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22.12.2012
Liebe
Das Feuer der Leidenschaft
Warum die Königin der Emotionen so wichtig ist für unser Leben
VON PAULA BERG

Mal völlig leidenschaftslos gesagt, ist sie einfach das Salz in der Suppe. Man könnte sie aber auch so beschreiben: Sie ist wie eine Flamme, die in uns brennt. Sie ist ein Motor, sie erfüllt uns mit dem Wunsch, etwas wieder und wieder zu tun. Sie treibt uns zu Höchstleistungen an, schickt uns mit Freude morgens zur Arbeit. Sie lässt uns lieben, unter unmenschlichen Anstrengungen Berge erklimmen, Häuser bauen, Menschen helfen oder Akten sortieren. Und ganz nebenbei kitzelt sie auch noch das Glück hervor. Denn in allem, was wir mit ihr tun, gehen wir auf. Klar, die Rede ist von ihr, der Königin der Emotionen: Leidenschaft.

"Aber wieso?", mag jetzt mancher fragen: "Leidenschaft kann doch auch unglücklich machen oder zerstören. Zumal doch in diesem Begriff schon das Wort "Leid" steckt. In einer Affäre zum Beispiel hat doch schon der eine oder andere alles verloren. So wie Diane Lane zum Beispiel um ein Haar im Film "Untreu". Ja, das stimmt. Das ist bestimmt schon oft passiert. Und doch war es selbst in jenem Film nicht die Leidenschaft, die das Unglück brachte, sondern der Mensch, mit dem Diane Lane sie ausgelebt hat. Die eigentlichen Momente der Hingabe hingegen waren auch in diesem Fall garantiert sehr schön!

Inwieweit man für eine Leidenschaft allerdings alles aufs Spiel setzt, sei jedem selbst überlassen. Um das zu entscheiden, gibt es schließlich noch die Vernunft, die sich jederzeit einschalten lassen sollte – aber das ist ein anderes Thema.

Biochemisch gesehen nur ein paar Botenstoffe

Leidenschaft – was genau steckt also dahinter? Biochemisch betrachtet sind es einfach ein paar Botenstoffe, die durch Nervenbahnen sausen und gute Gefühle auslösen können, wissen Hirnforscher heu-te. "Immer dann, wenn wir eine Herausforderung meistern, werden im Gehirn die sogenannten emotionalen Zentren aktiviert, die dafür sorgen, dass Glücksstoffe in den Körper gelangen", sagt Dr. Ilona Bürgel, Coach und Psychologin aus Dresden. Durch diesen Prozess werden die Nervenzellen, die während der gelungenen Herausforderung benutzt wurden, sozusagen belohnt. Das Ergebnis: Sie entwickeln sich weiter – und wir sind motiviert.

Das funktioniert bei jedem Menschen. Selbst bei denen, die Tag für Tag stoisch hinter ihrem Schreibtisch sitzen und Papiere vernichten. Bei ihnen ist die Leidenschaft nur möglicherweise einfach eingeschlafen, weil die Zellen der entsprechenden Nervenbahnen abgestorben sind."Das ist aber nur halb so wild", sagt Ilona Bürgel: "Man kann neue Zellen aktivieren und anders vernetzen, indem man sie fordert." Das heißt: Tag für Tag etwas Neues probieren, alte Pfade verlassen, unbekannte Wege suchen. "Das bringt die Regionen im Gehirn in Schwung, die vernachlässigt wurden", erklärt sie. "Das kann allerdings erst einmal viel Arbeit sein, weil unser Gehirn so aufgebaut ist, dass es gerne immer das Gleiche denkt."

Die Steinzeit in uns

Der Grund dafür liegt weit zurück, es ist das steinzeitliche Erbe, das noch immer herrscht: Jeder bekannte Weg bedeutete in einer Welt voll wilder Tiere und anderer Gefahren Sicherheit. "Aber Sicherheit ist das absolute Gegenteil von Begeisterung oder gar Leidenschaft", sagt die Psychologin. "Erst wenn wir unsere Komfortzone verlassen und Herausforderungen bewältigen, bekommen wir das gute Gefühl eines Erfolgserlebnisses." Und Letzteres ist die Voraussetzung für Leidenschaft – für den Wunsch, etwas wieder und wieder tun zu wollen.

