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12.01.2013
Portrait
Detlef Stoffel: Der Bielefelder Schwulenaktivist
Der Kämpfer ist geblieben
VON CAROLINE LINDEKAMP

Noch immer kämpferisch | FOTO: SARAH JONEK

Die Kiste ist riesig, bestimmt über einen Meter lang, aus massivem, unbearbeitetem Holz gezimmert. Nur mühsam lässt sich der schwere Kasten an der dicken Seilschlaufe über den Boden ziehen. Er erinnert an eine alte Seemannskiste von einer langen Reise. Der Schlüssel zu dem Vorhängeschloss öffnet den Blick auf einen Teil des Lebens von Detlef Stoffel, einem der Wegbereiter der Schwulenemanzipationsbewegung in Deutschland: vollgekritzelte Tagebücher aus der Sturm-und-Drang-Zeit der Aktivisten, wohlsortierte Liebesbriefe aus wilden Dreiecksbeziehungen, Flugblätter von Protestaktionen, Filmrollen und Fotos.

"Ja, mein Archiv ist umfangreich, aber vor allem überraschend. Da kommen Sachen raus, an die ich mich gar nicht mehr erinnert habe", sagt der heute 62-jährige Stoffel. In der Hand hält er ein Foto: der kleine Detlef als strahlendes Baby auf dem Arm von Mutter Anneliese. Das Lachen ist geblieben, und heute teilt er sich wieder das Haus mit seiner Mutter, lebt in einer Wohnung nur zwei Etagen über ihr und pflegt die 92-jährige Frau. "Das ist der kosmische Ausgleich", hat einer von Stoffels drei Brüdern einmal gesagt. Wenn die Schwuchtel schon nicht für Nachwuchs sorge, könne sie sich wenigstens um die Alte kümmern. Diese Schärfe und nüchterne Brutalität sind typisch für Stoffels Erzählungen. Ohne eine Miene zu verziehen, berichtet er von den Anfeindungen. Entschlossenheit und eine tiefe Überzeugung für die Sache sprechen aus seinem Blick und seiner Stimme, wenn er so erzählt.

Info

Detlef – 60 Jahre schwul

Der Detmolder Regisseur Stefan Westerwelle und Kameramann Jan Rothstein haben Detlef Stoffel über ein Jahr begleitet. Herausgekommen ist der bewegende Dokumentarfilm "Detlef – 60 Jahre schwul", der unter anderem bei der Berlinale gefeiert wurde. Die gute Bildarbeit der aktuellen Aufnahmen im Wechsel zu Archivmaterial bietet eine eindrucksvolle Reise in ein fast vergessenes Kapitel deutscher Geschichte: die Schwulenemanzipationsbewegung. Auch der Umgang mit dem Älterwerden und Stoffels Beziehung zu seiner pflegebürftigen Mutter sind Thema in dem eindrucksvollen Film.

"Detlef – 60 Jahre schwul" ist mittlerweile auf DVD erhältlich, die mit Stoffels Film "Rosa Winkel" als Bonusmaterial kommt. Der Streifen von 1975 beschäftigt sich mit der Verfolgung von Homosexuellen im Nationalsozialismus.

Als Stoffel sich schließlich outete, ging die Mutter zum Arzt und fragte, was man denn dagegen machen könne. "Der hat ihr glücklicherweise gesagt: ,Nichts kann man da machen.‘" Die Familie habe seine Homosexualität heute längst akzeptiert; seine Freunde seien immer willkommen gewesen. Die allgemein fehlende Akzeptanz gegenüber Schwulen macht ihn natürlich noch wütend. "Aber nicht so, dass ich in den Teppich beiße. Wut muss einen konstruktiven Weg gehen." Das entschiedene, überlegte Auftreten verleiht dem schlanken, hochgewachsenen Mann Glaubwürdigkeit, wenn er in seiner gemütlichen Wohnung sitzt und von seinem bewegten Leben erzählt. Warmes Licht, aufgeräumte Regale, ein penibel sortierter Kleiderschrank – Stoffels Lebensarchiv ist vermutlich das Einzige in seinem Zuhause, das nicht von akribischer Ordnung zeugt.

