einfach loslegen. So hat Vogel schon begonnen, was sich später als Karriere herausstellen sollte, und dabei ist er geblieben. Anfang der 80er Jahre besucht er eine Schauspielschule in München – für genau einen Tag, dann haut er ab, weil er mit den Lehrern nichts anfangen kann. 2005 spielt er in Lars Kraumes "Keine Lieder über Liebe" den Sänger einer Band. Obwohl er nicht singen kann, nimmt er gleich noch eine Platte zum Film auf. Auch mit der englischen Aussprache ist es bei Vogel nicht weit her, dennoch pfeift er auf den Nachhilfelehrer und sagt zu für "Gnade" und damit für eine Rolle, die zur Hälfte aus englischen Sätzen besteht.Ein bisschen Traute steckt in solchen Aktionen, aber auch ganz viel Trotz. "Ich hab generell schon ’n großen Trieb, Dinge anders zu tun, als man mir sagt, dass ich sie tun soll", hat Vogel mal in einem Interview gesagt. Hinzu kommt die unbändige Lust, Neues auszuprobieren und schwupps! taucht der Charakterdarsteller nicht mehr nur auf den Leinwänden von Kleinkunstkinos auf, sondern im Fernsehen, wo er als Panzerfahrer für den Männersender DMAX große Fahrzeuge testet. Oder er steht, nur mit enger Boxershorts bekleidet, auf einem italienischen Balkon und zieht an einer Wäscheleine hängende, "Boom chicka wah wah" hauchende Frauen zu sich heran.

Die Axe-Werbespot machte Jürgen Vogel zum Sexsymbol


Spätestens seit diesem Werbespot für den Kosmetikhersteller Axe gehört Vogel nicht mehr nur zur Schauspieler-Oberliga, sondern auch in die Kategorie "Sexsymbol". Und damit ist man zwangsläufig doch bei dem Thema, das so ausgenudelt ist wie kein anderes, das man aber auch einfach nicht umgehen kann, wenn man Jürgen Vogel trifft. Die Zähne. Die sind genauso schief, wie auf den Fotos, aber in echt passen sie noch viel weniger zu Vogels sonstiger Bruce-Willis-Ästhetik aus drahtigem, muskulösem Oberkörper, Tattoos und rasiertem Kopf.

Es ist ein langer Weg bis zu dieser lässigen und coolen Präsentation. Er selbst findet ihn zu melodramatisch und klischeehaft, um darüber zu sprechen. Tatsächlich wäre die Geschichte Stoff für einen ziemlich vorhersehbaren Film: Junge, 15 Jahre alt, haut ab aus den bescheidenen Verhältnissen seines Elternhauses, Vater Kellner, Mutter Hausfrau, in Hamburg. Er hat Robert de Niro im Kino gesehen, in "Taxi Driver", und nun die fixe Vorstellung im Kopf: Wenn überhaupt, dann Schauspielerei.

Ein ungewöhnlicher Lebenslauf


An der Schauspielschule ist dann aber alles zu eng, also setzt sich der junge Rebell wieder ab, landet in Berlin, hält sich als Koch und Paketausfahrer über Wasser und rutscht ab. Ins Milieu, in die Gang, ist egal, welcher Begriff, zu kitschig wären Vogel beide. Einer, der ihm Halt gibt in dieser Zeit, ist der Schauspieler Richy Müller. Er bietet dem 17-Jährigen, der ziellos durch die Szene treibt, ein Zuhause, bringt ihm das Putzen bei und lässt sich von ihm Texte abhören. Nach dieser schwierigen Phase kommt plötzlich der große Durchbruch und fortan kann der junge Künstler mit den proletarischen Wurzeln es allen zeigen. Ach ja, fast vergessen: Mit 20 wird er das erste Mal Vater. Geplant.

Heute hat Vogel fünf Kinder mit drei verschiedenen Frauen. Dreht bis zu vier Filme in einem Jahr. Lebt immer noch in Berlin. Liebt seinen Kampfsport und hat einen Tauchschein gemacht. Ist er angekommen? Im Reinen mit sich? "Nein. Und ich kenne auch keinen, der das ist. Das ist so ein Zustand, von dem ich auch nicht genau weiß, ob man den erreichen soll, kann, ob es das gibt, ob ich das überhaupt möchte. Mein Therapeut hat mal gesagt: ,Eher lernen, damit klarzukommen, Dinge anzunehmen. Nicht zu stark zu glauben, man könnte 1.000 Dinge ändern, sondern einfach mal zu versuchen, es auszuhalten wie es ist.’ So, jetzt war ich aber schon verdammt ehrlich." Vogel guckt auf die Uhr. Sieht, dass die Interview-Zeit um ist. Und hat auf einmal verdammt gute Laune.

Kommentare
Bei den briefmarkenplatten Fragen wäre ich auch froh gewesen der Sache endlich entkommen zu können.


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