Wie aber kann man das schaffen? Muss man dazu Extremsportler werden oder jeden Tag Großes vollbringen? "Nein", sagt Ilona Bürgel. "Das Gehirn reagiert schon auf Kleinigkeiten. Man kann es spielerisch trainieren – indem man zum Beispiel die Zähne ab sofort mit links putzt statt mit rechts, einen anderen Weg zur Arbeit nimmt als normalerweise, eine andere Kaffeesorte oder neue Früchte probiert. Alles, was Kreativität und die Lust aktiviert." Es ist also das Glück der kleinen Schritte. Eine Woche lang jeden Tag drei Sachen anders zu machen als sonst könnte den Weg schon ebnen. Bleibt man am Ball und stellt sich immer neuen Herausforderungen, geht es weiter – so kann aus dem Plan, ein einziges Mal in die Berge zu fahren statt ans Meer, etwa die Leidenschaft fürs Wandern entstehen.

Eine Kleinigkeit ist dabei jedoch nicht von der Hand zu weisen: "Es gibt Unterschiede darin, wie schnell Menschen sich für etwas begeistern oder wie lange diese Begeisterung anhält", sagt Ilona Bürgel. Denn tatsächlich ist es so, dass feurige Südländer eher für etwas heißlaufen als kühle Nordlichter. Vielleicht liegt es an der generellen Lebenseinstellung im Süden, an mehr Sonne, Licht und Luft. Vielleicht aber auch an der einen oder anderen deutschen Tugend, wie zum Beispiel, alles erst genau überdenken zu wollen – statt einfach mal etwas zu wagen. Wobei alles seine Vor- und Nachteile hat.

Auch sind Frauen und Männer unterschiedlich leidenschaftlich. Männer eher mehr, Frauen weniger. Den Grund dafür sieht Ilona Bürgel in der Erziehung: "Frauen wurde als Kind viel öfter gesagt ,Pass auf!‘ oder ,Sei vorsichtig!‘. Dadurch werden Eigenschaften wie Mut oder Kühnheit nicht unbedingt ausgebildet." Aber, wie wir jetzt wissen: Es ist nicht zu spät, alles ist erlernbar.


So bleibt Liebe leidenschaftlich

Zu Beginn brennt die Leidenschaft, frisch Verliebte können kaum voneinander lassen. Doch irgendwann sitzen fast alle lieber gemütlich auf dem Sofa, das Bett bleibt kalt. "Das ist normal", sagt der Hamburger Therapeut Michael Thiel. "Es ist von der Natur gewollt: Im Hirn schwirren in der verliebten Phase jede Menge Glückshormone herum – damit wir den Partner perfekt finden und uns fortpflanzen."

Nach ein bis zwei Jahren ist der Cocktail abgebaut, Alltag stellt sich ein. "Auch das ist wichtig", sagt Thiel. "Die Liebe kommt auf eine neue Ebene, die uns zurück ins Leben holt. Würden wir immer mit diesem Hormon-Mix herumlaufen, wäre das ein ungesunder Dauerrausch."

In der neuen Ruhe wachsen Werte wie Vertrauen und Sicherheit, also all das, was die Beziehung stabil macht. Und doch vermissen viele die Leidenschaft, oft baut die Gemütlichkeit sogar eine Hemmschwelle auf, "es" mal wieder zu tun. "Auch in der Liebe ist es wichtig, sich nicht hängen zu lassen", sagt Thiel. "Wer den Partner als Lieblingssofa betrachtet, kann keine Spannung aufbauen. Besser ist es, neugierig aufeinander zu bleiben, den Partner neu zu entdecken – und wachsam zu sein für das Glück der Liebe."


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