Erster Freund "ein Beach-Boy-Typ"

Erst nach dem Abitur erkannte Stoffel sein Schwulsein. "Vorher gab es für mich weder Bilder noch Orientierungspunkte noch irgendwas, um die Gefühle zu artikulieren." Bei einem USA-Aufenthalt traf er seinen ersten Freund, "ein Beach-Boy-Typ". "Ich war auf einmal schwul, ohne dass ich das damals so genannt hätte. Ich habe keine Sekunde gedacht, das ist falsch oder abartig. Ich fand es vom ersten Moment an geil."
Noch ganz klein | FOTO: PRIVAT

In der Seemannskiste findet Stoffel Briefe von seiner ersten großen Liebe aus den USA – auch den, der der Beziehung ein Ende setzte. "Wir hatten uns sehr voneinander wegentwickelt. Er lebte sein Schwulsein zwar, aber gut verpackt, er war eher der angepasste Schrankschwule." Stoffel hingegen war ein Kämpfer. Als Soziologiestudent in Bielefeld machte er für die Rechte und Anerkennung von Schwulen mobil. Er organisierte Protestkundgebungen und Infoveranstaltungen, drehte Filme, gründete die erste Schwulen-WG in der Stadt – kurz: Er machte Bielefeld zu einem der Zentren der Schwulenemanzipationsbewegung in den 1970er Jahren. "Da ist jemand, der sich wirklich gut auskennt, und auch ein sehr kämpferischer Typ", erinnert sich der Schauspieler Gustav Peter Wöhler an Stoffel. "Das hat mich beeindruckt, wie weit er sich aus dem Fenster gelehnt hat, wie viel er eingesteckt hat." Natürlich, Stoffel wollte nichts weniger als den gesellschaftlichen Wandel. Die Entschlossenheit und die Überzeugung, mit der er heute im Interview aus seinem Leben erzählt, verlieh ihm auch damals Profil. Er blieb sachlich, wenn ihm Passanten bei einer Kundgebung in der Bielefelder Innenstadt rieten, mit seinen schwulen Freunden doch in ein Ghetto zu ziehen.

Naturkosthandel "Löwenzahn" gegründet

Zunächst auch als Schwulenprojekt gründete Stoffel den Naturkosthandel "Löwenzahn", um einen Ort zum selbstbestimmten Arbeiten zu schaffen. Aus dem kleinen Betrieb wurde schnell ein Großhandel, und nebenbei baute Stoffel noch den Bundesverband Naturkost auf, war dort im Vorstand, reiste bald als Berater für Naturprodukte durch die Welt. In der Holzkiste erinnern Mitarbeiterrundschreiben und Tagebucheinträge an die Zeit. "Wenn ich das jetzt lese, wundere ich mich, was ich damals alles gleichzeitig gemacht habe."

Natürlich hatte auch die Öko-Bewegung einen höheren Sinn, es ging nicht einfach um Essen. Muss sich Detlef Stoffel engagieren? "Ich muss gar nichts, aber ich habe große Lust, Sachen auf den Weg zu bringen und sie zu begleiten." Die Aufopferungsgabe, den Drang nach Veränderung, das Verantwortungsbewusstsein hat sich Stoffel bewahrt, ist sich über allem treu geblieben. Aufgehört habe die Schwulenbewegung in einem Teil von ihm nie.

2011 | FOTO: PRO FUNMEDIA

"Das Präsentsein war und ist ausgesprochen wichtig. Klarmachen, ich bin nicht irgendein Phänomen, kein Monster, ich bin ein normaler Mensch mit allen Brüchen und allen Macken." Auch deswegen hat Stoffel sein holzumschlossenes Lebensarchiv für die Kamera geöffnet, sich von befreundeten Filmemachern für eine Dokumentation begleiten lassen – bei der Pflege seiner Mutter, Arztterminen, Friseurbesuchen, Reisen und Sex. Bissig und kritisch tritt er auch in der Doku auf, zieht ernüchternd Bilanz: "Scheiße, dass ich alt bin. Klar, mit 60 ist man alt – als Schwuler allemal."     


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