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15.12.2012
Porträt
Frank Turner: Der Husky-Flüsterer
VON JÜRGEN JUCHTMANN

Kanadier lebt mit 125 Schlittenhunden | Porträt

Als Darsteller des Weihnachtsmanns wäre Frank Turner mit seinem grauen Vollbart, dem wallenden Haar und der Nickelbrille erste Wahl. Er kennt sich auch mit Schlitten aus wie kein Zweiter. Allerdings werden seine von Hunden gezogen, nicht von Rentieren. "Hunde sind wie Menschen", sagt er mit sanft klingender Stimme. Dabei wedelte der zu seinen Füßen liegende, ergraute Husky-Mischling zustimmend mit dem Schwanz. Der Hunderentner bekommt hier sein Gnadenbrot. Als einer von vielen.

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Infos unter http://travelyukon.de http://www.muktuk.com
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Mit 125 Schlittenhunden und seiner Frau lebt Turner auf einer Ranch bei Whitehorse im kanadischen Yukon. Der 65-Jährige gilt als eine der größten Koryphäen weltweit für Schlittenhunde, die zum Beispiel im Yukon Quest laufen, eines der härtesten Hundeschlittenrennen der Welt. 1995 gewann er das 1.000-Meilen-Rennen in der Rekordzeit von zehn Tagen, 16 Stunden und 20 Minuten. Erst zwölf Jahre später war jemand schneller.

Dann erzählt Turner die Geschichte vom 1.123 Meter hohen Eagle Summit. Das ist einer der steilsten Pässe im Zuge des stets im Februar von Fairbanks (Alaska) nach Whitehorse (Yukon) - oder umgekehrt - führenden Rennens. "Mein Fuß hatte sich im Schlitten verfangen und ich verlor die Kontrolle". Das Hundegespann schleifte Turner mit und rammte einen anderen Musher. Das Rennen musste Frank wegen der Verletzung eines Leithundes später aufgeben. "Das größte Problem auf dem Quest ist aber der konstante Schlafentzug, das laugt dich aus!"Das Geheimnis des Erfolgs beim Schlittenhundrennen? "Glaube an deine Hunde, dann glauben sie auch an dich", sagt Frank ohne zu zögern.

Info

1000 Meilen in Eis und Schnee

Der Yukon Quest ist ein Langstrecken-Schlittenhunderennen, das auf einer Länge von 1.000 Meilen oder 1.600 Kilometern quer durch Alaska und Kanada führt. Es findet seit 1984 jedes Jahr im Februar statt, bei geraden Jahreszahlen führt es von Fairbanks nach Whitehorse, bei ungeraden Jahreszahlen in die andere Richtung.
Der Yukon Quest gilt als das härteste Rennen, Es gilt als das härteste Hundeschlittenrennen der Welt, da die Route über gefrorene Flussläufe, vier Bergkämme und entlang von Gletscherspalten führt. Die Temperatur fällt zu dieser Jahreszeit auf minus 51 Grad, hinzu kommen Windgeschwindigkeiten von 80 Stundenkilometern. Durchschnittlich sind die Teilnehmer zwischen zehn und 14 Tagen unterwegs.

Zwischen Hunden und Herrchen herrscht ein enges Verhältnis


Wer Turner besucht, erlebt hautnah, wie sehr der "Musher", wie die Schlittenhundeführer genannt werden, seine Tiere liebt. Zur Begrüßung animiert er die 125 Hunde zu einem ohrenbetäubenden Geheul. Dabei wird schnell klar, dass der Hund vom Wolf abstammt. "Gehen Sie ruhig zu den Tieren, die lassen sich alle gerne knuddeln", sagt Turner.

Tatsächlich sind seine Tiere ausnahmslos freundlich. Mozart und Rimski empfangen Besucher mit heftigem Schwanzwedeln, Hendrix und Kathrina liegen faul in ihrer Hütte. Nash thront oben drauf und Gandalf schnuppert neugierig an der Hand des Besuchers. Alle lassen sich gerne kraulen. "Die Tiere müssen glücklich sein", sagt Frank Turner voller Überzeugung, "und sie müssen sich sicher fühlen". Gewalt bei der Hundeerziehung verabscheut der Kanadier. Außerdem lässt er sich seine Tierliebe einiges kosten: 50.000 Dollar gibt er im Jahr für Hundefutter aus. "Bestes Hühnchenfleisch, tiefgefroren aus Milwaukee in den USA".
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Dann kommt Shilo herangetrottet. Die Hündin, eine von Franks Lieblingen, ist an Krebs erkrankt. Sie lebt, wie einige ältere Tiere, mit Franks Familie im Haus. "Manchmal, wenn Hunde sterben, laufen sie einfach weg", sagt Turner. Auch Shilo verschwand eines Tages. "Am Abend kehrte sie dann mit einem Erdhörnchen im Maul zurück. Da wusste ich, dass es noch nicht zu Ende geht, obwohl die Tierärztin schon zum Einschläfern geraten hatte". Als er das erzählt, wischt sich Turner eine Träne aus dem Auge. Der Hundefriedhof liegt gleich hinter dem Hauptgebäude der Ranch.

Wie aber kam Turner, der in Toronto eine Ausbildung zum Sozialpädagogen absolvierte, auf eine Hunderanch in den eher unwirtlichen Yukon? "Weil wir 1973 eine Münze geworfen haben", sagt der 65-Jährige und lacht. Eine Freundin wollte damals mit ihm in den Yukon fahren, Frank zog es eher ins warme Mexiko. Die Münze entschied und der Rest ist Geschichte.

Turner ist gelernter Sozialpädagoge


Der erlernte Beruf mag Turner dennoch bei seinem Umgang mit Hunden geholfen haben. Als einer von nur zwei Hundeführern ist er beim Yukon Quest mit dem Preis der Veterinäre für seinen pfleglichen Umgang mit den Tieren ausgezeichnet worden. Darauf ist er stolz. "Jeder individuelle Erfolg hängt an der Pflege der Hunde". Ein Schlittenhund kann bis zu 180 Kilometer in zwölf Stunden laufen. Das schaffen die süßen Welpen in Franks Zwinger natürlich noch nicht, aber an Enthusiasmus zum Rennen lassen selbst die Winzlinge nichts vermissen.

Kein Wunder, hat sich Turner doch mit Absicht für diese Hunde, Alaska Husky-Mischlinge, entschieden, "weil die mehr Ausdauer haben und stärker sind, aber eben nicht so hübsch wie die sibirischen." Ob er Hunde verkauft? Da wird Frank nachdenklich und sagt nur einen Satz: "Wenn jemand einen blauäugigen Husky haben will, kann er gleich wieder gehen. Basta!"

Um Zuchterfolg geht es also nicht auf der Turner-Ranch. Stattdessen laden sie Gäste ein. Im Sommer können Hundefreunde die Husky-Schlitten auf Rollen fahren, jetzt im Winter natürlich auf Kufen. Außerdem steht Hundepflege auf dem Programm. Und wer weiß, vielleicht spielt Frank Turner zum Christfest den Weihnachtsmann. Zuzutrauen wär’s ihm.


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